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Saisonausverkauf

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Kennt eigentlich noch jemand einen aktuellen Spieler der italienischen Serie A? Gut, das ist vielleicht zu polemisch formuliert, ich weiß unter den Lesern dieses kleinen Hausfrauenblogs einige, die die aktuelle Torschussstatistik von Sergio Pellissier aufsagen können. Aber so ganz allgemein gefragt dürfte es langsam dünn werden, was international bekannte Namen in der höchsten Spielklasse des Stiefels angeht. Gut, das durchschnittliche Fußballerleben dauert im „Altersheim des Fußballs“ etwas länger und so erfreuen noch ein paar Kämpen der alten Garde die wenigen Fans im Stadion: Francesco Totti spielt durchaus noch Fußball, wenn auch nicht mehr ganz so regelmäßig wie in seiner Jugend. Alessandro del Piero und Pippo Inzaghi wurden die Töppen an den Nagel gehängt, aber mit Andrea Pirlo hat jemand seinen Platz übernommen, der zumindest in den Kommentaren der Sportmoderatoren immer noch ein ganz Großer ist. Die beiden sind dann aber auch die letzten aus der großen italienischen Spielergeneration, nachdem auch Alessandro Nesta mittlerweile in Toronto Montreal und Gennaro Gattuso in der Schweiz am abtrainieren sind. In einem ählichen Altersrahmen befanden sich die letzten verbliebenen internationalen Stars der einstmals erfolgreichsten Liga der Welt. Der gefühlt 80-jährige Clarence Seedorf hat sich nach Brasilien zu Botafogo abgesetzt, dafür bleibt uns der „ewige Kapitän“ Xavier Zanetti von Inter mindestens noch eine Spielzeit erhalten. Vermutlich auch der brasilianische Außenverteidiger Maicon, auch wenn bei beiden der Ruhm schon vor ein paar Jahren begründet wurde, von dem sie heute noch zehren. Die letzten beiden tatsächlichen Superstars, die nicht aus Altersgründen in ein noch gemütlicheres Campionat wechseln, waren Thiago Silva und Zlatan Ibrahimovic, die von Vereinspadron Silvio Berlusconi aus Gründen der Etatpflege gewinnbringend an die Scheichs von Paris Saint Germain versilbert wurden. „Paris ist besser als der AC Mailand, weil der seine beiden besten Spieler verloren hat“, berichtet der Schwede im Fachblatt Sport Bild über seinen ehemaligen Arbeitgeber. Die absoluten Superstars des modernen Fußballs spielen jedenfalls in anderen Ligen, nicht mehr in Italien. Bis auf den Ausnahmefall Juventus, wo sich neues Stadion und sportliche Wiedererweckung auch vorsichtig im Transfermarkt niederschlagen, scheint Platinis „Financial Fair Play“ in Italien auf unerhörte Zustimmung zu treffen. Die offene Baustelle AS Roma wirbelt die eigene Mannschaft mit dem Einkauf von jugendlichen Talenten durcheinander, ohne dabei aber ein gröberes Haushaltsdefizit zu verursachen. Der AC Milan verkauft alles, was nicht niet- und nagelfest ist, um das jährlich übliche Loch im Etat von 60 Millionen Euro ein für allemal hinter sich zu lassen. Auch Inters Massimo Moratti ist aufgefallen, dass die in seiner Präsidentschaft in den Verein gepumpten ca. 1,5 Milliarden Euro von irgendwo kommen müssen und hat seinem Club eine Low Cost-Diät auferlegt. Napoli trennt sich von Führungsfigur Lavezzi und feiert so seine durchaus erfolgreiche Champion’s League-Saison. Und so oszilliert der Transfermarkt Italiens zwischen dem Erwerb jugendlicher Talente und dem Austausch von Spielern untereinander – gern unter der Formel der „Miteigentümerschaft“ (zwei Vereine teilen sich einen Spieler) -, Verleih- und Tauschgeschäften sowie kommoden Ratenzahlungen. Wieder einmal die Sport Bild verleiht zwar schon am 07.07. in ihrer Online-Ausgabe Italien den Titel des „Transfer-Europameisters“, bemerkt aber immerhin auch: „Ein echter Topstar oder eine einzelne Ablösesumme in horrender Höhe fehlt in der Liste der Transfers im Land des frisch gebackenen Vize-Europameisters.“ Fakt ist, das namhafte Stars die Liga verlassen und eher unbekanntere Spieler eingekauft werden, netto bleibt also wahrscheinlich eine sportliche Verschlechterung zu konstatieren. Lang her die Zeiten, als die stärksten Spieler der Welt in Italiens Stadien kickten, als die verschiedenen Brehme, Völler, Matthäus, Häßler oder Bierhoff selbstverständlich für einen italienischen Verein aufliefen. Etwas weniger lange, aber auch schon fast 10 Jahre her, dass drei von vier Semifinalisten der Champions League aus der Serie A kamen. Nur die Älteren können sich daran erinnern, dass das San Siro einmal allein von Dauerkarteninhabern ausverkauft war und gern erzählen sich Fans davon, wie 70.000 Fans das Spiel Milan gegen Cavese in der Serie B in ein ausverkauftes Tollhaus verwandelten. Seitdem regnet es eigentlich nur schlechte Nachrichten: Schiedsrichterbestechungsskandale („Calciopoli“), Wettskandale („Scommessopoli“), leere Stadien, der Verlust eines Champion’s League-Teilnehmerplatzes an die deutsche Bundesliga, die Abwanderung der verbliebenen Stars und der international erfolgreichen Trainer wie Fabio Capello, Carlo Ancelotti oder Luciano Spalletti oder reihenweise Vereinspleiten. Ende August wird also eine neue Saison angepfiffen vor der so viele Fragezeichen stehen, wie sonst nirgends. Auf europäischer Ebene haben sich die meisten Fans mit einer Statistenrolle abgepfiffen und hoffen auf so etwas wie „Gruppenphase überstehen und dann vielleicht Glück haben“. Die Serie A selbst breitet sich nach der Abrüstung der beiden Mailänder Teams auf einen weiteren Scudetto der Juve vor, was dahinter stattfindet, ist kaum prognostizierbar, wird aber vermutlich schlechter anzuschauen sein als in den letzten Jahren. Die Hoffnung besteht darin, dass die derzeitige Krise die Suche nach kreativen Lösungsmöglichkeiten befeuern könnte: Die großen gestreiften Teams aus dem Norden Juventus (Conte), Milan (Allegri) und Inter (Stramaccioni) legen ihr Schicksal in die Hände von Trainern, die fast noch mitspielen könnten. In Rom findet das derzeit wohl spannendste Projekt von jungen Spielern unter der sportlichen Leitung vom alten Haudegen Zdenek Zeman statt. Napoli verleiht Jungstar Insigne (letztes Jahr an Pescara verliehen) ebenso einen Vertrag bis 2017 wie Milan seinem jungen Wilden Stephan El Sharaawy. Es gibt also durchaus Anzeichen für ein vorsichtiges Umdenken. Vielleicht wäre es ein Ansatz, wegen der anhaltenden Finanzknappheit jungen Talenten eine Chance zu geben, anstatt sie jahrelang in der Provinz „Erfahrungen sammeln zu lassen“. Was bei Trainern möglich ist, kann dem Spielbetrieb selbst nur zuträglich sein. Eine Rückbesinnung auf die hauseigene Jugendarbeit als Talentschmiede (und Kostensenkungsfaktor) bei Vereinen wie dem AC Milan spricht ja durchaus dafür. Fakt ist, dass es dem Land und dem Fußballbetrieb ökonomisch nicht sonderlich gut geht. Eigene Stadien als Einnahmefaktor fehlen den Vereinen (mit Ausnahme von Juventus) und den Vereinseigentümern, die bis auf Di Benedetto vom AS Roma allesamt aus dem Inland stammen, machen Wirtschafts- und Finanzkrise zu schaffen. Ich will hoffen, dass es positive Überraschungen gibt, Beispiele dafür, dass man mit intelligenter Jugendarbeit und Transferpolitik, einem Festhalten an einmal eingeschlagenen „Projekten“ und „Strategien“ und einem radikalen Umbau der Vereine zu zählbaren Ergebnissen kommt. Ich bin gespannt auf den AS Roma, ich freue mich auf den AC Milan mit einem hoffentlich wiedergenesenen Pato und auf PescAra in der höchsten Spielklasse. Wenn die Saison 2012/13 dann wieder schlecht, langweilig und erfolglos wird, dann weiß ich aber wenigstens die Gründe hierfür: Es kann ja nicht immer eine Überaschung geben.