Adriano Galliani

Mourinho und Galliani zum Zustand der Serie A

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Inter-Coach Josè Mourinho äußerte sich mit der Feststellung, dass der italienische Fußball international an Prestige verloren hätte und außerhalb des Stiefels in den letzten Jahren stark an Bedeutung verloren hat. Die spanische Liga, die englische Premier und selbst die deutsche Bundesliga würden international weit mehr Aufmerksamkeit (sprich Fernsehzeiten) erhalten als des Italieners Lieblingswettbewerb. Man müsse sich fragen, wieso die Serie A in Deutschland oder England nicht übertragen wird und weltweit noch mehr ins Hintertreffen gerät. Nun, wenn es bei Mourinho geblieben wäre, hätte das verwundete italienische Herz dies vielleicht noch als die übliche Provokation der Stunde abgetan, zumal es vom passionierten Unsympathen und Portugiesen in Diensten ausgerechnet des FC Internazionale kommt. Eben jenem Mourinho, der sich bei Chelsea einen Namen damit machte, taktisch hochwertigen aber bemüht unspektakulären Ergebnisfußball spielen zu lassen. Gestern nun aber meldet sich Adriano Galliani, Liga-Chef und Intermins-Vorsitzender des AC Milan, zu Wort und schliesst sich den Aussagen Mourinhos an:
„Erneut stimme ich einigermaßen mit Mourinho überein. Wir müssen sehr viel tun, weil sich der Appeal des italienischen Fußballs verringert hat. (…) Wenn ich die Premier League anschaue mit diesem herrlichen Rasen, den vollen Stadien, den hervorragenden TV-Übertragungen und vieles andere, gibt dir das den Eindruck eines Produkts mit weitaus mehr Anziehungskraft als unseres, wo man leere Stadien sieht, häßliche Tribünen und häßlichen Rasen.“
Nun, im Prinzip ist an der Beobachtung nichts zu deuteln, Birgit Schönau war das im Januar schon eine Wortmeldung wert, insofern wundert es, dass das Thema erst jetzt auf den Tisch kommt. Vielleicht brauchte es ja den ausländischen Lautsprecher, um den typisch italienischen Kreis von „Totschweigen und Weiterwurschteln“ zu durchbrechen. Ebenso wohltuend wie erstaunlich ist, dass weder Mourinho noch Galliani sich zur üblichen Erklärung hinreißen ließen, dass gewalttätige Fans an allem Schuld seien und man nun härter gegen Leute mit Blitzknallern vorgehen müsse. Aber was ist denn nun dran an den Aussagen? In Europa verbreitet seit Jahren nur noch der AC Mailand, dass in Italien überhaupt Fußball gespielt wird. Die alte Dame Juve war lange zuvorderst mit den inländischen Schiedsrichtern beschäftigt und ist jetzt erst dabei, sich aus dem Sumpf von calciopoli zu befreien. Inter war in der Königsklasse des europäischen Fußballs letztmalig erfolgreich, als der Cup noch aus Stein gemeißelt wurde und die Roma fällt höchstens mal auf, wenn sie sich 7 Tore von ManU einschenken lassen. Den ach so typischen catenaccio gibt es zwar seit Jahrzehnten nur noch im unbelehrbar realitätsfernen Vokabular deutscher Sportjournalisten (ein hervorragendes Beispiel der Verbindung von kompletter fußballerischer Ahnungslosigkeit mit Uralt-Vorurteilen war Sebastian Hellmanns Moderation von AC Florenz gegen Bayern München auf Sat 1), aber die italienische Liga ist weiterhin geprägt von wenig spektakulärem aber taktisch raffiniertem Ergebnisfußball. Das war aber schon immer so und während man sich in der Bundesliga und der Premier League an einem 5:4 erfreut, würden italienische Heimzuschauer schon pfeifen, wenn der gegnerische Angreifer 50 cm Platz hat, um sich zu drehen. Das muss man nicht mögen, aber so ganz unberechtigt ist man mit der Spielweise ja nicht Weltmeister geworden. Die Stadien sind alt, dreckig und leer. Sieht man einmal von den beiden Mailänder Publikumsmagneten ab, darf man das sicher so stehen lassen. Letztens hab ich mir die Übertragung von Palermo gegen Inter angeschaut und viele Impressionen gewonnen von einer furchtbar häßlichen Betonschüssel mit ein paar rosa Sprenkeln drin. Das Turiner Stadtderby war letztens nicht mal ausverkauft. Roma gegen Lazio? Viele leere Sitzreihen. Ausgehend davon, dass die englische Operettenliga mit ihren zusammengekauften Söldnertruppen rund um ihren gegelten Schönling Christiano Ronaldo, ihren arabischen, russischen und amerikanischen „Investoren“, ihren zwar vollen aber weitgehend stimmungsbefreiten Stadien mit exorbitanten Eintrittspreisen nun wirklich kein Vorbild für die weitere Entwicklung sein kann, ist die Beantwortung der von Mourinho aufgeworfene Frage aber wirklich seit Jahren überfällig. Zumal Italiens Fußballbegeisterung ja ungebrochen ist und auch calciopoli nicht etwa zu einem nachlassenden Interesse am Sport geführt hat. Weiterhin beschäftigen sich 3 Tageszeitungen fast ausschließlich mit Fußball, weiterhin wird Montagmorgens im Büro über nichts anderes gesprochen. Nun, Pay-TV ist in Italien weit verbreitet und Gallianis großer Boss ist ja hier federführend gewesen. In Zeiten knapper Kassen und hoher Eintrittspreise versammelt man sich in den Sport-Bars vor der großen Leinwand. Das kostet nichts und bietet zumindest ersatzweise das Gefühl, ein Spiel in Gesellschaft anzuschauen. Allein in meiner kleinen Heimatstadt gibt es gute zwei Dutzend Kneipen, die alle denkbaren Spiele übertragen. Auch die Zahl der privaten Abonnenten von Sky und Mediaset würde jeden Premiere-Manager vor Freude den Benz absaufen lassen. Die Stadien sind – mit Ausnahme des Mailänder San Siro – in einem armseligen Zustand und erinnern an das Leipziger Zentralstadion vor der Wende. Juventus baut sich gerade eine ordentliche Spielstätte und kehrt dem traditionsreichen aber atmosphärisch ungenügenden „delle Alpi“ den Rücken. Inter plant gerade ein neues Stadion. Alle anderen Vereine haben genug damit zu tun, jeden Monat die Gehälter an den Gläubigern vorbei in die Umkleide zu schmuggeln. Hier wurde mit der verpassten EM-Bewerbung eine Riesen-Chance vertan, die fußballerische Infrastruktur auf den Stand des 21. Jahrhunderts zu heben. Und ich rede hier nicht von VIP-Lounges und Polstersesseln – Bars ohne Salmonellengefahr, Auswärtsblocks ohne Drahtkäfig drumrum, nicht verrostete Geländer und eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr würden ja schon reichen. Wer dann trotzdem ins Stadion will, kann das aber nicht so ohne weiteres. Die völlig überdrehten Antiterrorgesetze gegen Fußballfans sorgen dafür, dass man nicht so ohne weiteres ein Ticket kaufen kann. Ausfährtsfahrten sind häufiger verboten als erlaubt, der Eintrittskartenverkauf ist nur unter Vorlage des Personalausweises, der Steuernummer (auch für Kinder) und eines aktuellen Urintests möglich. Transparente müssen Wochen vorher angemeldet werden, willkürliche Stadionverbote und auch mal ne Exekution auf dem Autobahnrastplatz führen zur Auflösung jahrzehntealter Fangruppierungen, Megaphone und Pyrotechnik sind seit 2 Jahren komplett verbannt. Auf diese Art und Weise hat man zwar den Ultràs den Saft abgedreht, damit den Stadionbesuch aber immer noch nicht für den Durchschnittsbesucher attraktiv gemacht. Vor allem nicht in einem Land, dessen Durchschnittseinkommen ein gutes Drittel unter dem deutschen liegt. Am italienisch geprägten hochdisziplinierten Taktikfußball wird es nicht liegen, daran hat man sich in den letzten hundert Jahren gewöhnt und Englands Premier ist auch nicht erst seit der Abkehr vom kick & rush interessant. Vielleicht wäre es eine Überlegung wert, dass der verfilzte, mafiöse und auf persönlichen Beziehungen basierende undurchsichtige Ligabetrieb von ausländischen Investoren gescheut wird wie eine ansteckende Krankheit – der Skandal um Juve Manager Luciano Moggi war ja nur die niemals aufgearbeitete Spitze des Eisbergs. Die teils grotesk überschuldeten italienischen Clubs werden von einfallsreicher Gesetzgebung und noch fantasievollerer Auslegung derselben Jahr für Jahr irgendwie am Leben erhalten, ohne dass sie jemals Raum hätten für einen sinnvollen Neuanfang. Scheintote Bilanzleichen kicken in der Serie A mehr als genug, Geld für neue Stadien oder auch nur Spitzenspieler haben die natürlich nicht – es ist sicher kein Zufall, dass die Weltmeister Barzagli, Zaccardo und Luca Toni ausgerechnet in die belächelte Bundesliga wechseln, aus dem Ausland aber nur abgeschobene Stars wie Ronaldinho, Zambrotta, Shevchenko und Quaresma nach Italien wechseln. Fakt ist, dass tatsächlich einiges faul ist im italienischen Fußballbetrieb. Vetternwirtschaft, merkwürdige wirtschaftliche Verflechtungen und persönliche Allianzen, esoterische new age-Buchführung, ausufernde Korruption, Überschuldung und, ja, auch ein Problem mit Fangewalt tragen zu einem einigermaßen düsteren Bild bei. Und es wäre an eben jenem Adriano Galliani, an diesen Zuständen etwas zu ändern:
  • Echtes Durchgreifen gegen Korruption und Manipulation im Ligabetrieb.
  • Knallhartes Durchsetzen der finanziellen Verpflichtungen der Vereine.
  • Erneuerung der sportlichen Infrastruktur.
  • Einflussnahme zugunsten einer zivilisierten Fernsehberichterstattung.
  • Neuaufbau einer wettbewerbsfähigen Schiedsrichterkaste.
Allein, mir fehlt der Glaube, dass sich mit den derzeitigen Verantwortlichen irgendetwas bewegt. Die reflexhafte Abwälzung der Schuld an die lobbylosen Ultràs ist natürlich einfacher und stellt das korrupte System nicht infrage. Aber, nunja…
Der italienische Fußball-Meister Inter Mailand muss sich mit wachsenden finanziellen Problemen auseinandersetzen. Der Spitzenklub schloss das Geschäftsjahr 2007/2008 mit Verlusten in Höhe von 148 Millionen Euro ab. In vier Jahren sammelte der Mailänder Verein unter der Führung des Erdölmagnaten Massimo Moratti Schulden in Höhe von 500 Millionen Euro an.
Quelle: SZ Online vom 20.11.2008