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Mourinho und Galliani zum Zustand der Serie A

Inter-Coach Josè Mourinho äußerte sich mit der Feststellung, dass der italienische Fußball international an Prestige verloren hätte und außerhalb des Stiefels in den letzten Jahren stark an Bedeutung verloren hat. Die spanische Liga, die englische Premier und selbst die deutsche Bundesliga würden international weit mehr Aufmerksamkeit (sprich Fernsehzeiten) erhalten als des Italieners Lieblingswettbewerb. Man müsse sich fragen, wieso die Serie A in Deutschland oder England nicht übertragen wird und weltweit noch mehr ins Hintertreffen gerät. Nun, wenn es bei Mourinho geblieben wäre, hätte das verwundete italienische Herz dies vielleicht noch als die übliche Provokation der Stunde abgetan, zumal es vom passionierten Unsympathen und Portugiesen in Diensten ausgerechnet des FC Internazionale kommt. Eben jenem Mourinho, der sich bei Chelsea einen Namen damit machte, taktisch hochwertigen aber bemüht unspektakulären Ergebnisfußball spielen zu lassen. Gestern nun aber meldet sich Adriano Galliani, Liga-Chef und Intermins-Vorsitzender des AC Milan, zu Wort und schliesst sich den Aussagen Mourinhos an:

„Erneut stimme ich einigermaßen mit Mourinho überein. Wir müssen sehr viel tun, weil sich der Appeal des italienischen Fußballs verringert hat. (…) Wenn ich die Premier League anschaue mit diesem herrlichen Rasen, den vollen Stadien, den hervorragenden TV-Übertragungen und vieles andere, gibt dir das den Eindruck eines Produkts mit weitaus mehr Anziehungskraft als unseres, wo man leere Stadien sieht, häßliche Tribünen und häßlichen Rasen.“

Nun, im Prinzip ist an der Beobachtung nichts zu deuteln, Birgit Schönau war das im Januar schon eine Wortmeldung wert, insofern wundert es, dass das Thema erst jetzt auf den Tisch kommt. Vielleicht brauchte es ja den ausländischen Lautsprecher, um den typisch italienischen Kreis von „Totschweigen und Weiterwurschteln“ zu durchbrechen. Ebenso wohltuend wie erstaunlich ist, dass weder Mourinho noch Galliani sich zur üblichen Erklärung hinreißen ließen, dass gewalttätige Fans an allem Schuld seien und man nun härter gegen Leute mit Blitzknallern vorgehen müsse. Aber was ist denn nun dran an den Aussagen?

In Europa verbreitet seit Jahren nur noch der AC Mailand, dass in Italien überhaupt Fußball gespielt wird. Die alte Dame Juve war lange zuvorderst mit den inländischen Schiedsrichtern beschäftigt und ist jetzt erst dabei, sich aus dem Sumpf von calciopoli zu befreien. Inter war in der Königsklasse des europäischen Fußballs letztmalig erfolgreich, als der Cup noch aus Stein gemeißelt wurde und die Roma fällt höchstens mal auf, wenn sie sich 7 Tore von ManU einschenken lassen.

Den ach so typischen catenaccio gibt es zwar seit Jahrzehnten nur noch im unbelehrbar realitätsfernen Vokabular deutscher Sportjournalisten (ein hervorragendes Beispiel der Verbindung von kompletter fußballerischer Ahnungslosigkeit mit Uralt-Vorurteilen war Sebastian Hellmanns Moderation von AC Florenz gegen Bayern München auf Sat 1), aber die italienische Liga ist weiterhin geprägt von wenig spektakulärem aber taktisch raffiniertem Ergebnisfußball. Das war aber schon immer so und während man sich in der Bundesliga und der Premier League an einem 5:4 erfreut, würden italienische Heimzuschauer schon pfeifen, wenn der gegnerische Angreifer 50 cm Platz hat, um sich zu drehen. Das muss man nicht mögen, aber so ganz unberechtigt ist man mit der Spielweise ja nicht Weltmeister geworden.

Die Stadien sind alt, dreckig und leer. Sieht man einmal von den beiden Mailänder Publikumsmagneten ab, darf man das sicher so stehen lassen. Letztens hab ich mir die Übertragung von Palermo gegen Inter angeschaut und viele Impressionen gewonnen von einer furchtbar häßlichen Betonschüssel mit ein paar rosa Sprenkeln drin. Das Turiner Stadtderby war letztens nicht mal ausverkauft. Roma gegen Lazio? Viele leere Sitzreihen.

Ausgehend davon, dass die englische Operettenliga mit ihren zusammengekauften Söldnertruppen rund um ihren gegelten Schönling Christiano Ronaldo, ihren arabischen, russischen und amerikanischen „Investoren“, ihren zwar vollen aber weitgehend stimmungsbefreiten Stadien mit exorbitanten Eintrittspreisen nun wirklich kein Vorbild für die weitere Entwicklung sein kann, ist die Beantwortung der von Mourinho aufgeworfene Frage aber wirklich seit Jahren überfällig. Zumal Italiens Fußballbegeisterung ja ungebrochen ist und auch calciopoli nicht etwa zu einem nachlassenden Interesse am Sport geführt hat. Weiterhin beschäftigen sich 3 Tageszeitungen fast ausschließlich mit Fußball, weiterhin wird Montagmorgens im Büro über nichts anderes gesprochen.

Nun, Pay-TV ist in Italien weit verbreitet und Gallianis großer Boss ist ja hier federführend gewesen. In Zeiten knapper Kassen und hoher Eintrittspreise versammelt man sich in den Sport-Bars vor der großen Leinwand. Das kostet nichts und bietet zumindest ersatzweise das Gefühl, ein Spiel in Gesellschaft anzuschauen. Allein in meiner kleinen Heimatstadt gibt es gute zwei Dutzend Kneipen, die alle denkbaren Spiele übertragen. Auch die Zahl der privaten Abonnenten von Sky und Mediaset würde jeden Premiere-Manager vor Freude den Benz absaufen lassen.

Die Stadien sind – mit Ausnahme des Mailänder San Siro – in einem armseligen Zustand und erinnern an das Leipziger Zentralstadion vor der Wende. Juventus baut sich gerade eine ordentliche Spielstätte und kehrt dem traditionsreichen aber atmosphärisch ungenügenden „delle Alpi“ den Rücken. Inter plant gerade ein neues Stadion. Alle anderen Vereine haben genug damit zu tun, jeden Monat die Gehälter an den Gläubigern vorbei in die Umkleide zu schmuggeln. Hier wurde mit der verpassten EM-Bewerbung eine Riesen-Chance vertan, die fußballerische Infrastruktur auf den Stand des 21. Jahrhunderts zu heben. Und ich rede hier nicht von VIP-Lounges und Polstersesseln – Bars ohne Salmonellengefahr, Auswärtsblocks ohne Drahtkäfig drumrum, nicht verrostete Geländer und eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr würden ja schon reichen.

Wer dann trotzdem ins Stadion will, kann das aber nicht so ohne weiteres. Die völlig überdrehten Antiterrorgesetze gegen Fußballfans sorgen dafür, dass man nicht so ohne weiteres ein Ticket kaufen kann. Ausfährtsfahrten sind häufiger verboten als erlaubt, der Eintrittskartenverkauf ist nur unter Vorlage des Personalausweises, der Steuernummer (auch für Kinder) und eines aktuellen Urintests möglich. Transparente müssen Wochen vorher angemeldet werden, willkürliche Stadionverbote und auch mal ne Exekution auf dem Autobahnrastplatz führen zur Auflösung jahrzehntealter Fangruppierungen, Megaphone und Pyrotechnik sind seit 2 Jahren komplett verbannt. Auf diese Art und Weise hat man zwar den Ultràs den Saft abgedreht, damit den Stadionbesuch aber immer noch nicht für den Durchschnittsbesucher attraktiv gemacht. Vor allem nicht in einem Land, dessen Durchschnittseinkommen ein gutes Drittel unter dem deutschen liegt.

Am italienisch geprägten hochdisziplinierten Taktikfußball wird es nicht liegen, daran hat man sich in den letzten hundert Jahren gewöhnt und Englands Premier ist auch nicht erst seit der Abkehr vom kick & rush interessant. Vielleicht wäre es eine Überlegung wert, dass der verfilzte, mafiöse und auf persönlichen Beziehungen basierende undurchsichtige Ligabetrieb von ausländischen Investoren gescheut wird wie eine ansteckende Krankheit – der Skandal um Juve Manager Luciano Moggi war ja nur die niemals aufgearbeitete Spitze des Eisbergs. Die teils grotesk überschuldeten italienischen Clubs werden von einfallsreicher Gesetzgebung und noch fantasievollerer Auslegung derselben Jahr für Jahr irgendwie am Leben erhalten, ohne dass sie jemals Raum hätten für einen sinnvollen Neuanfang. Scheintote Bilanzleichen kicken in der Serie A mehr als genug, Geld für neue Stadien oder auch nur Spitzenspieler haben die natürlich nicht – es ist sicher kein Zufall, dass die Weltmeister Barzagli, Zaccardo und Luca Toni ausgerechnet in die belächelte Bundesliga wechseln, aus dem Ausland aber nur abgeschobene Stars wie Ronaldinho, Zambrotta, Shevchenko und Quaresma nach Italien wechseln.

Fakt ist, dass tatsächlich einiges faul ist im italienischen Fußballbetrieb. Vetternwirtschaft, merkwürdige wirtschaftliche Verflechtungen und persönliche Allianzen, esoterische new age-Buchführung, ausufernde Korruption, Überschuldung und, ja, auch ein Problem mit Fangewalt tragen zu einem einigermaßen düsteren Bild bei. Und es wäre an eben jenem Adriano Galliani, an diesen Zuständen etwas zu ändern:

  • Echtes Durchgreifen gegen Korruption und Manipulation im Ligabetrieb.
  • Knallhartes Durchsetzen der finanziellen Verpflichtungen der Vereine.
  • Erneuerung der sportlichen Infrastruktur.
  • Einflussnahme zugunsten einer zivilisierten Fernsehberichterstattung.
  • Neuaufbau einer wettbewerbsfähigen Schiedsrichterkaste.

Allein, mir fehlt der Glaube, dass sich mit den derzeitigen Verantwortlichen irgendetwas bewegt. Die reflexhafte Abwälzung der Schuld an die lobbylosen Ultràs ist natürlich einfacher und stellt das korrupte System nicht infrage.

Aber, nunja…

Der italienische Fußball-Meister Inter Mailand muss sich mit wachsenden finanziellen Problemen auseinandersetzen. Der Spitzenklub schloss das Geschäftsjahr 2007/2008 mit Verlusten in Höhe von 148 Millionen Euro ab. In vier Jahren sammelte der Mailänder Verein unter der Führung des Erdölmagnaten Massimo Moratti Schulden in Höhe von 500 Millionen Euro an.

Quelle: SZ Online vom 20.11.2008

9 Antworten auf „Mourinho und Galliani zum Zustand der Serie A“

Hömma, Klugscheißer, wenn ich schreibe „eine Petition für mehr Wasserhähne in der “Catello Mari”“, dann meine ich die Kurve. Sonst schriebe ich in dem “Catello Mari”“. Ansonsten typischer Modefan: Wenns kein Fischbrötchen in der Kurve gibt, dann geh ich da nicht hin! Und überhaupt, woher willsten du wissen, was ein halbwegs aufgewecktes Kerlchen so denkt? 😉 😀 😛

Aber mal im Ernst…es ist sicher kein Zufall, dass die Repressionen gerade in den letzten 2 Jahren so widerstandslos durchgedrückt werden können. Ein paar Gruppen sind ja mittlerweile mehr mittelständische Unternehmen als Fangruppierungen (ich sag jetzt mal nur Irriducibili Lazio) und im Rahmen ihrer geschäftlichen Aktivitäten kommen sie jetzt einfach auch ein paar anderen Leuten in die Quere als nur verfeindeten Tifoserien. Dass Ultrà halbwegs hierarchisch organisiert ist und unfallfreie Auswärtsfahrten, Choreos und Gesänge auch nur so koordiniert werden können, will ich hier gar nichtmal diskutieren. Dass es – u.a. deshalb – einen gewaltigen Rechtsruck in den Kurven gab, lässt sich aber nicht wegwischen. Ebenso ist es eine Tatsache, dass die Politisierung der Kurven für eine weitere Marginalisierung der Ultràs in den Stadien sorgt, für eine weitgehende Unmöglichkeit, auch mal stadienübergreifend längerfristig was auf die Beine zu stellen oder sich in den Medien als Gralshüter des gesunden Fußballs zu profilieren.

Dass ist schade, denn aus Geschichte und Selbstverständnis heraus wären sie gerade die allerersten, denen es zukäme, uns alle vor dem calcio moderno zu bewahren. Ultràs sind die treuesten der treuen Fans, sind organisiert, haben eine Kommunikationsinfrastruktur und sie sind zahlreich. Es passiert aber nichts. Zum Beispiel finde ich es hervorragend, dass wir uns nur noch als „Curva Sud Milano“ darstellen, das zeigt Einigkeit und Geschlossenheit. Was wäre denn so falsch daran, wenn sich ein paar Spieltage lang alle Kurven in Italien geschlossen als „Curva“ ins Stadion begeben und mal was gegen Repressionen veranstalten, die ja auch alle anderen Stadionbesucher betreffen.

Wird nicht passieren. Und spätestens, wenn Inter und Juve ihre neuen Stadien fertig haben, Mediaset den neuen Vertrag in der Tasche und ein Sex-Video von Victoria Beckham und Elisabetta Canalis bei Youtube auftaucht, dann hat sich das Ultrà-Ding in Italien erledigt.

So, und ich geh jetzt zu den Ultràs Ramatese!

Wollte das gar nicht kritisieren mit dem „Renzo Barbera“, sondern nur sagen, genau so ist es, aber es geht noch viel schlimmer, obwohl ich noch nie in Palermo war. Das Ding ist halt nur, dass eine Kurvenkarte für das „Stadio Comunale “S. Lamberti” (nur die Kurve heißt „Catello Mari“…unfassbares Klugscheißertum meinerseits 😉 ) trotzdem 10 Euro kostet und Ermäßigung gibt’s nur bis 14! Am Millerntor kriege ich als Schüler, Azubi oder Student (also im besten Fanalter 😀 ) eine Südkurvenkarte für 8 Euro und da gibt’s genügend Klos, Bier, Wurst, Fischbrötchen, Merchandise, Fanladen-Stand, Ultra-Stand und was der Mensch sonst noch so braucht. Und es gibt sicher noch extrem viel fanfeindlichere Vereine in Italien als Cavese, die sich mit ihren Leuten im großen und ganzen ganz gut verstehen.

Und als Ergänzung zu dem Polit-Ding noch, bevor Marco mich da falsch versteht 😉 : Es geht mir nicht darum, die Kurven müssten alle links sein, auf keinen Fall. Aber seien wir ehrlich und realistisch: Du musst nicht links außen sein, um keinen Bock darauf zu haben, in einer Kurve zu stehen, wo vorne ein „Basta-Infame-Solo-Lame“-Banner hängt. Wie tief kann man sinken? Soll heißen, Kurven, deren Image von organisierten Faschisten, Messerstechern, Gewalttäern und Kriminellen geprägt wird, haben außer für Halbaffen einfach null Attraktivität. Niente.

Wenn ich als 16-jähriger wählen kann, ob ich mit meinen Kumpels am Wochenende den Tag über skate, abends dann in der virtuellen Realität von Warcraft rumzocke, dabei ein bisschen Drogen konsumiere und später auf ’ne Party gehe, noch mehr Drogen nehme, die Nacht mit Reggae wegtanze und am Ende möglichst noch ein Mädchen auf der Vespa sitzen und später im Bett habe oder ob ich mich den ganzen Tag lang von Bullen, Fascho-Kapos und debilen Muskelpaketen rumschubsen lasse, um mich dann irgendwann auf deren Kommando hin zu prügeln und dabei Angst vor Messern haben zu müssen, dann fällt mir die Wahl als halbwegs aufgewecktes Kerlchen eben nicht gerade sehr schwer.

Das führt nach meiner Beobachtung dazu, dass es viel zu wenig aktiven, kreativen, begeisterten Nachwuchs gibt, sondern wenn überhaupt dann Leute, die mehr Muskeln als Hirn haben und gerne Befehlen folgen wollen. Und das wiederum sorgt dafür, dass eine lebendige Ultrà-Kultur auch von innen heraus langsam stirbt.

Nun, ich hab das „Barbera“ als Beispiel genommen, weil es um den „Appeal“ der Serie A ging, Serie B und C sind nochmal gesondert zu betrachten, weil mangelnde wirtschaftliche Verwertbarkeit in den unteren Ligen nochmal andere Auswirkungen hat. Einerseits sind B und C mangels medialer Aufmerksamkeit geradezu Horte freier Fankultur, andererseits haben deren Fans nun erst recht keine Stimme, weil sie schon im medialen Grundrauschen der 3 großen Serie-A-Clubs nicht mehr wahrgenommen werden. Wenn ich mir die Fußball-Berichterstattung hier so anschaue, dann findet neben Milan, Inter und Juve sehr wenig überhaupt statt; eine Petition für mehr Wasserhähne in der “Catello Mari” würde es vermutlich nicht mal auf Seite 7 des Caveser Abendblatts schaffen.

Aber ganz abgesehen von Totschweigen mangels Masse – die Ultràs selbst tun ihr übriges dafür, es der Systempresse sehr einfach zu machen: Wenn beim Römer Derby von beiden Kurven an den vor einem Jahr erschossenen Gabriele Sandri erinnert wird, dann ist das sehr schön und eine gute Möglichkeit, das Thema einem breiten Fernsehpublikum nochmal in Erinnerung zu rufen. Wenn das ganze natürlich eingerahmt wird in gewalttätige Ausschreitungen unter Einsatz der Artillerie vor dem Spiel und dann nochmal Kloppereien auf der Tribüne, was glaubt ihr, wie das beim Durchschnittsfan und interessierten Beobachter ankommt? „Ach, das war doch der Ultrà, den sie damals erschossen haben. Guck mal da rüber, was da gerade abgeht. Naja, brauchen sie sich ja nicht zu wundern.“ Beißt vom Würstchen ab, trinkt nen Schluck Bier und das Thema ist erledigt. Ich unterstelle mal, dass auch im Olimpico von Rom ein Großteil der Stadionbesucher nicht bei den Ausschreitungen dabei sein will (Rom und Messerstechereien brauch ich nicht besonders zu betonen, „Repression“ wird also nicht per se als negativ aufgefasst) und so ist das Identifikationspotential mit einem der Ultrà-Opfer natürlich gering. „Arme Sau, der Sandri, aber kiek dir die da drüben doch mal an.“

Überhaupt wurde im letzten Jahr eine große Chance verspielt, sich einmal Gehör zu verschaffen. So wahnwitzig und traurig der Tod Sandris war, Ultràs hatten für einen Augenblick die Möglichkeit, ihre Anliegen einer breiten Öffentlichkeit kundzutun. Es gab gemeinsame Aktionen, Koordination und im Tifo-Streik einen kurvenübergreifenden Ansatz, das einmal gewonnene öffentliche Interesse mit positiven Bildern zu füttern. Nach wenigen Wochen war das vorbei und alles ist so wie vorher. Es ist natürlich reine und unbegründete Spekulation, hier an Korruption innerhalb der Ultrà-Gruppierungen zu denken, an Geld und Zuwendungen seitens der Vereine, um den organisierten Tifo ruhigzustellen. In jedem Fall wurde, warum auch immer, die große Chance, etwas zu verändern zugunsten der üblichen Rivalitäten auf dem Altar des campanilismo geopfert. „OK, die Bullen sind bastardi aber der da drüben ist ne blauschwarze Sau, das geht erstmal gar nicht.“

Fakt ist, und da gebe ich SiamoNoi gerne recht, Ultràs sind eine Minderheit in den Stadien und der der Ultrà-Kultur unterliegende Gründungsmythos des menefregismo, des „wir machen hier unser Ding und lassen uns von niemandem was sagen“ sorgt natürlich dafür, dass ihre Akzeptanz in den Stadien eher nicht so breit aufgestellt ist. Wenn sie dann noch mehr damit beschäftigt sind, sich gegenseitig Banner wegzunehmen und mit Blitzknallern zu bewerfen als mal für ein paar Wochen wenigstens auf die Menschenrechtssituation in italienischen Fußballstadien aufmerksam zu machen, dann braucht man sich natürlich nicht zu wundern, dass Luigi Spaccarotella bisher noch nichtmal disziplinarische Maßnahmen seitens seines Arbeitgebers zu befürchten hatte. Herrgott, nach Stadionverboten ist die Kurve viel mehr damit beschäftigt, auszudiskutieren, wer denn nun den capo spielen darf, als sich mal etwas einfallen zu lassen, das über das übliche „Luigi (oder Paolo, Manfredo, Antonio…you name it) presente“ hinausgeht.

Gab es irgendeinen größeren Tumult, als einer von Spaccarotellas Anwälten letztens die sichtlich extrem schmerzhafte Aussage von Sandris Mutter wertlos machte mit der Notiz, dass das Fax an eine andere Büronummer gegangen sei und er so nicht rechtswirksam eingeladen war. Nö. Verfahren geplatzt, wird irgendwann im Januar nochmal versucht, ihn vom angesetzten Termin zu unterrichten. Schaun wir mal, was dann passiert. Hat da irgendjemand „Schämt euch!“ gerufen? Ein Transpi aufgehängt? Nein, viel interessanter ist ja, was sich Ranieri und sein Nachfolger bei Chelsea im Vorfeld von Juve-Inter so zu sagen haben. „Tolles neues Stadion, das Juve da baut. Echt, Beckham kommt im Januar? Auswärtsfahrtverbot? Scheiß-Napoletaner, sollen eh zuhause bleiben.“

Im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass ich eine gewisse Müdigkeit (jenseits der Uhrzeit) verspüre, was diese Thematik(en) angeht, weil ich denke, wir haben das alles auch schon miteinander mehrfach diskutiert und jeder, der im „richtigen“ Leben auch noch einer Fanszene seines Wohnorts oder seiner Heimatstadt angehört, hat das sicher auch schon alles ca. 25,284-periode Mal in epischer Länge und Breite und Breite mit seinen Leuten und Kumpels durchgekaut.

Das Problem ist natürlich zunächst einmal die Frustration ob der eigenen Machtlosigkeit. Ich will jetzt mal das Beispiel deutsche Zweite Liga nehmen, weil das nun mal mein Hometurf ist. Da beschließt DFL die Spieltage weiter zu zerfleddern und vor allem, ab nächster Saison die Sonntagsspiele um 12:30 Uhr stattfinden zu lassen, was bei vielen Auswärtsspielen die Anreise zum Beispiel mit der Bahn nahezu unmöglich macht und außerdem zu Unvereinbarkeiten (auch an den Heimspielorten!) mit Familie und Freizeit und Amateurfußball führt, noch mehr als 14 Uhr wie jetzt.

Dann formiert sich, getragen von den aktiven Szenen vor allem von St. Pauli und Nürnberg ein massiver Fanprotest, es werden Unterschriften im fünfstelligen Bereich gesammelt, es gibt Gespräche und das Ergebnis ist, dass sie sich auf 13:00 Uhr oder 13:30 Uhr vertagen, vorläufig, bis wir irgendwann um 10:00 Uhr morgens spielen, wegen dem asiatischen Markt oder weil Premiere dann lieber Premier League und Bundesliga im 90-minütigen Wechsel zeigen will.

Die Vereine lauern auf die Kohle (klar, was auch sonst, ist schließlich Kapitalismus), die Fans werden kaum gehört und selbst im eigenen Umfeld gibt es Honks, die sagen, Auswärtsfans interessieren mich nicht. Bei den Vereinen, die jetzt Bundesliga spielen, waren viele Fanszenen extrem schwer zu motivieren, sich überhaupt an Protesten zu beteiligen, weil geht sie ja nichts an, was die Fans unterklassiger Vereine so plagt und so weiter.

Mithin ist die Zersplitterung der Fanszene insgesamt ein Riesenproblem, es gibt trotz einiger aktiver Bündnisse, kaum ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen. Außerdem gibt es teilweise sehr offene Konflikte zwischen Ultrà– und anderen Fangruppen, zum Teil auch untereinander jenseits dieser Differenzen, davon scheint ja auch das 11Freunde-Thema zu handeln (noch nicht gelesen). Mit anderen Worten: Die „Gegenseite“ aus DFB, Vereinen, Vermarktung, Medien und Sponsoren ist mit enormen finanziellen Mitteln ausgestattet und extrem gut organisiert, die Fanszenen dagegen in keiner Weise. Da sich in einer Mediengesellschaft aber nur diejenigen einigermaßen Gehör verschaffen können, die auch die Infrastruktur dafür haben, werden die Fans dort in dieser Form immer den Kürzeren ziehen.

Hinzu kommt, dass Fußballfans eine Form von (vornehmlich männlicher) Jugendkultur und teilweise Subkultur sind, mithin viele der aktivsten Leute zwischen grob 15 und 22 sind und kaum das Wissen oder die Erfahrung haben, wie man beispielsweise professionell mit Medien umgeht. Das sieht auf der „Gegenseite“ entsprechend ganz anders aus. Deswegen lassen sich viele Proteste auch ohne große Repressionen im Keim ersticken, wenn man seitens der Verantwortlichen ein paar Brotkrumen von großen Tisch runterfallen lässt und mal ’ne Runde Freibier spendiert oder ein „klärendes“ Gespräch anbietet, an dessen Ende meist genau das Ergebnis steht, was der Verein eh im Sinn hatte. Und wenn das nicht hilft, dann hagelt es eben massive Einschränkungen von Meinungsfreiheit und Stadionverbote.

Was Italien betrifft, so ist es natürlich utopisch zu glauben, dieses Land würde sich irgendwo von heute auf morgen ändern. All die Calcio-Phänomene sind so tief in die politische und mediale (Un-)Kultur des bel paese eingegraben, dass man eine Änderung dieser Strukturen mit dem Begriff Sisyphos-Aufgabe schon gar nicht mehr gerecht wird. Trotzdem tendiere auch ich zu Madus Meinung, dass ein Mittelweg zwischen dem beschissenen Jetzt-Zustand und dem beschissenen England-Zustand die beste Möglichkeit wäre, aus dem Teufelskreis nach unten auszubrechen. Deutschland könnte hier ja mal tatsächlich als Vorbild fungieren (bei allem, was mich hier zutiefst ankotzt, siehe PSG-Fans auf Schalke, ja geht’s eigentlich noch?). Auch das Beispiel Austria Wien, wo man die Fan- und Ultrà-Gruppierungen in die Planung der neuen Tribüne weitestgehend mit einbezogen hat (korrigiert mich, wenn ich hier Schachsinn rede, hab dazu nur die Infos aus dem Ballesterer gelesen), könnten ja mal Anlass zur Hoffnung geben.

Das Ding in Italien ist einfach, Marco, dass es echt unfassbar ist, was einem da geboten wird. Wenn Madu meint, das Stadion in Palermo sei schon ein abschreckendes Beispiel, dann kann ich nur mal die Serie C empfehlen. Bei Cavese gibt es in der Heim(!!!)-Kurve keine Getränke, kein gar nichts und nur marode Klos und die auch nur für Männer, und da wird bei der Hitze des Südens auf dem glühenden Beton mehr Wasser aus dem einzigen funktionierenden Waschbecken gesoffen als ausgepisst wird. Und in Avellino herrscht ein Ticket- und sonstiges Chaos, dass jedem Innenminister Angst und Bange werden sollte und ja klar, das ist der Süden und so, aber es geht doch nicht um hoch moderne Event-Arenen, sondern um ein wenig Menschenwürde, um vernünftige Pissbecken, sanitäre Anlagen, was zu fressen und zu saufen, herrgott.

Als letzten Punkt noch, um es mit „The Big Lebowsky“ zu sagen: „Unpolitisch? Verkackte Nihilisten!“ Ich glaube daran, dass eine bunte, wilde, unangepasste und für Außenstehende attraktive Ultrà-Kultur von Freiheit, Kreativität, Rebellentum und DIY geprägt sein muss und nicht von Führerfiguren, Rechtsradikalismus, Capo-Kult, Gruppenzwang, blindem Gehorsam und blinder Gewalt. Die zahllosen Kurven, die den Neofaschisten in die Hände gefallen sind oder nach deren Pfeife tanzen, sind nicht meine und ich kann auch dann nicht mit ihnen gemeinsame Sache machen, wenn sie sich ausnahmsweise mal gegen Dinge wehren, die ich auch scheiße finde. Der Staat und die Gesellschaft, den die wollen, ist schlimmer als der und die jetzige, so leid es mir tut.

Und so lange die italienische Ultrà-Bewegung sowohl zu Recht als auch zu Unrecht als vornehmlich Tummelplatz von gewalttätigen Kriminellen und Faschisten wahrgenommen wird, so lange wird es auch unmöglich sein, breitere Teile der Bevölkerung für einen anderen Calcio und eine andere Fußball-Kultur zu begeistern. Das ist in dieser Form einfach kein attraktives Konzept für halbwegs intelligente Leute mit der richtigen Attitude, die Dinge zum Besseren ändern zu wollen und dabei noch so viel Football, Fun, Sex, Drugs and Rock’n’Roll wie möglich zu haben. Das war in den 70ern in Italien auch schon mal anders, da war Ultrà eine hoch attraktive Jugendkultur. Warum wohl? Und das verbocken die Ultràs momentan ganz alleine, da braucht es den ganzen Staatsapparat, die ganzen Moggis und die ganzen Medien nicht.

Und jetzt: Gute Nacht & Tanti Saluti a tutti.

@milanosud: Meine Meinung zur Premier League hab ich ja in meinem Kommentar zu Herrn C. Ronaldo durchscheinen lassen. Es gehört zu den ewigen Mysterien des deutschen Sportjournalismus, dass die jahrzehntelang zwanghaft nachplappern, was ihre Großeltern ihnen von früher erzählt haben. Die Stimmung in englischen Stadien war genau zu der Zeit großartig, als in Italien noch catenaccio gespielt wurde. Dass das 30 Jahre her ist, bekommen offensichtlich nur Leute mit, die schonmal in nem englischen oder italienischen Stadion waren. Aber gut, wir wollen die schwerbeschäftigten Jungs ja nicht von ihrer Suche nach „Leitwölfen“ und „Führungsspielern“ abhalten.

Die Premier ist für mich das absolute Drohbild modernen Fußballs, eine genaue Darstellung, wie es nicht sein soll: Eintrittspreise, die man sich erst leisten kann, wenns auch für die Harley reicht. Superschicke Eventarenen, bei denen man erstmal ein Kissen auf den Sitz legen muss, dass man den Sitz nicht dreckig macht. Gegelte Fußball-Popstars, die Fantastilliarden verdienen und sich abends mit irgendwelchen Models fotografieren lassen etc. pp. „The Den“, das alte, war früher mal gut, im Upton Park war mal Stimmung, als die Cockney Rejects noch jung waren und Cantonà, Gazza und Terry Butcher waren klasse Typen – alles lange lange vorbei.

Dass nun ausgerechnet wir anfangen, mit der „Carta del Coglione“, der Verpflichtung diverser Beckhams und Ronaldinhos (es gibt ja bei Inter Angst, dass wir an Adriano interessiert seien…) und einem 3-stufigen Sicherheitszaun ums Stadion, englische Verhältnisse zu imitieren, finde ich einigermaßen besorgniserregend.

Italienisches Fernsehen ist dann nochmal ein Thema für sich. Ich hatte das nur erwähnt, weil die tägliche öffentliche Zerfledderung des Fußballs im italienischen TV sicher nicht verkaufsfördernd für die Liga ist. Aber vielleicht ist ja das „mangelnde Appeal“ der Serie A im Ausland gerade die Rettung für das Überleben eines gewissen Rests an Fankultur. Und wenn italienische Clubs bei gebotenen 15 Mio im Jahr für Buffon nicht mehr mithalten können, dann ist es eben so. Es spielen sowieso mehr Leute Fußball, als in der Liga Platz finden und im Zweifelsfall ist mir Axel Kruse immer lieber als Alex Alves.

@Marco: Zunächst mal möchte ich als preemptive Verteidigung voranstellen, dass ich mit dir natürlich voll übereinstimme. Die von mir aufgezählten Punkte beziehen sich ja keineswegs auf etwas, das ich für machbar oder wahrscheinlich halte, sondern sind lediglich eine Reaktion auf dem Umstand, dass sich mit Galliani gerade derjenige über den „mangelnden Appeal“ der Serie A beschwert, der doch am ehesten etwas für eine Veränderung tun könnte. Völlig unabhängig davon zu betrachten sind Meinungten zu dem, was wir wünschenswert fänden oder was wir glauben, was in der Praxis passieren wird. Galliani und Mourinho haben sich zum Status der italienischen Liga geäußert, völlig korrekt, wie ich meine. Beider Aussagen habe ich nun – da sie Lösungsansätze nicht nennen – als Ausgangspunkt für eine Diskussion genommen. Dass etwas getan werden muss, ist klar. Dass nichts getan werden wird, ist auch klar. Aber wir sind ja nicht verantwortlich und können den Jungs in der Lega ja mal was zum knabbern geben. 😉

Korruption:

Korruption im Fußball ist nur die logische Fortsetzung der Korruption in der italienischen Gesellschaft. Fußball wird niemals eine korruptionsfreie Zone sein, solange Tauschhandel für Gefälligkeiten in Italien Grundordnungsprinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist. Das fängt damit an, dass ich für ein gutes Trinkgeld immer einen ordentlichen Platz im Ristorante bekomme, geht weiter damit, dass Professuren an italienischen Universitäten nach Verwandschaft und Geldzahlungen besetzt werden, dass vom Verein gebotene kostenlose Eintrittskarten bestimmte Ultragruppierungen stärken und schließlich verwundert es niemanden, dass Bauaufträge selbstverständlich nach Millionenzahlungen an die jeweiligen Beamten vergeben werden oder eben Siege durch Schiedsrichterentscheidungen erkauft werden. Nun wissen wir ja alle, dass das System Moggi niemals aufgearbeitet wurde, sondern nur ein Kopf identifiziert wurde, der nun allein verantwortlich sein soll für Korruption in der Serie A. Moggi wars, Moggi ist weg, gut ist. Humbug.

Finanzsanierung:

Aber natürlich wird eine sinnvolle Kontrolle der Finanzsituation der Vereine nicht passieren, da sei schon der Gesetzgeber vor. Ich habe ja mit keiner Silbe erwähnt, dass irgendetwas in der Richtung passieren wird, natürlich nicht, aber zwingend notwendig wäre es. Mittelfristig wäre die Serie A dann auch wieder interessanter, weil sie nicht mehr von Farmteams der großen Vereine bevölkert wird, die finanziell und auf die abgestellten Leihspieler angewiesen sind. Denn niemand glaubt ja wirklich daran, dass wenn es hart auf hart kommt, Siena der Juve dringend benötigte Punkte abnehmen würde oder Parma gegen uns gewinnt. Wir haben ja alle eine lange Erfahrung mit lustigen Ergebnissen an den letzten beiden Spieltagen und das am Leben erhalten finanziell bankrotter Clubs durch die Lega und große Vereine ist selbstverständlich auch Korruption, die die Serie A manipulierbar, voraussehbar und langweilig macht.

Stadien:

Ich schrieb ja nicht umsonst: „Bars ohne Salmonellengefahr, Auswärtsblocks ohne Drahtkäfig drumrum, nicht verrostete Geländer und eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr würden ja schon reichen.“ Es mag ja sein, dass mir das auch egal ist, wie so ein Stadion aussieht und auch ich finde den verranzten Charme maroder Betonschüsseln faszinierend. Aber das Stadion gehört erstens nicht nur den Ultràs und zweitens bekommen Ultràs das Stadion nicht voll. Wenn Galliani und Mourinho nun anmerken, dass die Stadion außerhalb Mailands meist leer sind, dann liegt das eben auch daran, dass nicht alle so denken, wie wir. Es gibt i.ü. auch Zwischenwege zwischen dem „Renzo Barbera“ und der Allianz-Arena – das San Siro zum Beispiel. Ich will auch keine Event-Arenen, aber ein volles Stadion, das den Ultràs Platz zum Atmen lässt, wäre für mich ein gangbarer Kompromiß.

Fernsehen:

Mirt ist die TV-Berichterstattung egal, interessiert mich nicht, zivilisiert brauch für mich auch niemand sein. Aber hast Du Dir mal das von mir im entsprechenden Punkt verlinkte Video angeschaut? Ich bezweifle, dass Zenga und Varriale mit ihrem beschämenden Auftritt irgendjemanden ins Stadion gelockt haben, im Gegenteil! Gleiches gilt für die verlogene Berichterstattung zur Auswährtsfahrt der Napoli-Ultràs nach Rom. Solange TV-Anstalten zu den bestehenden Problemen noch neue erfinden, aufbauschen, Angst machen und dramatisieren, wird das Stadion nicht voll. Ich erinnere nochmal daran: Es geht mir nicht darum, was ich will oder wie ein Stadionbesuch für mich am besten ist. Ich beziehe mich nur darauf, was passieren muss, damit die Serie A ein „größeres Appeal“ erlangt – das heißt noch nicht, dass mich das irgendwie interessiert.

Schiedsrichter:

Jeder ist käuflich. Trotzdem ist die Serie A deutlich anfälliger für Spielmanipulationen als andere Ligen. Und dafür gibt es Gründe. Gründe, die man schulterzuckend so akzeptieren kann oder gegen die man etwas tun kann. Ändert alles nichts an der Beobachtung, dass wenn die Serie A international mehr Beachtung haben will, ein Ligabetrieb mit konkurrenzfähigen Schiedsrichtern zwingend notwendig ist. Again: Ich treffe keine Aussage zur Wahrscheinlichkeit der Durchsetzung solcher Maßnahmen – dass sie notwendig wären und die derzeitigen Schiedsrichterleistungen das Ansehen der Serie A beschädigen, dürfte ja wohl niemand ernsthaft bestreiten.

Mister Marco hat mir vor allen Dingen mit seinen letzten Sätzen zum Teil aus der Seele gesprochen-Vor einigen Jahren noch habe ich Abends Spiele wie Lecce-Reggina oder Palermo-Messina geguckt,freilich nicht weil sie sportlich interessant waren,sondern einfach wegen den Kurven der Stimmung und den Aktionen der Ultras (Transpis,Pyro etc.).
Da war es mir und wahrscheinlich auch vielen Zuschauern egal,wie marode und unmodern die Stadien waren,für die Farbe und Atmosphäre wurde auf den Rängen gesorgt.Durch die Repressionen der letzten Jahre,aber ein klarer Fall von „es war einmal“.
Zum Vorbild Premier League,die ja oft in Italien,aber auch in Deutschland als Paradies auf Erden beschrieben wird (weil die Manager schon Dollar-Zeichen in den Augen haben),habe ich auch meine eigene Meinung.
Hochsicherheitsstadien,in denen man bestimmt auch auf dem Klo gefilmt wird;nur Sitzplätze,wobei auch darauf geachtet wird,dass man auch sitzt und horrende Eintrittspreise sorgen für eine Atmosphäre,die diesen Namen nicht verdient(wurde mir von vielen Freunden erzählt die da waren,ihr habt ja auch ähnliche Erfahrungen gemacht).
Die Geschichten von der einzigartigen Stimmung in eng. Stadien ist genauso ein Märchen dt. Sportjournalisten,wie der ital. catenaccio.
Sportlich muss sich die Serie A denke ich vor keiner Liga verstecken,es kommen immer mehr ital. Talente in Mannschaften wie Florenz,Udine oder Napoli zum Zug und unser Milan kann es ja wohl mit jeder Mannschaft aus der Premier League aufnehmen.
Sicherlich haben engl. Teams finanziell grössere Handlungsmöglichkeiten, so dass sich auch Mittelklasse Klubs Spieler für 10 Mio leisten können,darunter sind aber auch viele Pseudo-Stars.

Noch kurz zur Fernsehberichterstattung: Es ist ja nicht so, als ob die Berichterstattung von heute auf morgen niveaulos geworden wäre,mich amüsiert es jedenfalls stets aus Neue.Außerdem hat das ital. Fernsehen ja ansich kein recht hohes Niveau.

Ein großes Lob für den Bericht! Ja es ist wohl wahr…die Serie A ist ziemlich langweilig geworden und ich selber schaue sehr gerne Fußball, sei es „live“ oder im TV, sei es Liga oder Internationale Wettbewerbe. Es gibt zwar Ausnahmen wie zuletzt das Spiel Chelsea – AS Rom, das ich sehr spannend fand, und wenn italienische Mannschaften auf internationale Gegner treffen ist die Wahrscheinlichkeit eh etwas höher, dass das Spiel spannend wird.

Ich möchte mal die Punkte einzeln durchgehen und einige Thesen dazu schreiben, um etwas den „Advocatus Diaboli“ zu spielen aber vielleicht auch als Diskussionsanregung.
(Ich möchte gleich darauf hinweisen, dass ich hinsichtlich Italiens sehr bissig bin, was zuweilen auch in einem weit über die simple Ironie hinaus gehenden Sarkasmus resultiert)

„Echtes“ Durchgreifen gegen Korruption und Manipulation im (ital.) Ligabetrieb

Diesen Satz im gleichen Atemzug mit Italien zu nenne ist schon ein Gegensatz an sich…Wer soll denn durchgreifen? Nur wer frei von Sünden ist werfe den ersten Stein (am Besten Moggi gleich an seine weiche Birne), um ein viel gelesenes, altes Buch zu zitieren. Dieser Level an Korruption und Manipulation ist ja erst erreicht worden weil ALLE mitmachen, vom Balljungen bis hin zum Vereinspräsi. Somit müsste man eine „unabhängige Kommission“ damit beauftragen, dort aufzuräumen. Eine geradezu utopische Vorstellung

Knallhartes Durchsetzen der finanziellen Verpflichtungen der Vereine

Pah, wieder so ein in Italien höchstens als „Worthülse“ tauglicher Begriff: „Knallhart“.
Auf Italienisch könnte man es vielleicht so übersetzen: „duramente, a cazzo duro, giú di brutto“. OK, stellen wir uns vor, man könnte diese Verpflichtungen durchsetzen: dann müssten etliche Vereine darauf verzichten, die Ligalizenz zu bekommen, weil sie einfach pleiiiite sind! Dann könnten sicher einige Serie A Vereine entweder in niedrigeren Ligen oder gar nicht spielen. Konsequenz: die Serie A würde noch unattraktiver werden.
Natürlich wäre es richtig, wenn Vereine nicht Geld für teure Spieler ausgeben können was sie nicht haben.
Jaja, große Klappe auf dem Transfermarkt, aber keine Knete um die Lizenz zu zahlen….
Bitte bedenkt aber, dass doch dieses System von der italienischen Politik möglich gemacht wird!
Dieselbe Politik also, die sich plötzlich „knallhart“ dafür einsetzen soll, dass dies nicht mehr geschieht. Es verdienen ja alle daran, somit würden sich etliche Leute den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Erneuerung der sportlichen Infrastruktur

Also wenn diese Erneuerung so aussieht, dass die neuen Stadien so sind, wie die Allianz Arena, das Emirates Stadium oder so, dann befinde ich mich (und viele andere vielleicht auch) an einer Gabelung meines Fandaseinweges.
Einerseits bin ich etwas altmodisch, ich mag es, auf Beton zu sitzen, knarrige Durchgänge zu benutzen, Stadien zu besuchen, wo der Schimmel der Geschichte und Tradition an den Wänden klebt. Wo Graffities und Botschaften von Gästeultras an die Wände gesprüht sind und der ein- oder andere Backstein in der Mauer fehlt.

Klar, auch die neuen Stadien sind sehr eindrucksvoll, bequem und mit allen Schikanen versehen. Aber sie mutieren mehr zu Event Arenen, als dass sie dem eigentlichen „modus existendi“, dem Fußball, gerecht werden.
Seien wir ehrlich, das Emirates Stadium hat uns mit offenen Mündern vor Ehrfurcht erstarren lassen. Die Allianz Arena hat, mit ihrem Farbenspiel, eine neue „Ära der Kreativität“ eingeläutet (ich weiß, ich weiß, ist jetzt was zu dick aufgetragen, aber die Ironie bitte nicht vergessen).
Wenn wir dem aber nachgeben, und eine neue Infrastruktur möchten, dann geben wir auch die letzte Bastion gegen den modernen Fußball auf. Und das in Italien, dem Mekka der Werbung!
In eine Canale5 Arena, Colosseo Park oder B.win Arena mit (auf dem neuesten Stand gebrachten Anti-Ultras Schikanen) Dauermusikbeschallung, Supermärkten, Internetpoints, Reisebüros, Kinderkrippen und etlichen (teuren) Restaurants nach englischem Vorbild, würde ich nur äußerst ungern gehen, um ein Spiel zu sehen.
Und dazu mistige Akustik…wieso sollte ich DAS wollen?

Einflussnahme zugunsten einer zivilisierten Fernsehberichterstattung

Guter Punkt. Aber zivilisiert für wen? Für uns? Dem immer unwichtiger und geringer werdenden Kurvenpublikum?
Die meiste Knete wird von den Vereinen sowieso übers TV gemacht.
Uns würden einheitliche Anpfiffzeiten, sofortiger Stopp der englischen Wochen usw. doch gut gefallen. Das würden WIR als zivilisiert empfinden.
Aber leider geht die Tendenz immer mehr dazu, sich nach den Bedürfnissen der TV Sender und Sponsoren zu richten. Auf Kosten vom Publikum

Neuaufbau einer wettbewerbsfähigen Schiedsrichterkaste

Ebenfalls sehr guter Punkt. Doch in diesem Fall ist es egal, woher die Schiedsrichter kommen. Der Faktor Mensch bestimmt das Handeln. Und wenn der Preis nur hoch genug ist, dann ist JEDER käuflich. Und wenn er aus „moralischen“ Gründen nein sagt, dann wird er abtreten müssen, und die Schlange derer, die gerne für ihn einspringen, ist immer lang.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass – ja, die Serie A ist langweilig- aber ein langweiliges Spiel wird (für mich) zu einem sehenswerten Ereignis, wenn ich wenigstens ein geschmücktes Stadion sehe!
Geschmückt mir farbenfrohen Bannern, mit Fahnen, Choreos, Bengalos, Rauchtöpfen, Spruchbändern, neunzig Minuten lang untermalt von Sprechchören, Gesängen Hohn- und Anfeuerungsrufen! Dann wird ein langweiliges Spiel auf dem Rasen zu einem denkwürdigen Ereignis auf den Rängen gemacht. Und dann hat es sich für mich trotzdem gelohnt, hin zu gehen! …Aber das war gestern…

Wenn die letzte Fahne eingerollt, das letzte Banner verboten, die letzten Choreos nicht genehmigt und die letzten Ultragruppen aufgelöst sind werdet ihr merken, dass Fußball ganz schön langweilig sein kann!