Napoli-Milan, August 2016

Gähnende Stadien. Zuschauerschwund in der Serie A

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Die aktuelle Saison der Serie A hat erst zwei Spieltage hinter sich gebracht, bestätigt aber schon einen Trend der letzten Jahre: Es geht niemand mehr hin. Die Ursachen sind vielfältig, sicherlich ist die „Repression“ nicht die alleinige Ursache: Die Stadien sind alt und baufällig, die Eintrittspreise trotzdem exorbitant hoch. So hoch, dass ihn sich die viel beschworenen „Familien“, die man „ins Stadion zurückholen“ will, nicht leisten können. Ebenso die Jugendlichen, von denen mehr als die Hälfte arbeitslos sind oder sich durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse hangeln. Auf den Plätzen, auf denen einst Baggio, Davids, Shevchenko, van Basten, del Piero oder Adriano die Zuschauer begeisterten, kann man dem nur noch dem 40-jährigen Totti bei seinen 5-Minuten-Einsätzen zuschauen, ansonsten sind wenige Spieler über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Einer der wenigen, Paul Pogba, ist diesen Sommer in die Premier League gewechselt. Aber nicht nur die europäischen Spitzenspieler zieht es woanders hin, die ersten zwei Spiele der höchsten Spieltage wollten 8% weniger Menschen im Stadion sehen als der Durchschnitt der letzten 10 Jahre. Niemals seit der Saison 2007/08 waren es so wenige.

Die Stadionauslastung sinkt auf 51%. Das immer halbwegs gut gefüllte Juventus-Stadium des Dauermeisters ist zu klein, um den Umstand zu kaschieren, dass die Stadien nur noch halb voll sind. Oder anders ausgedrückt: ungefähr die Hälfte der angebotenen Karten bleibt unverkauft. Wenn ich davon noch die Derbies herausrechne und bedenke, dass Dauerkarteninhaber bei den Zuschauerzahlen immer mitgerechnet werden, auch wenn sie viele Spiele gar nicht besuchen, wird klar, dass so ein italienisches Fußballspielstadion bis auf wenige Anlässe im Jahr gähnend leer aussieht. Besonders, wenn man den Blick einmal von den großen Klubs wegwendet. Insgesamt wollten ganze 426.388 Zuschauer die ersten beiden Spieltage vor Ort sehen, das sind 5% weniger als in der schon desolaten Vorsaison und 9% weniger als 2014/15. 2008-2009 (-12%), 2009-2010 (-17%), 2010-2011 (-11%). Natürlich sind zwei Spieltage noch nicht aussagekräftig, aber eine Trendumkehr ist wirklich nicht zu erkennen in diesem fußballbegeisterten Land, ganz im Gegenteil.

Auffallend finde ich dabei den Umstand, dass diese Entwicklung von Seiten der Vereine mit Indifferenz betrachtet wird. Praktisch niemals wird ein Protest hörbar gegen zuschauerfeindliche Maßnahmen. Da kann der Römer Polizeichef biometrische Gesichtsscanner an den Einlässen des Stadio Olimpico installieren und Mauern mitten durch die Kurven bauen, ohne dass dies die Verantwortlichen von Roma oder Lazio zu irgendeiner Wortmeldung veranlassen würde. In Italien können Kurven oder ganze Stadien geschlossen werden und keine Liga und kein Verein nimmt daran Anstoß, Gegenstimmen gibt es nur von den Betroffenen selbst. Mir ist aber auch kein Verein bekannt, der die Kartenpreise an die geänderte sportliche oder wirtschaftliche Situation angepasst hätte. Während es vor 10 Jahren bei meinem AC Milan noch wirklich günstige Dauerkarten für einen Familienblock gab, wurde dieser erst abgeschafft und für die aktuelle Saison zwar neu entdeckt, allerdings in einem Stadionbereich, der nicht eben zu den günstigen gehört. Von diesem aus sieht man nicht mehr Seedorf, Shevchenko, Maldini und Inzaghi beim Zaubern zu, sondern Kucka, Niang und Paletta beim dahindilettieren. Und Preise wie die 40 Euro, die der SSC Napoli am zweiten Spieltag gegen Milan für Plätze in der Kurve (!) des baufälligen San Paolo aufgerufen hat, werden am Schwund des „Stadionerlebnisses“ auch nichts ändern.

Ohne mich in schwer beweisbare Theorien zu verrennen, sind die Pay TV-Einnahmen vermutlich einer der Gründe dafür, Zuschauer praktisch nur noch als Störfaktor wahrzunehmen und nicht als Ressource. Sky und Mediaset zahlen für die Übertragungsrechte mehr als die Bundesliga einnimmt, auf der anderen Seite sind die Erlöse aus Ticketverkauf und Merchandising mittlerweile prozentual so niedrig, dass sie kaum noch in die Bilanzen durchschlagen. Ein gefährlich kurzfristiges Denken: So könnte der Vertrag für die Fernsehrechte in Zukunft auch einmal weniegr einbringen, international ist die Liga ja kaum noch vermarktbar. Auch durch das weitgehende Fehlen eigener, moderner und familienfreundlicher Stadien könnten die Clubs diese Mindereinnahmen nicht auffangen und die Auswirkungen auf den italienischen Fußball wären kaum zu beziffern.

Einstweilen findet Fußball jedenfalls im Fernsehen statt, wo Sky die heimische Liga zum Glamourprodukt hochpeppt und jeder drittklassige Kicker, der mal zwei Pässe an den Mann bringt, zum Fußballgott erkoren wird. Atmosphärische Bilder aus den Stadien werden nicht mehr gezeigt, weil es auch keine gibt. Seit Sky sich dafür entschieden hat, die Kurven nicht mehr abzubilden, zoomt man beim Torjubel so lange in Grüppchen von Menschen hinein, dass man die freien Plätze rechts und links nicht mehr sieht. Der typisch hyperventilierende Fabio Caressa wird weiterhin jede gelungene Ballannahme enthusiastisch feiern, als wäre ein neuer Maradona geboren – seit dem Rückzug von Paolo Maldini gab es schon ca. ein paar Dutzend „nuovi Maldini“. Alles super, alles großartig, es könnte gar nicht spannender sein. Jedenfalls solange man nicht ins Stadion geht.

Am ersten Tag des Vorverkaufs für die aktuelle Saison wurden bei Lazio ganze 11 Dauerkarten gekauft, Präsident Lotito besuchte alle diese Fans später persönlich, um ihnen für ihr Engagement zu danken. Im Moment sprechen wenige Gründe dagegen, dass italienische Vereinspräsidenten ihre Fans bald per Handschlag im Stadion begrüßen können.