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Neue Anstoßzeiten für die Serie A 2018-21

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Die Zuschauerzahlen in Italiens Stadien kennen seit einem Jahrzehnt nur einen Weg: nach unten. So weit, dass die Einnahmen der Clubs der Serie A zu 80% aus TV-Erlösen stammen und Einnahmen aus Merchandising und Ticketverkauf kaum noch ins Gewicht fallen. Was in der Sommerpause hinzu kam, ist der Umstand, dass Italien das einzige europäische Land ist, in dem auch die PayTV-Sender schrumpfen. Und während die gähnende Leere der Stadienränge üblicherweise mit einem Schulterzucken abgetan wird, ruft ein drohender Rückgang der Fernsehgelder für die Liga nun tatsächlich die Offiziellen des Fußballbetriebs auf den Plan, denn die überwiegende Mehrheit der Profiklubs hangelt sich bereits jetzt mehr schlecht als Recht durch die Saison. Ein Rückgang der TV-Einnahmen könnte eine gefährliche ökonomische Dominoreaktion auslösen, an deren Ende die seit Jahren geplante Reduzierung der Profiklubs qua Marktwirtschaft durchgeführt wird. Im Frühjahr steht nämlich die Vergabe der Fernsehrechte für die Jahre 2018-21 bevor. Wie die italienische „Repubblica“ berichtet, machen sich Lega Serie A, Fußballverband FIGC und die Vereine also Gedanken, die einst beste Liga der Welt attraktiver zu machen.

Deren erste Idee kommt wenig überraschend daher: Man denkt darüber nach, den Spieltag weiter aufzufächern, um Sky und Mediaset an mehr Tagen in der Woche mehr Spiele ohne Konkurrenz anbieten zu können, mehr davon im wachsenden asiatischen Markt. Bereits jetzt spielt die spanische Liga ihre zehn Spiele zu zehn verschiedenen Anstoßzeiten. Vollends dem neuen Modell zum Opfer fallen könnte, so die Planspiele, die historische Anstoßzeit Sonntags um 15 Uhr. Jetzt schon ist der Sonntagnachmittag meist den weniger berühmten Teams vorbehalten, insgesamt liegt die Quote dieser vier oder fünf Spiele zusammengenommen auf dem Niveau eines Abendspiels Samstag oder Sonntag um 20.45 Uhr. Also möchte man sich der britischen Idee bedienen, die Samstag um 15 Uhr auch keine Premier League überträgt. Die Neuerung wäre also, dass nicht mehr alle Spiele im Fernsehen übertragen werden: „Ich war schon immer dafür, weniger Spiele live zu übertragen. Um das Stadion und die Qualität des Produkts hochzuhalten“, drückte dies kürzlich Claudio Fenucci, Geschäftsführer von Bologna, aus. Neue Anstoßzeiten für die Pay TVs also, kompensiert durch einen Sonntagnachmittag ohne Livespiele, der die Menschen massenhaft ins Stadion locken soll.

Mit Anleihen aus England und Spanien versucht man also, die Einnahmensituation zu verbessern. Einerseits, indem man die Sendeplätze für Fußball erhöht, andererseits indem man Anstoßzeiten für den Stadionbesuch „frei hält.“ Wieder Fenucci: „Man muss die Leidenschaft für den Fußball wieder neu entfachen. Als ich jung war, bin ich immer schon zwei Stunden vor dem Spiel am Stadio Olimpico gewesen. Die Stadien waren ja damals nicht einladender. Im Gegenteil, da war nichtmal ein Dach über den Tribünen. Es gab einfach mehr Leidenschaft.“ Da kann man ihm durchaus Recht geben, die italiensichen Stadien waren auch vor zehn Jahren schon baufällig. Hinzu gekommen ist, dass man seine Daten registrieren muss, um sie zu betreten. Dass man durch elektronische Drehkreuze geschleust und von Kopf bis Fuß abgetastet wird. Dass einem im Zweifelsfall Feuerzeuge genauso wie 30 Euro-Gesichtscreme abgenommen werden, Regenschirme ebenso wie zu schwere Schlüsselbunde. Dass es in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von Finanz-, Korruptions-, Bestechungs- und Manipulationsskandalen gab. Dass das technische Potential der Liga und die Zahl international bekannter Spieler auf einem historischen Tieflunkt angelangt ist. Aber vor allem ist hinzugekommen, dass wir uns inmitten einer veritablen Wirtschaftskrise befinden, in der über die Hälfte der unter 25jährigen keine Beschäftigung hat oder sich nur mit unsicheren Gelegenheitsjobs über Wasser hält.

Die Eintrittspreise für die baufälligen italienischen Betonschüsseln sind nämlich Jahr für Jahr tendentiell gestiegen und so ist ein Stadionbesuch ist deutlich teurer als beispielsweise in einer der modernen Arenen der Bundesliga. Völlig unabhängig vom spielerischen Niveau und bürokratischen Hindernissen beim Ticketerwerb haben viele italienische Familien schlichtweg kein Geld, um sich mit 2 Kindern für mindestens 200 Euro einen Abend im zugigen Römer Olympiastadion zu vergnügen. Eine Supermarktkassiererin geht vollzeit mit 800-900 Euro monatlich nach Hause und in der Vorweihnachtszeit zahlen auch seriöse Mailänder Arbeitgeber ihre Angestellten schon mal mit zwei Monaten Verspätung; man mag sich vorstellen, wie das im Call Center in Catanzaro aussieht. Kurzum, es ist schon löblich, dass überhaupt irgend jemandem auffällt, dass der italienische Fußball eine finanzielle Schieflage hat. Richtig schön wird es, dass überhaupt jemandem auffällt, das da noch Menschen in Stadien gehen und noch mehr Menschen hingehen sollten. Aber so lange es nicht gelingt, ein sauberes, transparentes, sportlich-faires und nicht zuletzt sportlich wettbewerbsfähiges System zu schaffen, das sich Fans zu sinnvollen und erschwinglichen Preisen im Stadion anschauen können und wollen, verlängert sich die Agonie nur. Wenn das gelöst ist, kann man darüber nachdenken, wie man die Chinesen dazu bewegt, sich Sassuolo-Chievo anzuschauen.