Juve-Milan 2013 Choreografie

Lieber keine Choreografie als so etwas

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Bereits am 23.03. dieses Jahres hatte die altehrwürdige Gazzetta dello Sport erkannt, das Choreografien ein weltweites Erfolgsmodell der italienischen Supportkultur sind und darauf hingewiesen, wie sehr diese Ausdrucksform der Stadionbesucher zum Gesamtkunstwerk „Fußball“ beiträgt. In der Zwischenzeit applaudierte auch die italienische Öffentlichkeit der fantastischen Südtribüne des Westfalenstadions für ihre Aufführung anlässlich des Champion’s League-Rückspiels gegen Málaga. Gestern abend musste ich nun im TV beobachten, wie auch ein fantastisches Fußballspiel wie der Auftritt der Bayern gegen Barcelona gestern einiges an Atmosphäre verliert, wenn man Fans behandelt wie man sie in München halt behandelt. Denn auch das schönste Gemälde verliert an Wert, wenn man es in einem lausigen Rahmen präsentiert.

Passend ist es da, wenn der „Calcio Moderno“ ausgerechnet im Juventus Stadium, dem einzigen modernen, in Vereinsbesitz befindlichen Stadion in Italien, noch einmal kurz darlegt, wie er sich den Stadionbesuch vorstellt. Am Sonntag fand dort das Spitzenspiel Juventus gegen Milan statt und auch wenn die Meisterschaft praktisch entschieden ist, stellen solche Spiele für die Kurvenfans immer eine Gelegenheit dar, sich mit einer gelungenen Choreografie zu präsentieren. Heraus kamen Zebrastreifen über denen sich ein Regenbogen spannte, darüber ein riesiges Spruchband: „Sei anche tu parte dell’arcobaleno“/“Auch du bist Teil des Regenbogens“.

Juve-Milan 2013 Choreografie

Juve-Milan 2013 Choreografie

Worum es sich bei dem Regenbogen handeln soll, wieso man jetzt Teil desselben ist und was das Ganze mit Juve, Milan oder Fußball zu tun hatte, wurde leider nicht erklärt. Umso überzeugender die Bilder, die nun auftauchen, geschossen von einem Besucher der „Tribuna Est“. Auf den zahlreichen, im Stadion ausgelegten Plastikblättern findet sich folgender Aufdruck:

„Juventus – Milan IO C’ERO! Agitando la bandierina parteciperai ad una coreografia organizzata da TIM. Le riprese potranno essere pubblicate sui social network di Telecom Italia“.

„Juventus – Milan ICH WAR DABEI! Wenn du das Fähnchen schüttelst, nimmst Du an einer von TIM organisierten Choreografie teil. Die Aufnahmen können in den Social Networks von Telecom Italia veröffentlicht werden.“

Wenig verhüllt wird hier dem geneigten Stadionbesucher, der eine Menge Geld für den Spielbesuch ausgegeben hat, also kundgetan, dass er nun die einmalige Gelegenheit hat, an einer Sponsorenchoreographie mitzuwirken und ihm wird auch gleich eine Klausel mitgegeben, die ihm bedeutet, dass sein Komparsenauftritt als Klatschvieh auch werbewirksam vermarktet wird. Der Fan wird also nicht nur eingespannt, für den Mobilfunkableger Telecom Italia Mobile Werbung zu machen, er hat für diese Möglichkeit auch noch bezahlt. Und für alle, die in der Aufregung vor dem Spiel den Text nicht richtig gelesen hatten, springt der Stadionsprecher ein. Zum ersten Mal in der Geschichte des Stadions wurden den Zuschauern per Lautsprecheranlage erklärt, dass sie jetzt gefälligst die Fähnchen zu schütteln haben, denn „wir alle sind Teil des Regenbogens“. Das Titelthema der April-Werbekampagne von TIM.

Letzte Woche Sonntag, vor dem Spiel, wurde mir im Radiointerview beim Mailänder Sender Radio InterMilan die Frage gestellt, ob ein Verein den Fans Gelder für die Realisierung bereitstellen sollte. Ich antwortete, dass Fankultur von Spontaneität und Kreativität lebt und man die Menschen in den Kurven einfach die Freiheit lassen sollte, sich ihr Stadionerlebnis so zu gestalten, wie sie das für richtig halten. Eine Bezuschussung würde ja immer die Gefahr einer Einflussnahme mit sich bringen. Keine Ahnung hatte ich, dass meine Befürchtung schon am selben Abend noch weit übertroffen werden sollte: Im Juventus Stadion wurde keine selbstgestaltete Choreografie bezuschusst. Hier wurde den Fans eine Werbeaktion vorgegeben, die weder inhaltlich noch gestalterisch irgendetwas mit Fußball oder dem Spiel zu tun hatte, dafür aber umso mehr mit dem aktuellen Slogan eines Mobilfunkanbieters. Herzlich willkommen in der Zukunft des Fußballs.