Tabula rasa

Tabula rasa

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Ein Freund von mir hatte in einem fussballfernen Zusammenhang letztens angemerkt, dass „wann immer man glaube, man hätte den Boden erreicht, würde man jemanden hören, der von unten klopft“. Und wie um Himmelswillen soll man die aktuelle Situation des europäischen Ex-Spitzenclubs AC Milan treffender beschreiben? Gestern Abend nun also der vorläufige Tiefpunkt der jüngeren Geschichte der Rossoneri, eine 1:0 Heimniederlage gegen die bei allem Respekt durchaus schlagbaren Eidgenossen des FC Zürich. Ein passendes Ergebnis für eine Saison, die mit dem Abschied von Maldini und dem Verkauf von Kakà schlecht begann, mit einer grotesken Saison“vorbereitung“ mit 8 Freundschaftsspiel-Niederlagen in Serie fortgeführt wurde, mit 3 Toren in 6 Ligaspielen gegen Gegner aus der unteren Tabellenhälfte, einer 0:4 Heimniederlage im Derby gegen den Stadtrivalen Inter und nun eben einer Heimniederlage gegen den FC Zürich ihren vorläufigen Tiefpunkt findet. Und was schlimmer ist: Ein Ende ist nicht in Sicht.
„Milan hat eine Geschichte gehabt und stützt sich darauf, was ein gutes Mittel zum Geldverdienen sein kann. Wir setzen auf junge Spieler. Aber ich habe keine weitere Bewertung abzugeben.“ „Il Milan ha avuto una sua storia e punta su questo fatto che può essere il modo giusto per fare soldi. Noi puntiamo sui giovani. Ma non ho nessun giudizio da dare“ (Inter-Präsident Moratti, 2009)
Die alte Garde des AC Milan tritt mit einem seit dem Champions League-Gewinn 2003 praktisch unveränderten Mittelfeld an, an dem der Zahn der Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist. Selbstverständlich fehlt der Schlüsselspieler Kakà, der armselige Leistungen seiner Mannschaftskollegen doch noch häufig genug überdecken konnte. Zu allem Überfluss treffen nun aber auch noch die Stürmer nicht und der einzige Mittelfeldspieler unter 40, der Rückkehrer Ignazio Abate, der den Kollegen berichten könnte, dass ein Spielfeld mit Kreide markierte Außenbahnen hat und man von dort Flanken schlagen darf, wird derzeit zum Rechtsverteidiger umgeschult, weil der AC Milan schlichtweg keine aufstellbaren Außenverteidiger besitzt. Das ganze Desaster wird von einem Trainer geführt, der vom Schreibtisch auf die Trainerbank komplimentiert wurde, um den unruhigen Fans Mut zuzusprechen, Ronaldinho spielen zu lassen und demnächst als Schuldiger an der Misere präsentiert zu werden. Und so präsentiert sich der einst glorreiche lombardische Club des italienischen Sonnenkönigs Berlusconi praktisch in derselben Verfassung wie die graue Bundesliga-Maus Hertha BSC – nur dass man das bei den Berlinern gewohnt ist.
„Ich wiederholes es jedenfalls nochmal: man muss mir den Arm abschneiden, denn ich werde seinen (Kakàs) Verkauf niemals unterschreiben.“ „Comunque ribadisco: dovranno tagliarmi la mano, ma non firmerò mai per la sua cessione.“ (Adriano Galliani, 2007)
Insomma…es bewahrheitet sich mit erschreckender Präzision, was ich zuletzt vor genau 3 Monaten hier prophezeit hatte: Der AC Milan hat seit 2004 dringend notwendige Erneuerungen versäumt und lebt vom rapide verblassenden Glanz ehemaliger Siege. Um an vergangene Erfolge anzuknüpfen oder sich zumindest ligatauglich zu präsentieren, sind 7-8 Neuverpflichtungen notwendig, denen allerdings die in den goldenen Jahren geborene Ausgabensituation im Wege steht. Nun ist im Fußball nichts so alt wie der Sieg von gestern und die gebetsmühlenartig wiederholten Beschwörungen der Vereinsoberen vom „meistdekoriertesten Klub der Welt“, der sich von der technischen Klasse „vor niemandem zu verstecken braucht“ und dieses Jahr „um Meisterschaft und Champions-League-Gewinn mitspielt“ erscheinen vor dem Hintergrund eines 0:1 gegen den FCZ, torlosen Unentschieden gegen Aufsteiger Bari oder beim Tabellenletzten Livorno, Niederlagen gegen Mannschaften der Klasse eines Udinese und nicht zuletzt einer satten 0:4-Versenkung gegen Inter natürlich grotesk. Besserung ist nicht in Sicht.
„[…] führen zu einem genauen Ziel. Nämlich einer jungen Mannschaft, frisch, wettbewerbsfähig und mit einer ausgeglichenen Bilanz, ein Ergebnis, das viele der wichtigsten europäischen Vereine anstreben. Wir werden, in den nächsten Tagen, in den nächsten Wochen, weiterhin anhand dieser Maßgabe operieren.“ „[…] rispondono ad un indirizzo preciso. Ovvero, una squadra giovane, fresca, competitiva e con il pareggio di bilancio, risultato al quale tendono moltissime fra le più importanti società europee. Continueremo, nei prossimi giorni, nelle prossime settimane, a perseguire questa linea“. (Adriano Galliani im Juli 2009)
Das von Leonardo bei seiner Ernennung zum Opferlamm propagierte „Spiel mit Druck über die Außenbahnen“ findet nicht statt – Jankulovsky, Zambrotta und Oddo würden in der derzeitigen Form nicht einmal bei einem Serie B-Verein einen Stammplatz erreichen. Das von Sportdirektor Galliani nach der Abschiebung von Kakà fantasierte „verjüngte“ Milan manifestiert sich vor allem in Antonini, der diese Saison sagenhafte 0 Spielminuten im Logbuch zu stehen hat. Strasser? Albertazzi? Zigoni? Nicht ein einziges mal auch nur nominiert gewesen. Die einzige Neuverpflichtung des Sommers, Huntelaar, präsentierte sich in den wenigen Spielminuten, die ihm die „alte Garde“ in der Umkleide zugestanden hat (wir wollen ja nicht wirklich glauben, der Trainer würde beim ACM die Aufstellung machen), als Fremdkörper – nicht weiter verwunderlich bei einer Sturmspitze in einer Mannschaft ohne Offensivspiel. Der brasilianische Jungspund Pato leidet an einer exorbitanten Formkrise und so schiesst man eben auch keine Tore. Das Mittelfeld ist statisch, wird zweimal pro Spiel umgekrempelt und demonstriert – wenn es gut läuft – gefühlte 120 % Ballbesitz mit 500 Querpässen pro Angriff. Während Bari am letzten Wochenende das Mittelfeld mit 4 Spielzügen überbrückt, dauert der Mailänder Gegenangriff derart lange, dass die aufgerückten Außenverteidiger der „Galletti“ zwischendurch noch schnell zum Duschen verschwinden könnten. Und in der Defensive sorgt jeder Freistoß und jeder Eckball für Angstschweiss. Kurzum, gegen den derzeitigen AC Milan sieht jedes Team plötzlich aus wie der FC Barcelona.
„Milan hat eine in höchstem Maße wettbewerbsfähige Mannschaft, wir sind in nichts schwächer als Inter […] haben mehr Stars.“ „Il Milan ha una rosa altamente competitiva, non siamo per nulla inferiori all’inter […] abbiamo più campioni“ (Silvio Berlusconi, Sommer 2009)
Die Quittung für das sich abzeichnende Desaster gab es eigentlich schon vor Saisonbeginn. Nur noch knapp 25.000 Fans ließen sich darauf ein, die Manschaft bei ihrer Abschiedssaison mit einer Dauerkarte zu begleiten. Ein fulminanter Einbruch gegenüber den über 40.000 der Vorsaison und ein nicht unterzubewertendes Achtungszeichen einer Fangemeinde, die noch in der Serie B gegen Cavese mit 70.000 Mann die Ränge füllte. Als nächstes wird Leonardo seinen Trainerstuhl räumen müssen, die fortwährenden Treuebekundungen der Clubführung legen nahe, dass auch der ACM die populistische Lösung suchen wird. Der sympathische und intelligente Jungtrainer sucht nicht einmal mehr, die Gründe für die Misere noch abzutarnen:
„Wir decken den Platz nicht richtig ab, wir tun uns mental und körperlich schwer, mit den Spielertypen, die uns zur Verfügung stehen, können wir nicht einmal besonders viel ändern. Wir spielen mit einer taktischen Aufstellung für die Spieler, die wir haben, aber wir müssen etwas ändern, neue Lösungen finden.“ „Non copriamo bene il campo, fatichiamo psicologicamente e fisicamente, con la tipologia di giocatori che abbiamo non possiamo nemmeno cambiare molto. Noi giochiamo un modulo fatto per i giocatori che abbiamo, ma dobbiamo cambiare, trovare nuove soluzioni.“ (Leonardo, 30.10.2009)
Nun ja, das ist in dieser Offenheit natürlich erfrischend, sorgt allerdings auch nicht für Zuversicht. Aber wenigstens spricht er aus, was jeder sieht, der Fussball von Schach unterscheiden kann. Diese Mannschaft ist ca. 5 Jahre über ihr Verfallsdatum hinausgeschossen und gammelt auf dem Rasen nur noch vor sich hin. Die von Leonardo und Gattuso flehend eingeklagten Neuverpflichtungen sind ausgeblieben, wandelnde Finanzlöcher wie Dida und Oddo konnte man nicht einmal geschenkt loswerden und die derzeitige sportliche Misere ist in ihrer Vorhersehbarkeit ein Beispiel dafür, dass es im Fußball eben doch in der Regel gerecht zugeht. Ich habe das gestrige Spiel nicht gesehen, weiß aber trotzdem genau, wie es abgelaufen ist. Das wusste ich gestern vor Anpfiff schon.
„Mit den Spielern, die uns zur Verfügung stehen, müssen wir die Meisterschaft anstreben.“ „Con l’organico che abbiamo dobbiamo puntare allo scudetto“. (Adriano Galliani, 2008)
Und nun? Dieser Zustand wird solange weitergehen, bis Berlusconi endlich einen Käufer für sein überflüssig gewordenes Wahlkampfwerkzeug gefunden hat. Dass der ACM zum Verkauf steht, pfeifen ja mittlerweile auch die Fledermäuse von den Dächern und auch heute wieder berichtet „Il Reformista“ von einer praktisch vollzogenen Einigung über eine Abgabe von 40 % des AC Milan an lybische Investoren. Was dann kommt, ist unvorhersehbar, aber bis dahin müssen sich die Fans des AC Milan noch auf eine ganze Reihe an Nackenschlägen einrichten. Es erwartet uns eine Saison im Standby-Modus, in der Schadensbegrenzung das einzig erhoffbare Ziel ist. Danach Tabula rasa. Und danach ein Projekt. Ein Projekt kann scheitern, ist aber in jedem Fall besser als diese nicht enden wollende Farce um einen Verein, der einstweilen dazu verdammt ist, im sumpfigen Stillstand zu verrotten, während Berlusconi und Galliani dazu die größten Hits der 80er und 90er auflegen. Ajax, wir kommen!
„Bleibt ruhig. Milan ist so wie es ist in Ordnung“ „State tranquilli. Il Milan è a posto cosi'“ (Adriano Galliani, 1986-2009)