4-2-fantasia

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Wie versprochen ist endlich ein Update fällig zum Saisonverlauf unserer Altherrentruppe. Ich habe ja mit Kritik am Zustand der Mannschaft und der Vereinsführung nicht gespart und nach einem, gelinde gesagt, holprigen Saisonstart findet sich der AC Milan plötzlich als Meisterschaftszweiter wieder und ist seit gestern auch für das Achtelfinale der Champion’s League qualifiziert. Und es gibt sogar einen präzisen Zeitpunkt, an dem die alten Herren den Schalter umgelegt haben: 18.10.2009, Halbzeitpause beim Stand von AC Milan gegen AS Roma 0:1, der Tiefpunkt der jüngeren Vereinsgeschichte. Zu jenem Zeitpunkt, wir schreiben den 8. Spieltag, finden wir uns mit 9 Punkten auf dem 14. Platz wieder, bei 4 geschossenen und 8 Gegentoren – einen Schritt vor der Abstiegszone. Nach der desaströsen Sommer“vorbereitung“ im Flugzeug quer über Nordamerika, dem traumatischen Abgang von Kakà und dem desastösen 0:4-Derby war der AC Milan in der Halbzeit gegen die Roma drauf und dran, das Schiff endgültig zu versenken. Die wenigen Zuschauer im San Siro waren jedenfalls restlos bedient und pfiffen ihr Team in die Halbzeitpause. Nur die Zukunft sah noch dunkler aus als die Gegenwart.

Und in eben jener Halbzeitpause nimmt eine dieser völlig absurden Geschichten Ihren Lauf, die wohl nur der Fußball schreiben kann. Was auch immer damals in der Umkleidekabine passiert sein mag, die Effekte halten bis heute an. Milan präsentiert sich wie verwandelt in der zweiten Halbzeit und vor allem mit einem Spielsystem, das seit damals nicht mehr verändert werden sollte: ein bislang ungesehenes 4-2-fantasia. Vor der Vierer-Abwehrkette spielen zwei defensive Mittelfeldspieler, typischerweise Pirlo als „tief stehener Regisseur“ und Ambrosini als Abfangspieler vor der Abwehr. Davor spielt „fantasia“: ein hyperoffensiver und unvorhersehbarer Mix aus Sturm und offensivem Mittelfeld bestehend aus Marco Borriello als Mittelstürmer, Ronaldinho, Pato und Seedorf. Ein vollkommen unbalanciertes Milan mit einem – zumindest in Italien – bislang unbekannten System (wenn man es denn so nennen mag), das sich am ’82er Brasilien von Telè Santana orientiert. Eine Mannschaft mit Frontantrieb, deren Mittelfeld praktisch nicht stattfindet: Ambrosini versucht, gegnerische Angriffe abzufangen, Pirlo spielt lange Pässe nach vorn auf dass die dreieinhalb Stürmer sich etwas einfallen lassen. Ein spektakuläres Milan, das plötzlich anfängt, Tore zu schießen, dabei seinen Fans in der Defensive aber die Koronararterien strapaziert. Denn so schön die wiedergewonnene Torgefahr des brasilianisch-holländischen Sturms da vorn ist, so angsteinflößend ist die Tatsache, dass auch technisch mittelmäßig begabte Mannschaften nur 3 Pässe brauchen, um Milans Mittelfeld zu überbrücken.

Und trotzdem! Milan dreht das Spiel gegen die Roma und fährt 3 Tage später nach Madrid, um es den Galaktischen noch einmal so richtig zu zeigen. Und Milan hört nicht mehr auf, zu siegen. Chievo Verona wird 2:1 besiegt durch zwei späte Kopfballtore des Innenverteidigers Nesta und Milan legt insgesamt 23 Tore vor seit jener Halbzeit am 18. Oktober. Lediglich Napoli schafft es, uns ein 2:2 Unentschieden abzuringen – nachdem es nach 90 Minuten noch 2:0 für Milan stand. Ein Betriebsunfall, mehr nicht. Nachdem die immerhin Meisterschaftsvierte Sampdoria am Samstagabend beim 3:0 regelrecht vorgeführt wurde, stehen die Rossoneri mit nur noch 4 Punkten Rückstand hinter Inter und haben sich gestern abend – wie auch immer – für das Achtelfinale in Europas Königsklasse qualifiziert. Hand hoch, wer Mitte Oktober daran geglaubt hat.

„Leonardo war sehr stark, sich diese neue Taktik auszudenken. Letztes Jahr standen sich Pato und Ronaldinho oft auf den Füßen, jetzt funktionieren beide hervorragend zusammen: einer auf rechts außen, der andere links außen.“ (Adriano Galliani)
„Leonardo è stato bravissimo ad inventarsi questo nuovo modulo. L’anno scorso Pato e Dinho a sinistra si pestavano i piedi, adesso insieme funzionano benissimo: uno largo a destra, l’altro largo a sinistra.“

Neutrainer Leonardo, vor der Saison direkt vom Schreibtisch auf die Trainerbank gewechselt, hat etwas geschafft, was ihm wenige zugetraut haben. Er hat dem Team eine Identität gegeben und ein Spielsystem, das den Stärken dieser unvollständigen Mannschaft Rechnung trägt und deren Schwächen akzeptiert. Ronaldinho ist auf der linken Angriffsseite aufgeblüht und zum absoluten Fixpunkt der Mannschaft geworden: mit zwei deliziösen Torvorlagen gegen Samp ist der Gaucho zum besten Vorlagengeber der Serie A aufgestiegen. Pato spielt auf Rechts (eine Position, die er unter Ancelotti noch rundheraus ablehnte) eine hervorragende Saison und Marco Borriello wurde vom Lieblingsthema der Klatschpostille ud Stammspieler der Krankenabteilung zum unverrückbaren Stammspieler. Seedorf spielt wohl seine beste, weil kontinuierlichste, Saison seit seinem Wechsel zu Milan und die Innenverteidiger Nesta und Thiago Silva gehören zum Besten, was der europäische Fußball auf der Position derzeit zu bieten hat. Selbst Dida scheint genesen von seinem unglaublichen Bock gegen Real und sorgt für Sicherheit zwischen den Pfosten, selbst die hervorragenden Storari und Abbiati konnten ihn nicht mehr von seinem Stammplatz verdrängen. Die Rückkehrer Ignazio Abate und Luca Antonini wurden behutsam in die erste Mannschaft integriert und zahlen das Vertrauen des Trainers mit teils hervorragenden Auftritten zurück. Selbst Bankdrücker wie der Holländer Klaas-Jan Huntelaar lassen auch die giftigsten Kritiker verstummen: 4 Minuten vor Schluss beim Stand von 0:0 gegen Catania eingewechselt, gewinnt er das Spiel mit einem Doppelpack praktisch im Alleingang.

Das alles ist so schön anzuschauen und bringt so viele Punkte, dass selbst unter Ancelotti völlig undenkbare Personalentscheidungen nicht kritisiert werden können: Gattuso hat seinen Platz auf der Bank gefunden und selbst der immergrüne Pippo Inzaghi findet selbst in der Champion’s League, seinem natürlichen Habitat, nicht mehr statt. Aber Leonardo ist, solange Milan gewinnt, jeder Kritik enthoben und der junge Trainer hat sich das Vertrauen der Vereinsführung, des Publikums und auch der eigenen Umkleide verdient: Berlusconi wollte Ronaldinho im Sturm, Leonardo hat ihn auf die linke Angriffsseite verfrachtet. Leonardo hat zwei Taktikexperten eingestellt, die Physiotherapisten ausgetauscht und angefangen, seine eigenen Ideen auf dem Platz umsetzen zu lassen. Es ist ihm gelungen, für fast alle Spieler einen Platz zu finden, auch und gerade unter Aufgabe jeglichen Gleichgewichts auf dem Platz. Dinho kann sich erlauben, mit minimalem phyischen Aufwand Standfussball zu spielen, Pato hat alle Freiheiten, sich mit dem Ball am Fuß einen Gegenspieler nach dem anderen vorzunehmen. Borriello spielt das, was er am besten kann: körperlich starker Mittelstürmer und Ballverteiler, der dafür Sorge trägt, dass der Rest des rotschwarzen Angriffskommitees nachrücken kann. Und Seedorf hat seine Position hinter den Spitzen gefunden, die seiner Charakteristik – und seinem Alter – am besten entspricht. Die körperliche Fitness der Akteure scheint verdoppelt und insbesondere hat die Mannschaft einen Kampfgeist gefunden und einen Siegeswillen auch gegen die „Kleinen“ der Serie A.

Seit dem 4. Oktober hat der AC Milan 13 Spiele nicht verloren und 22 von insgesamt 26 Toren erzielt. Die Mannschaft ist vermutlich zu unausgeglichen, um in diesem Rhythmus weiterzuspielen und vor allem fehlen valide Alternativen auf der Bank (siehe Kaladze für Thiago Silva gestern in Zürich). Aber Leonardo hat der Mannschaft eine Taktik vermittelt, die deren offensives Potential perfekt ausschöpft und die unveränderbaren defensiven Schwächen akzeptiert. Und so gewinnen die Mailänder eben Spiele wie das 4:3 gegen Cagliari, indem sie ein Tor mehr schießen als der Gegner. Es macht wieder Spaß, dieser Mannschaft beim Spielen zuzusehen, dafür nehme ich gern in Kauf, dass jeder gegnerische Angriff mir die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Ich erwarte mir weiterhin keine Meisterschaft und keinen Champion’s League-Gewinn von der Truppe. Wir werden auf Gegner treffen, die unsere Schwächen noch schonungsloser aufdecken als Zürich gestern, auch das Glück wird uns in dem einen oder anderen Spiel verlassen. Aber ein Team, das in jedem einzelnen Spiel den Sieg versucht, das als Mannschaft agiert und füreinander kämpft, ein Team, das in der defensivsten Meisterschaft der Welt gnadenlos offensiv spielt und dabei die Schönheit, das Chaos und die Unvorhersehbarkeit zu seinen Stärken macht, ist das Milan, in das ich mich vor 20 Jahren verliebt hatte.