Fahne der Brigate Rossonere in Cagliari

Gruppenauflösungen

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Als vorläufig letzte in einer ganzen Reihe von Gruppenauflösungen nach dem Verlust der Zaunfahne haben sich die „Ultra‘ Bande Karl-Marx-Stadt“ und „Contra Cultura Chemnitz“ aus dem Spiel zurückgezogen. Wie immer flankiert von einem vor Stolz und Ehre triefenden Manifest und unter Bezug auf die berühmten „ungeschriebenen Regeln“ des Gewerbes. Mentalità! Denn italienische Gruppen, die den Verhaltenskodex der Subkultur über Jahrzehnte weitergegeben haben, hätten sich schließlich immer aufgelöst, wenn sie das Heiligste, das Gruppenbanner, verloren hatten. So steht es geschrieben! So sagt es der Kodex! So muss man es tun! Sagt wer genau?

Denn leider reicht die Frage der Gruppenauflösungen, so schön sie klingt, eher für eine soziologische Analyse der Länder Italien und Deutschland als für eine Bestätigung, dass Ultras sich tatsächlich unbeirrbar einem metaphysischen Regelwerk unterwerfen. Es gibt im Italienischen einen schönen Spruch, der das ganz gut zusammenfasst: „Fatta la legge, trovato l’inganno“, auf deutsch etwa: „Gesetz erlassen, Umgehung gefunden.“ Dahinter verbirgt sich die eigentlich auch in Deutschland in Form des Körnchens Wahrheit im Vorurteil bekannte Lebensmaxime des Landes südlich der Alpen: Regeln sind ganz schön, aber im Zweifel halte ich mich nur daran, wenn mir das eh passt oder nichts anderes übrig bleibt. Oder andersherum: Wenn es eine Möglichkeit zum Durchmogeln gibt, dann nutze ich die auch. Nicht immer, nicht jeder, aber sehr sehr viele.

Ultras sind da keine Ausnahme. Deren ungeschriebene Regel bedeutet auch im italienischen, dass eine Gruppe ohne Zaunfahne nicht weiter existieren darf. Aber nur, wenn diese in einem „ehrlichen Kampf“ verloren wurde. Nur dass die Abwesenheit eines Schiedsrichters natürlich alles zur freien Diskussion stellt. Und so wurde seitens der unterlegenen Gruppe eine Niederlage nur im äußersten Ausnahmefall eingestanden. Normalerweise wurde die Zaunfahne „verloren“, „vergessen“, „aus einem Auto gestohlen“, „in einem 50 gegen 1 abgezogen“ oder war – in der Tat sehr beliebt – einfach eine selbst gemalte Kopie des Originals. Weil bei einem solchen Fahnenraub in der Regel nur sehr wenige Personen anwesend waren und 99,9% der Menschen davon berichtet wurde, entwickelte sich jede Episode der Welt der Ultras in einen mündlich überlieferten Heldengesang, bei dem beide Seiten am Ende voller Überzeugung das jeweilige Gegenteil vertreten. Die Verbreitung des Internet hat diesen Prozess nur noch multipliziert, auch in Italien. Und wenn man wahllos 20 Ultras selbst aus derselben Gruppe eine Frage zu einem Sachverhalt stellt, bekommt man 25 unterschiedliche Meinungen. Jedenfalls, wenn man nicht der klare Sieger der Angelegenheit war. Aber jeder beruft sich natürlich auf jemanden, der höchstens 20cm weg vom Geschehen war und sowieso „Wer dabei war weiß Bescheid!“

Das Banner der „Furiosi“ aus Cagliari hing kopfüber schon in gefühlt jedem italienischen Stadion, auf jeden Fall aber bei Milan und Ancona. Aufgelöst hat sich die Gruppe aber erst später aufgrund von Streitigkeiten mit den „Sconvolts“ aus der eigenen Kurve. Der Raub des Banners „Settembre Bianconero“ aus Ascoli durch die Ultras von Sambenedettese stellt für viele den größten Fahnenklau der italienischen Geschichte dar – das Teil ist 60 m lang. Informierte Zungen behaupten, dass es mehr Zaunfahnen des „Settembre Bianconero“ außerhalb Ascolis gibt als in der Stadt selbst. Nachdem der „Settembre“ das Teil bereits in Verona gelassen hatte, wurde das eigene Fortbestehen damit erklärt, dass damals ja nur vier Leute zur Verteidigung bereitstanden. „Nuova Guardia“ und „Viking“ von Inter verloren beide ihre Zaunfahne im selben Spiel gegen Juve, die ersten haben deswegen ihr Ende erklärt, die „Viking“ stehen weiterhin an ihrem angestammten Platz des „Secondo Anello Blu“ im San Siro.

Die „Fighters“ von Juve hatten ihre Fahne den Fans von Catania als Toilette überlassen, sind aber natürlich auch heute noch in Turin präsent. Das Banner der „Brigate Rossonere“ von Milan bekamen 1992 die Ultras aus Cagliari von „Pisu“, dem sardischen Capo der „Boys“ von Inter, überreicht. Was die BRN auch nicht davon abhielt, bis zum Aufgehen in der „Curva Sud Milano“ 2007 weiterzumachen. Genauso wie die „Boys“ selbst, auch wenn es von deren Auswärtsbanner Fotos in den falschen Händen gibt. Sehr hübsch auch die „Bush Avellino“, die ihre Fahne in Portici ließen und fortan eben als „New Bush“ durch die Lande zogen. Die „Brigate Rossoblu“ aus Cosenza erklärten zunächst regelgerecht ihre Auflösung, um sich ein paar Jahre später unter demselben Namen neu zu formieren.

Am allerschönsten löste man das meiner Meinung nach in Galatina: als das Banner „Park Kaos“ verloren ging, erstellte man ein neues und ging ohne weitere Unterbrechungen als „Park Kaos Gruppo Sciolto“ („aufgelöste Gruppe“) auf Tour. Das finde ich ironisch, bizzarr, lustig, fantasievoll und auf jeden Fall „ultra“. „Commando Ultrà Arezzo“, „Gruppo Deciso“ Inter, „Hooligans Bologna“, „Fossa Lariana“ Como, „Boys“ Reggina und „Ghetto Reggiana“ machten alle mit der einen oder anderen Begründung weiter, ebenso wie „Eagles Lazio“ oder „Brigate Gialloblu“ (kehrte nach dem Raub durch Taranto auf unkonventionellem Weg wieder zurück nach Verona). In Bari hatte man dabei am wenigsten Probleme, als die Fahne „Ultras Bari“ verlustig ging. Das Stück Stoff gehörte einem Alleinreisenden aus Mailand, der notgedrungen mit der Bahn durch die Lande fuhr. Als er seine geliebte Fahne an Padova abtreten musste, schenkten diese die Trophäe den Freunden aus Taranto. Mit den eigentlichen „UCN 1974“ hatte das zwar nichts zu tun, aber „Ultras Bari“ klingt jedenfalls wie eine Gruppe. Aber auch die wirkliche und echte Zaunfahne der UCN liegt wohlbehütet bei den Gegnern in Taranto. Gemeinsam mit dem Banner der „Fossa Lecce“, die in der Saison 91/92 ihren Beitrag zur Materialsammlung leisteten, sich ebenfalls nicht auflösten, sondern sich einfach dieselbe Fahne neu malten.

Die ehrwürdigen „Freak Brothers“ Ternana, verloren ihr bestes Stück an Perugia, als ihr Reisebus von Perugia von der Autobahn gedrängt wurde und machten natürlich trotzdem weiter.  Auch die großartige „Fossa dei Grifoni“ aus Genua verlor eine ganze Ladung Fanutensilien, als ihr Bus sich verfuhr und in einen Hinterhalt von Foggia geriet. Die „Fossa“ erklärte ihr Ende erst lange später und aus ganz anderen Gründen, aber zwischen Foggia und Sampdoria entstand wegen des Zwischenfalls eine schöne Verbrüderung.

Kurzum, die Regel, dass eine Gruppe sich beim Verlust der Zaunfahne auflösen muss, ist eine ungeschriebene und interpretierbare. Im Mutterland der Ultras wurde sie flächendeckend so angewandt, dass es in den allermeisten Fällen von Fahnenverlust eine „Erklärung“ gab, weshalb man das heilige Stück Stoff überhaupt nicht in einem „ehrenhaften Kampf“ verloren habe. Und weiter geht es. Getreu dem Motto „all is fair in love and war“ wurden die selbstgeschriebenen Regeln der „mentalità“ von unglaublich vielen Gruppen sehr flexibel ausgelegt: Das gerechte 20-gegen-20 stammt aus der Welt der Hooligans und nicht der der Ultras, italienische Ultras haben ein Zusammentreffen mit gegnerischen Gruppen immer zum Anlass für eine Auseinandersetzung genommen und eben nicht vorher durchgezählt, ob man sich auch auf Augenhöhe befand. Es gab neben Überzahlangriffen auch zahlreiche Beispiele von „Fallen stellen“, Hausbesuchen, Materialraub aus Bars und Kellern, Angriffe mit Messern und anderen Waffen und vieles mehr, das nicht vom Kanon der „Mentalità“ gedeckt war.

Und eben weil es diese „unehrenhaften“ Episoden immer schon gab, von Nord nach Süd, von West nach Ost, gab es auch die Verteidigungsstrategie, dem Gegner, der die Zaunfahne erbeutet hat, genau dies zu unterstellen. Und so gab und gibt es für jede Gruppe, die sich tatsächlich aufgelöst hat, neun andere, die auch nach mehrmaligem Verlust trotzdem weitergemacht haben. Und ich persönlich habe daran auch überhaupt nichts auszusetzen. Im Gegenteil, ich finde es absurd, tausende von Kilometern und Euros, nassgeregneten Pullis und gemeinsam verbrachter Stunden einem archaischen „ungeschriebenen“ Gesetz zu opfern. Vor allem, wenn die Leute nach der offiziellen Auflösung natürlich trotzdem weiter am angestammten Platz in der Kurve stehen oder sich zwei Wochen danach schon eine neue Fahne mit neuem Namen gemalt haben. Genauso übrigens, wie auch die Mehrzahl der italienischen Fußballvereine sich in den letzten hundert Jahren mehrfach Pleite gegangen ist, nur um sich kurz darauf mit einem ähnlichen Namen und einem ähnlichen Logo im selben Stadion vor derselben Kurve wieder einzufinden. Machen wir uns nichts vor, Ultras haben das System nicht erfunden, der italienische Fußball ist einfach Teil des Landes.

Nun spielt meine persönliche Meinung natürlich auch gar keine Rolle und ich wünsche allen Gruppen Ruhm und Ehre, die bis zur Selbstverleugnung einem Kodex folgen. Ich wollte allerdings nicht unerwähnt lassen, dass sich die Urheber dieser Verhaltensregeln nur in eng umschriebenen Ausnahmefällen daran gehalten haben. „Unehrenhaft“ sind immer alle Rivalen, niemals man selbst. Ich halte es für eine herausragende Sache, dass sich das Modell der Subkultur Ultra von Italien aus in ganz Europa verbreitet hat. Dabei hat es in allen diesen Ländern, sogar in den Städten, Kurven und Gruppen selbst, Interpretationen, Auslegungen und Modifikationen gegeben. Und wenn wir alle darüber lächeln, dass Italiener typischerweise nicht um Mitternacht an einer roten Ampel auf einer einsamen Landstraße anhalten, dann können wir getrost davon ausgehen, dass eine flexible Interpretation von Regeln auch in der Ultrawelt Bestand hat. Sonst gäbe es hier nämlich überhaupt keine Gruppen mehr und ich bin dankbar für jede noch bestehende.

Um den Kommentaren vorwegzugreifen und weil jeder natürlich ein Gegenbeispiel hat: Selbstverständlich haben sich Gruppen nach dem Verlust der Zaunfahne aufgelöst. Den „Ragazzi della Maratona“ vom Toro wurde ihr Besitz auf nennen wir es „pfiffige“ Weise während eines Juve – Reggina entwendet und die Gruppe löste sich 2003 tatsächlich auf. Im allfälligen Kommuniqué verwendeten sie den Satz „so wird man sich an uns erinnern als eine der wenigen, die das Banner verloren haben und den Mut hatten, sich aufzulösen“. Auch hier, eine Minderheitenentscheidung. HRUB Battipaglia müsste hier noch erwähnt werden, die ohne Banner aus Acireale heimkehrten und sich auflösten. Die Mailänder „Fossa dei Leoni“ zähle ich nicht dazu, auch wenn hier ein Bannerverlust den Vorwand für die Auflösung stellte. Auch die „Fronte Bianconero“ erklärte ihr Ende, nachdem ihr Herzstück in Verona an die verbündeten Hellas/Fiorentina gegangen war. Die „AS Roma Ultras“ kehrten ohne Fahne aus Lecce zurück und Feierabend war.

Ultra ist neben vielen anderen Sachen eben auch Freiheit, Anarchie, Protest, Freundschaft, Zeitvertreib, Lebensmotto und gemeinsame Realtität vieler Menschen. Dass diese Bewegung sich selbst Regeln setzen und einhalten kann, ist ein großartiger Aspekt ohne den es vermutlich „Ultra“ niemals aus den Kinderschuhen geschafft hätte. Alles gut. Nur die Regel, dass sich eine Gruppe nach dem Verlust einer Zaunfahne unbedingt und immer und ohne Ausnahmen auflösen muss, ist wirklich nicht die intelligenteste davon. Nicht aus Zufall hat sich in Italien auch kaum jemand daran gehalten. Es hat den italienischen Ultras oder ihrer Bedeutung nicht geschadet. Fantasie und Flexibilität passen auch viel besser zu einer Jugendkultur, als das stur preussische Abarbeiten von Gesetzbüchern. Insofern: Sich als „Park Kaos Gruppo Sciolto“ auf Auswärtsfahrt zu bewegen ist ironisch, rebellisch, unangepasst, nicht regelkonform und unglaublich lustig. Ich finde es überhaupt ganz schön, wenn man in Kurven lachen kann. Vor allem in Deutschland.