Stadiongewalt

Fussball in Italien

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Der Deutschlandfunk nahm sich in seiner Reihe „Gesichter Europas“ des italienischen Fußballs an und beschreibt die bestehenden Probleme detailliert und einigermaßen ausgewogen. Schön finde ich, dass die diversen Betroffenen, also Vereinsrepräsentanten, Ultràs und „Normalfans“ ausführlich zu Wort kommen und die Besonderheiten der italienischen Fußballbegeisterung der „fede calcistica“ beleuchtet werden, ohne Untergangszenarien heraufzubeschwören. So entsteht ein differenzierter Überblick über die – unausweichliche – Modernisierung und Kommerzialisierung des italienischen Fußballs mitsamt seinen positiven Aspekten und negativen Begleiterscheinungen. Der Text bewegt sich von O-Tönen begeisterter Tifosi über Zitate berühmter Italiener hin zu einer Beleuchtung der politischen Verstrickungen der Kurven und der Rolle von Persönlichkeiten wie Moggi und Berlusconi für das „Gesamtkunstwerk“ Serie A. Insbesondere ist angenehm, dass darauf verzichtet wird, gewaltbereite Ultràs als alleinige Ursache für die Misere der höchsten italienischen Spielklasse zu brandmarken – ohne fortschreitenden Rechtsradikalismus, Einflußnahme auf Vereinspolitik, wirtschaftliche Interessen und zunehmende Gewaltbereitschaft seitens der organisierten Kurven zu verschweigen.
Das von Fußballskandalen geschüttelte Italien hat vieles von seinem ursprünglichen Glanz eingebüßt. Kommerz, Gewalt und Verbote haben der Serie A stark zugesetzt. Trotzdem stehen die Tifosi zu ihren Idolen, Vereinen und Rivalitäten untereinander. Für ausländische Spieler gilt Italien immer noch als eine der reizvollsten Talentschmieden, auch wenn es nur wenige schaffen und der Rassismus einige der Erstliga-Vereine davon abhält, Talente aus dem Ausland zu verpflichten. [Weiterlesen →]
Alles in allem entsteht ein relativ stimmiges Bild der verwirrenden italienischen Verhältnisse rund um die schönste Nebensache der Welt. Auf eine zusammenfassende Bewertung ebenjener Verhältnisse wird wohltuenderweise verzichtet, denn es gibt eben keine einfache Lösung für komplexe gesellschaftliche Probleme – da kann die Law & Order-Fraktion sich noch so ereifern. Karl Hoffmann und, am Mikrofon, Bettina Nutz belassen es bei einer akribisch recherchierten und gut zu lesenden Zusammenfassung der fußballerischen Faktenlage im modernen Italien. Man verzichtet auf eindimensionale Schuldzuweisungen oder nostalgische Verweise auf die „gute alte Zeit“. Fußball, zumal in Italien, hat deshalb einen so hohen wirtschaftlichen Stellenwert, weil sich viele Menschen dafür interessieren. Der Beitrag zitiert, dass sich zwar gut die Hälfte aller Italiener als „Fans“ eines Vereins bezeichnen würden, nur noch 70 % der Kirche vertrauen und 15 % der politischen Kaste – noch weniger vertrauen nach Moggiopoli aber dem System Fußball. Diese enorme Reichweite, verbunden mit dem Gefühl von Machtlosigkeit und Frustration, führt aber eben auch dazu, dass der Fußball gesamtgesellschaftliche Verwerfungen besonders präzise abbildet – nel bene e nel male. Denn der italienische Fußball hat selbstverständlich mit massiven Problemen zu kämpfen, aber seine Bedeutung im In- wie Ausland ist ungebrochen. Alles in allem ein sehr lesenswerter Text, auf den ich an dieser Stelle sehr gern hinweise…wie jeden Monat. Das Schlußwort überlasse ich Gianluca Tirone, seines Zeichens Lazio-Ultrà:
„Das was in den Stadien passiert, ist nur sehr viel sichtbarer. Wie viele Tausend Jugendliche kriegen sich an jedem Wochenende in den Diskotheken in die Haare, darüber spricht man nicht. Im Stadion prügeln sich zehn Fans und die Kameras übertragen das überallhin. Ich will nicht bestreiten, dass auch wir Fehler gemacht haben. Heute versuchen wir dem Nachwuchs in den Stadien beizubringen, wie man ehrenvoll eine Niederlage hinnimmt. Im Stadion kann man gewinnen oder verlieren. Wichtig ist, dass sich die Spieler Mühe geben und sich den Applaus der Fans verdienen, auch wenn sie vier zu null verloren haben. Das versuchen wir zu vermitteln. Aber in unserer Gesellschaft zählt nur der Sieg um jeden Preis, auch mit Doping und Korruption – daran sind die Fans nicht schuld. Oft sind sie noch die Ehrlichsten im Fußball, denn sie haben noch echte Leidenschaft.“ [Weiterlesen →]
Und „Echte Leidenschaft“ sieht eben nicht so aus wie im Coca Cola-Werbespot…