Fankongress Berlin 2012

Fankongress Berlin 2012

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Das wichtigste vorab: Herzlichen Dank an alle, die ihre Freizeit geopfert haben, um den Fankongress in Berlin zu organisieren, Räumlichkeiten, Catering, Türsteher und Veranstaltungstechnik zu organisieren, Presse, DFL, DFB, ZIS, Fanforscher und teils internationale Referenten einzuladen. Ebenso an alle, die Eintritt, Fahrt und ein Wochenende drangegeben haben, um nach Berlin zu kommen, um friedlich über ihre Wünsche an einen fangerechten Fußball zu diskutieren. Abgesehen von der Ehre, auf einer solchen Veranstaltung über Erfahrungen aus Italien erzählen zu dürfen, war es schön, bekannte Gesichter aus deutschen Kurven wiederzusehen und neue Menschen kennenzulernen, denen – bei allen Differenzen – dasselbe Thema am Herzen liegt.

Wie ich ja auf dem Podium und in den Gesprächen auf dem Flur immer wieder angebracht habe, ist das Wichtigste an einer solchen Veranstaltung, dass sie überhaupt stattfindet. Schon ohne auf die diskutierten Inhalte einzugehen, setzt ein solcher Kongress das Zeichen, dass es offensichtlich so ist, dass ganz viele der begeistertsten und begeisterndsten Fans ganz offensichtlich in der Lage sind, sich friedlich und intelligent mit ihrer Fankultur und den Rahmenbedingungen des Fußballbetriebs auseinanderzusetzen. Ein Szenario, das angesichts der Berichterstattung in vielen Medien der letzten Monate ja ausgeschlossen schien. Ich konnte hingegen in den Räumlichkeiten des ehemaligen Kosmos-Kinos in Friedrichshain keinerlei dumpfe Gewalttäter ausfindig machen, die ihren sozialen Frust in Stadien entladen, sich für den Fußball nicht interessieren und ihr Lebensziel darin sehen, Kinder und Frauen in die Flucht zu schlagen.

Selbstverständlich hält sich der Erkenntnisgewinn in Grenzen, wenn DFB und DFL nur Vertreter schicken, die an einer tatsächlichen aktiven Diskussion nicht wirklich teilnehmen können, keinerlei Entscheidungsgewalt haben und eben Dialog vermutlich nur simulieren sollen. Natürlich ist es ärgerlich, wenn die ZIS einen Tag vor Veranstaltungsbeginn die Absage ihres Vertreters Ingo Rautenberg verkündet. Und so fehlten zu einem echten Dialog eben häufig die Gegenstimmen. Man kann nun aber wirklich nicht dem Veranstalter und den anwesenden Fans anlasten, dass DFB-Vertreter Gerald von Gorrissen genauso oft Dialog- und Gesprächsbereitschaft seitens des Verbandes erklärt wie er dann zu tatsächlichen Entscheidungsprozessen nichts sagen kann, weil er „nicht dabei war“, weil so etwas „das Präsidium entscheidet“ bzw. die „Innenministerkonferenz“ Druck ausübt. Unter Dialog würde ich mir eben etwas vorstellen, was schlussendlich auch zu einem für beide Seiten vertretbaren Kompromiss führt und nicht ein Dialog „pour parler“ und dann wird das Diskutierte eben trotzdem einfach abgelehnt.

Gern hätte ich z.B. vom DFB gehört, warum das eigene Rechtsgutachten, das zur Begründung des Verbots von Pyrotechnik auch in eigens abgegrenzten Bereichen und zu festgelegten Zeiten in Absprache mit Verein, Polizei und Feuerwehr herangezogen wurde, nicht veröffentlicht wurde. Warum ein durch Suggestivfragen an Ahnungslose herbeigeführtes Umfrageergebnis von 84% gegen Pyrotechnik kurz vor dem Fankongress lanciert wurde (Stellungnahme von ProFans). Wieso die Etikettierung von Stadionfans als Gewalttätern ständig wiederholt werden muss, wenn es in einer ganzen Saison 1. und 2. Bundesliga genauso viele Verletzte (die durch Polizeimaßnahmen Verletzten einbezogen) gibt, wie an einem Tag auf dem Oktoberfest (Spahn im ZDF, vermutlich meinte er ja ein gesamtes Oktoberfest, der Vergleich ist trotzdem erhellend). Gern hätte ich vom DFL-Fanbeauftragten Tomas „Steve Jobs“ Schneider gefragt, der von den Fans Selbstreflexion einforderte und Polizeigewalt mit „Gruppendynamiken“ erklären wollte gehört, warum sein Chef nicht da war. Oder irgendein Enstcheidungsträger. Die Aussage, „man wolle sich in einen von Fans organisierten Kongress nicht einmischen“ macht ja nur in Comedy-Zusammenhängen Sinn. Aber ganz offensichtlich wurden die Verbandsvertreter nur mit der Maßgabe nach Berlin geschickt, möglichst nichts zu sagen, aber durch die reine Präsenz Gesprächsbereitschaft darzustellen. Das kann man den Personen nicht vorwerfen, die sich ja immerhin gestellt haben, ist aber – gerade vor dem Hintergrund der letzten beiden Monate sehr schade. Aber immerhin waren sie, im Gegensatz zum Polizeivertreter, überhaupt gekommen.

Zu den diskutierten Inhalten selbst kann man sich anderswo detailliert informieren, über die „Ergebnisse“ kann man sich Gedanken machen. Ich persönlich halte solche Veranstaltungen für immens wichtig. Insbesondere die von der Journalistin Nicole Selmer eingeforderte Zusammenarbeit mit der Presse. Ich bin der erste, der nachvollziehen kann, warum Fußballfans so ihre Probleme mit der deutschen Medienlandschaft haben, die oft genug Krawall herbeischreibt, wo nur ein Böller geworfen wurde. Die Gewalttaten – von denen jede einzelne abzulehnen und strafrechtlich zu verfolgen ist – aus jedem statistischen Zusammenhang reißt. Die Aussagen verdreht und Panik und Sensationen erfindet. Trotzdem braucht es beim Kampf um Fanrechte und gegen Repression die Information der breiten Öffentlichkeit, die womöglich nicht ins Stadion geht oder sich auch gar nicht für Fußball interessiert. Der Kongress wurde organisiert durch die Stellvertreter vieler zehntausender Menschen, für die der Besuch eines Stadions Teil ihres Lebens ist. Die sich über eigene Unzulänglichkeiten austauschten, ungerechte Behandlung reklamierten und darlegten, wie sie sich einen Fußballbetrieb vorstellen, der tausenden Jugendlichen die Möglichkeit gibt, ihrem Hobby relativ selbstverantwortlich nachzugehen. Bei allen Problemen auch der Kurven selbst.

Undifferenzierter Einsatz von Pfefferspray bei Polizeieinsätzen im Stadion, die Möglichkeiten eines geregelten und sicheren Einsatzes von Pyrotechnik, fanfreundliche Anstoßzeiten und die Erfahrungen in anderen europäischen Ligen waren nur einige der angesprochenen Themen. Und darüber wurde in angeregter, friedlicher und interessanter Weise diskutiert. Ich hoffe, auch in der Zukunft noch ganz oft. Und vielleicht lässt sich ja so eine Differenzierung erreichen und das Bild in die Öffentlichkeit transportieren, dass die überwiegende Mehrheit deutscher Kurvenbesucher keine dumpfen Gewalttäter sind, denen es nur um Krawall geht. Eine Demokratie sollte eine Jugendbewegung aushalten können, für die nicht tolerablen Aspekte gibt es ein funktionierendes Rechtssystem. Vorverurteilungen und grobe Verkürzungen zehntausender Einzelmeinungen auf Bild-kompatible Formeln sorgen nicht dafür, dass Probleme verschwinden. Die zahlreiche Berichterstattung und auch das ZDF Sportstudio vom Samstagabend lassen mich hoffen, dass es auch Journalisten gibt, die ihren Job noch ernst nehmen und die Dinge darstellen, wie sie sind und nicht problematische Aspekte wie Gewalttaten auf ganze Jugendbewegungen projizieren. Über alles andere kann man reden. Das Stöckchen liegt jetzt bei den Verbänden, der Presse und den Sicherheitsorganen.

Das Abschlussdokument gibt’s hier als pdf.

Ein Paar Beispiele aus der Berichterstattung zum Fankongress