Pyro satt

Leben birgt Lebensgefahr

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Viel ist geschrieben worden, seit Poschi anlässlich des Fußballspiels Beirut Dortmund gegen Dynamo Dresden seinem ZDF-Publikum von bürgerkriegsähnlichen Zuständen berichtet hat. Denen wurde dabei sicher ganz warm unter der Heizdecke und die durch die Dritten genuschelten „damals hätte es sowas nicht gegeben“ will ich bestimmt nicht zählen müssen. Da waren sie wieder, die reflexhaft verbreiteten „sogenannten Fans“, die „Dinge, die wir in keinem Stadion sehen wollen“ weil sie „mit Fußball nichts zu tun“ haben und die ganzen „Chaoten“. Später tauchten dann sogar „Verletzte“ auf, „weinende Frauen und Kinder flüchteten“ vor Dresdner „100 kg Kolossen“. Und so weiter und so fort. Derartige Darstellungen kennen wir zur genüge und umso sensationslüsterner die Berichterstattung ist, umso besser verkauft sich das Produkt. Glücklicherweise gibt es durchaus noch Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, und sich sachlich und reflektiert mit dem Thema Gewalt in und um Fußballstadien auseinandersetzen anstatt die Redaktionsvorgabe nachzuplappern und Polizeiberichte kritiklos zu übernehmen. Ich weise deshalb gern auf die untenstehenden Artikel zum Thema hin und empfehle eine aufmerksame Lektüre: Sogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale? Etwas Besseres als diesen Journalismus Glosse: Handschellen für die Sachlichkeit Bundesligaanalyse: Pyrotechnik und „Gewalt-Wahnsinn“ Feuer und Leidschaft als Verbrechen Draufhauen statt Dialog Es geht beim Fußball nicht um Feuerspiele „Man muss den Ultras vertrauen“ „Wie der Weihrauch zur Sonntagsmesse“ Geschwätz ist keine Lösung Über Fußballgewalt reden heißt von Auschwitz schweigen Gefährliche Hysterie Überbieten und Strafen Wissenschaftler fordern Rückkehr zum Dialog Und auch die Dortmunder selbst erzählen sehr reflektiert und nüchtern von der tatsächlichen Gefahr, ein Fußballspiel zu besuchen. Wir waren beim Fußball – und haben es überlebt Soweit so bekannt. Die sogenannten Qualitätsmedien überbieten sich in Frontberichterstattung und erklären von hinter den Schnittchentischen aus ihrem Publikum, das in der Mehrheit noch niemals in einem Stadion war, die böse weite Welt. Die Polizeigewerkschaft verweist auf die Kosten und die unfassbaren Gefahren für Uniformträger. Und die Bildzeitung ruft den nationalen Notstand aus während sich die paar kritischen Journalisten und die Szene selbst völlig berechtigt der allgegenwärtigen Hysterie entgegenstellen. Natürlich kann man sich über das tatsächliche Gewaltpotential der deutschen Ultra-Szene unterhalten und das muss man auch. Allerdings sollte man sich hierbei an Fakten und tatsächlichen Risiken orientieren und nicht an tendenziösen verlautbarungen – ob diese nun von der Staatsmacht verbreitet werden oder den betroffenen Gruppierungen selbst. Und genau diese Mittlerposition sollte eine Medienlandschaft übernehmen, die ihren Auftrag ernst nimmt: die Fakten recherchieren, aufbereiten und dem interessierten Konsumenten zur Verfügung stellen. Und zwar ohne Panikmache. Woher die Hysterie? Nun, grundsätzlich ist zu beobachten, dass die Gesellschaft in Richtung Vollkaskomentalität gedrillt wird, die jegliches Restrisiko des Lebens als unerträglichen Fehlschlag betrachtet. In der Werbung tapst ein Hund durch die Küche, Zoom auf die Fußspuren, in denen Killerbakterien wuseln und was ein Glück, dass die besorgte Frau Mama ihr Sagrotan-Spray dabei hat. Man mag sich gar nicht ausdenken, was da hätte passieren können, wenn ein Kind ungeschützt mit einem Fliesenboden in Berührung kommt, über den ein Hund gelaufen ist. Bundesverkehrsminister Ramsauer brachte kürzlich die Helmpflicht für Radfahrer in die politische Debatte ein, um auch hier vermeintliche Sicherheitsrisiken bei der Teilnahme am Straßenverkehr auszuräumen. Raucher sind mittlerweile ausgesperrt und werden auf jeder Packung mit ihrem unverantwortlichen Verhalten konfrontiert. Mein Gurtwarner erinnert mich laut piepend daran, dass auch der Weg von einem Parkplatz zum nächsten lebensgefährlich sein kann. Im aktuellen Spiegel findet sich ein bericht über die Absurdität der Sicherheitskontrollen für Kinderspielzeug, die einen wundern lassen, wie Generationen bis jetzt überhaupt bis zur Geschlechtsreife überleben konnten. Die EU reglementiert die Käseherstellung und macht es praktisch unmöglich, bestimmte Käsesorten noch herzustellen, die in Europa seit hunderten Jahren keine flächendeckenden Epidemien ausgelöst haben. Der Beispiele ließen sich noch hunderte anführen, aber die Richtung halte ich für deutlich. Der Staat und seine Organe und die Wirtschaft selbst stellen sich auf für die Schaffung einer Vollkaskogesellschaft, in der jedes auch nur noch so geringe Restrisiko als inakzeptabel bewertet wird. Und sei es auch nur ein gefühltes. Schlimm nur, dass das Leben grundsätzlich Lebensgefahr bedeutet. Und besonders schlimm, dass sich bestimmte Risiken eben nicht mit Sagrotan wegsprühen lassen. Wie der wunderbare Artikel der Dortmunder so nüchtern feststellt, ist ein Stadionbesuch weiterhin genauso sicher wie das Überqueren eines Zebrastreifens. Ein gelungener Vergleich in einem Land, das sich ja nun trotzdem mit Vehemenz gegen ein Tempolimit auf Autobahnen wehrt und die Bedeutung eines Kraftfahrzeugs an der Zahl der PS unter der Haube festmacht. Merke: Wenn ein höheres Interesse bedient wird, wird die Gefahrendebatte auch gern einmal hintenan gestellt. Das gilt für Zusatzstoffe in unserer industrialisierten Nahrung genauso wie für die Zulassung gentechnisch veränderter Lebensmittel. Das Phänomen „Ultras“ stellt eine Jugendkultur dar. Und wie bei jeder anderen vornehmlich männlichen Jugendkultur auch, sorgen Testosteron und Wettbewerb dafür, dass es schonmal zu aggressiven Ausdrucksfomen kommen kann. Und wie bei jeder anderen Jugendkultur auch trifft sie auf Ablehnung seitens der vorherigen Generationen. Das ist gut so, denn darum geht es ja in Jugendkulturen. In der überwiegenden Zahl der Fälle bleibt diese verbal und wenn nicht, dann findet sie untereinander statt (Achtung liebe Journalisten, „Pyro“ ist keine Gewalt). Man kann ihr aus dem Wege gehen, auch wenn das die meisten Leser nach der Frontberichterstattung nicht mehr glauben wollen. Wenn man nicht in die Kurven der heißesten Fans geht, besteht überhaupt kein Risiko, von einem Pyro den „Kittel verbrannt“ (Poschi) zu bekommen. Und wenn einem vor dem Stadion der gegnerische Mob entgegenkommt, dann macht man das, was Mutter Natur uns als Fluchtreflex vor Bären eingeimpft hat: Man geht einfach weg. Schade, dass es derlei banale Ideen offensichtlich nicht in den öffentlichen Diskurs schaffen. Eine Gewaltdebatte im Fußballumfeld ist wichtig und notwendig. Sowohl innerhalb der Fanlager selbst, als auch mit den für die öffentliche Sicherheit zuständigen Stellen. Nur so wie sie derzeit geführt wird, ist eine Debatte nicht zu erkennen – dafür wäre es zunächst einmal notwendig, sich über Fakten und Zahlen auszutauschen und nicht über herbeifabulierte Katastrophenszenarien. „Italienische Verhältnisse“ wird es in deutschen Stadien schon deshalb nicht geben, weil es „italienische Verhältnisse“ in der deustchen Gesellschaft nicht gibt. Italiens Fußball hatte in den 80er und 90er tatsächlich ein massives Gewaltproblem. Nur war dieses in gesellschaftliche und politische Zustände eingebettet, die teilweise am Rande des Bürgerkriegs standen. Davon ist Deutschland genauso weit entfernt wie ein in die Höhe gehaltener Bengalo von einer Gewalttat. Ein wenig mehr Gelassenheit im Umgang mit Restrisiken täte dieser Gesellschaft gut. Vor allem, weil die Risikodebatte von meiner Generation geführt wird. Und damals rauchten Leute im Fernsehen, es gab zutiefst unhygienische Windeln aus Baumwolle und die Kirschen pflückten wir direkt am Straßenrand, wo Autos ohne Katalysator vorbeifuhren. Und wisst ihr was? Wir haben irgendwie trotzdem überlebt.