Domenico Mungo: "Cani sciolti"

Eine italienische Tragödie

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28. Oktober 1979
Eine italienische Tragödie

Von der Seite: www.vivereultras.altervista.org

28. Oktober…
Eigentlich sollte es der übliche Morgen zum Feiern sein. Wie immer vor einem Derby war der Schlaf zu wenig und unruhig. Um 7 Uhr früh hatte ich die Augen schon weit aufgerissen, die Gedanken nur bei meiner Kurve, bei der Choreografie, die wir unter großen Opfern vorbereitet hatten, bei den Gegnern, beim Spiel. Ich gehe ans Fenster… was für ein beschissener Tag. Nach einer schnellen Dusche und einem bescheidenen Frühstück bin ich mit dem Schal um den Hals am Treffpunkt, um mit Freunden zum Stadion zu gehen. Im Radio werden schon wenig beruhigende Nachrichten von Krawallen zwischen Fans am Bahnhof Termini, an der Piazza delle Province und an der Milvio-Brücke verbreitet. Ein bißchen Quatschen, während wir auf die üblichen Zuspätkommer warten, dann brechen wir in Richtung unserer Nordkurve auf. Gegen 11 Uhr kommen wir am Platz vor der Kurve an. Um uns herum sehen wir angespannte Gesichter von Leuten, vor allem jungen, für diese dieser Sonntag nicht schnell genug vorbei sein kann. Eine für ein Derby völlig ungewöhnliche Atmosphäre… Man beginnt damit, das Material für die Choreo reinzutragen. Die Durchsuchungen am Einlass sind ungewöhnlich oberflächlich. Auch drinnen ist die Situation nicht mehr entspannt. In der Südkurve erscheint ein Spruchbanner über Re Cecconi, ein Modell an Boshaftigkeit. Die Nordkurve antwortet mit zwei gigantischen Leinwänden: „Sabbernder Rocca, die Toten stehen nicht mehr auf“ und „Gelb-Roter Holocaust“, während ganz oben ein Banner mit „Entschuldige Schwein, wenn ich dich Romanista nenne“ thronte. Das Parterre der Nordkurve war noch ganz leer, während man in dem der Südkurve ein ungewöhnliches Kommen und Gehen von Menschengruppen beobachten konnte. Die Minuten vergehen und die Sprüche werden immer härter. Wir setzen uns hin, um mit ein paar Freunden zu quatschen, wegen der Choreo glaube ich, als vom anderen Ende des Stadions etwas startet, das über den Platz fliegt und dabei eine weiße Rauchspur hinter sich herzieht. Der Moment des Bestürzung über dieses „Ding“ wird leider sofort von der Sicherheit abgelöst, dass gerade etwas sehr ernstes passiert ist. Die Rakete trifft einen Zuschauer ungefähr 20 Meter von uns, sofort entzündet sich ein blendend grellrotes Licht. Irgendjemand opfert sich auf, um dem Unglücklichen zu helfen, aber niemand kann mehr etwas für ihn tun. Die Menschen um uns herum sind in Angst und Schrecken. Manche laufen schreiend weg, manche weinen, andere zerschlagen die Holzbänke der Kurve, um diese Tat irgendwie zu rächen… Mein erster Gedanke war, die Treppe herunterzurennen und auf dem Vorplatz der Nordkurve Schutz zu suchen. Ich sehe fliehende Menschen und sperrangelweit aufstehende Tore ohne Polizei oder irgendwelche Kontrollen. Auf einer Seite der Treppe sitzt ein vielleicht 18-jähriges Mädchen auf einer Stufe und weint. Sie ist an einer Hand verletzt. Ich gebe ihr meinen Schal, um das Blut zu stillen. Genau in diesem Moment überfliegt wein weiterer Sprengkörper die Nordkurve und explodiert auf dem Hügel hinter der Kurve. Ich begleite das Mädchen zum Sani in der Kurve und frage mich, was zu tun sei. Ich bin ganz allein inmitten all der Panik. Wer weiß, wo meine Freunde abgeblieben sind. Ich versuche, das bisschen an Verstand zu gebrauchen, was mir die Adrenalinschübe übriggelassen haben. Um mich herum versuchen viele Menschen, darunter Familienväter mit ihren Kindern, normale Leute, Jugendliche, Frauen, die Masse zu überreden, einen Angriff auf die Curva Sud zu starten, um kurzen Prozess zu machen. Der Durst nach Vergeltung gewinnt die Überhand. Ich gehe zurück in die Kurve und greife mir eine Latte von einer herausgebrochenen Sitzbank. Ich sehe, dass viele andere die gleiche Idee hatten. Währenddessen sucht im Parterre eine Gruppe Jugendlicher den Körperkontakt mit den Carabinieri, die kurz darauf ins Hintertreffen geraten und sich zurückziehen müssen. Ich gehe wieder auf den Vorplatz hinunter, wo ungefähr 300 mit Flaschenhälsen, Fahnenstöcken, Holzlatten bewaffnete Menschen sich für den Angriff organisieren. Währenddessen verbreitet das Radio die Nachricht vom Tod Vincenzo Paparellis. Aus der Curva Sud tönt ein irrsinniger Gesang: „Einer weniger! Haben wir mehr Platz…“ Daraufhin explodiert die Wut engültig und es beginnt der erste Angriff auf die Südkurve. Vor mir ein Herr in den Mittvierzigern, der einen Knüppel schwingt, den er werweißwo herausgebrochen hat. Blind vor Wut folge ich ihm und sammle dabei auf dem Weg Steine auf, die ich mir in die Taschen stecke. Ich drehe mich um und hinter mir sind noch wenigstens weitere 200 Personen. In dem Moment habe ich an nichts anderes mehr gedacht, als weiterzugehen, in die Höhle dieser dreckigen Mörder einzubrechen und sie bezahlen zu lassen. Schnell überqueren wir die Straße vor der Tevere-Tribüne, aber am Ziel angekommen finden wir uns gepanzerten Einsatzwagen der Polizei und Beamten mit gezogener Waffe gegenüber. Mit Stein- und Flaschenwürfen beginnt die Attacke. Die Ordnungskräfte gehen soweit es geht hinter den Einsatzwagen in Deckung und antworten mit Tränengas. Der Kampf geht für einige Minuten weiter und in einigen Momenten meiner verrückt klarsichtigen Gewalt habe ich geglaubt, ich könnte es durch die Absperrung schaffen. In der Unbeschwertheit meiner 18 Jahre war das das erste mal, dass ich sowas versuchte, das fiel mir schon auf, aber ich wollte es mit jeder Faser meines Körpers. Alle, die dabei waren wollten das… und nicht nur die üblichen Stadionrowdies, sondern ganz normale Leute. Die Schreie, die Schüsse, die Sirenen, der beißende Gestank des Tränengases… eine Szene, die niemand jemals wieder vergessen können wird. Erst nach einigen Minuten müssen wir uns wieder in die Nordkurve zurückziehen. Die Tore stehen immer noch weit offen und jeder der will kann rein oder raus. Auf dem Vorplatz zwischen Toren und Treppenaufgang die üblichen kleinen Menschenansammlungen… man fragt sich: auf die Gewalt mit Gewalt antworten oder alle weggehen, ruhig bleiben? Was soll man angesichts einer solchen Sache tun? Wir Jungen sind allesamt dafür, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten und viele andere, in weit fortgeschrittenerem Alter, sind da ganz derselben Meinung. Leute, die ich selbst gerade eben noch in erster Reihe gesehen habe, wie sie auf die Polizei losgegangen sind, um die Curva Sud anzugreifen. Genau im Moment der Entscheidung kommen – völlig unbehelligt und unwissend über das Geschehene – ein Dutzend „Sandwich“-Männer mit umgehängten Werbeplakaten durch die Tore, vielleicht Reklame für einen Film. Sofort werden sie wieder rausgejagt. Trupps aus 30-40 Leuten formieren sich, um einzeln und ohne großes Aufsehen zur Süd zu gelangen. Wir verlassen die Kurve und versuchen, einen möglichst weiten Umweg zu nehmen, um den Hindernissen zu entgehen und die größtmögliche Zahl an Autos zu beschädigen. Alle Autos mit einem Aufkleber des AS Roma werden zerstört. Auf einem Teil der Strecke entdecken wir, dass eine andere Gruppe, die vor uns aufgebrochen war genau dieselbe Idee gehabt hatte. Denn das, an dem wir vorbeigehen ist nurmehr ein Autofriedhof, zerbeulte Karosserien und eingeschlagene Fensterscheiben. Wir ändern also wieder das Programm. Mindestens 30 Autos auf unserem Weg werden schwer beschädigt. Aber die Wut wird nicht weniger. Auch in der Viale dei Gladiatore steht Polizei in Kampfmontur und erlaubt uns keinen Frontalangriff auf die Gegner. Wir gehen alle in die Kurve zurück. Das Spiel darf nicht stattfinden… darf nicht stattfinden! Nicht spielen!!!

Am 15.11.2011 erscheint Domenico Mungos Ultra-Roman „Streunende Köter“ (im Original: „Cani Sciolti“). Wie immer, sind wir auf eure Hilfe angewiesen: Liken, Teilen, Weitererzählen!