Domenico Mungo: "Cani sciolti"

Autogrill/2 Secchia Ost, Die vom Kreidesaal

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Autogrill/2 Secchia Ost, Die vom Kreidesaal Wir waren auf dem Heimweg aus Siena. Wir waren zu fünft, darunter zwei ganz Junge, incognito in einem Bus irgendeines norditalienischen Fanclubs. Das sind gute Leute, echte Fans der Fiorentina, die jedes Wochenende hunderte Kilometer fressen, bei Heim- wie Auswärtsspielen, für die macht das keinen Unterschied. Im Gegenteil, Spiele in Mailand, Turin, Genua, Bergamo oder Verona sind sogar günstiger für sie, weil es näher ist. Aber zwischen ihnen und der Ultra-Mentalität liegen Welten. Sie sind friedlich, ein Club mit Merchandising-Kram, Gesängen, Fahnen, mit an das Geländer gehängtem Banner, mit einer schwindelnd machenden Geschichte von Auswärtsfahrten in Italien, Europa und der Welt. Aber es sind keine Ultras. Sie sind Unterstützer, Fans, Fanatiker, aber keine Ultras. Sie singen, sie legen sich ins Zeug, leiden und feiern, aber sie definieren sich nicht als Ultras. Wir haben uns aber oft für unsere Reisen an sie gehängt. Das ist bequem für uns, wir machten es uns am Ende des Reisebusses gemütlich und verwandelten die letzten vier Sitzreihen in eine nicht zugängliche Enklave, die wir – wer weiß warum? – KREIDESAAL tauften… Da war immer jemand, der gutes Zeug dabei hatte und dem wir den Chor „P. rück das Zeug rüber, wir müssen schniefen, wir baun auf dich ooooooooh!!!!“ widmeten. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, auf Hin- oder Rückfahrt, sangen wir auf den Sitzen des Kreidesaals“ P. rück das Zeug rüber, wir müssen schniefen, wir baun auf dich….“ oder auch „Sag mir, wieso nur 0,3, wieso nur 0,3: ich gab dir 80 Euro, ich gab dir 80 Euro…“. Dieser Kerl, P., war einer aus meiner Gegend. Wir sind zusammen aufgewachsen, der war ein ganz normaler Typ, arbeitete in der Fabrik, hatte seine Freunde und seine Kneipen, als Kinder spielten wir Fußball zusammen, er erinnerte an Baggio, sowohl wegen seiner Spielweise als auch seiner Statur. Ernsthafte Person, mit dem richtigen Laster. Er liebt die Viola und ist eigentlich immer dabei. Ich mag P. wirklich gern. Da gab es diese beiden „Gagni“ aus Mailand, G.&P.. G. lebte in einer beschissenen Satellitensiedlung im Mailänder Hinterland und redete wie eine der Großkotze aus dem Comedy-Programm Zelig: („bleibt ganz ruhig, ich habe mit meinen Freunden am Park etwas zu rauchen gekauft…“), er lebte mit seinen hirnamputierten sechzehnjährigen Freunden am Park, dealte in der Disko mit Pillen und Koks und war mein Adoptivsohn. Mit 12 Jahren vertraute ihn sein Vater mir an, während ich gerade vor einer Autobahnraststätte kollabierte. Wir waren auf dem Weg nach Parma zum Pokalendspiel. Es war drückend heiß. Ich hatte drei Flaschen Mirto-Likör getrunken, zwei Liter Bier, wie ein Besessener Koks gezogen und um ganz sicher zu gehen noch zwei Chillums Unkraut geraucht. Nach drei Stunden auf der Autobahn halten wir auf dem Rastplatz, ich steige aus dem Auto und der Temperaturunterschied trifft mich voll in die Magengrube. In diesem Moment kommt dieser Typ mit dem Kind an der Hand vorbei und meint „Ich weiß, dass du ein echter Viola-Ultra bist. Das hier ist mein Sohn, ich vertraue ihn dir an, künmmer dich um ihn…“ Ich schaute ihn entgeistert an, wie um zu sagen „und du vertraust deinen Sohn so einem Kaputten wie mir an? Kriegst du nicht mit, dass ich völlig zugeknallt bin, dass ich ein beschissener Süchtiger bin und ich wenn es drauf ankommt keine Sekunde drüber nachdenke, mich in eine Prügelei zu stürzen…und du vertraust mir deinen Sohn an?“. Jedenfalls habe ich den „Gagno“ (den Namen haben wir ihm gegeben, so nennt man in Turin einen Jungen) anständig großgezogen. Er hat alle notwendige Prügel von mir erhalten. Wir haben ihm mit allen Zeremonien getauft: der erste Angriff, die erste Auswärtsfahrt einer gewissen Art, der erste Scheiß, den er anstellte und bezahlte. Seinen achzehnten Geburtstag hat er im Reisebus auf der Rückfahrt von einem Spiel gegen Milan gefeiert und wir haben ihn die gesamte Hin- und Rückfahrt lang mit Tritten in den Rücken und Schlägen auf den Kopf massakriert. Außerdem musste er Koks für alle besorgen, weil er ja das Geburtstagskind war… Dann wie viele Schläge aus heiterem Himmel, während er schlief oder völlig ahnungslos mit seinen Kumpeln abhing. Aber ich hatte den Jungen von Herzen gern. Wir waren manchmal auch nur zu zweit gereist. Wir haben in Autos geschlafen, in Lieferwagen, Zügen oder Häusern von Leuten wie uns, die uns beherbergten. Der Gagno ist mit mir aufgewachsen, echten Mist hat er nie gebaut, wenn es in der Schule schlecht lief, habe ich ihn vor den Augen der anderen mit dem Gürtel verkloppt. Und er ist zum Mann geworden. Jetzt geht er arbeiten und schickt mir brüderliche Nachrichten ewiger Freundschaft. P. hingegen war aus Monza „eeeeeee es reimt sich mit Monza, das ist Bonza….“. Netter Kerl, gut erzogen, ruhig, respektvoll, aber immer am richtigen Ort, wenn ich mich umdrehte, um in der Kurve oder im Chaos nach ihm zu schauen. Ein Ordentlicher. Arbeitet den ganzen Tag in der Gießerei und jeden Sonntag steht er in der Kurve. Schläft niemals. Ich habe ihn noch nie müde zusammenbrechen sehen, nicht im Kreidesaal, nicht in Zügen, nicht in Autos. Einmal ist er ohne mit der Wimper zu zucken von Lecce nach Mailand gefahren…abwesend wie ein Roboter. Wir hatten damals 2:2 unentschieden gespielt. Wir waren zu neunt mit einem in Malpensa ausgeliehenen Ford Transit unterwegs. Eine irrwitzige Fahrt von Mailand nach Lecce mit neun Leuten, fünfzehn Portionen Koks und zwei Kisten Bier. Wir hatten festgelegt, dass wir die ersten zweihundert Kilometer keine Linien ziehen würden. In Melegnano waren die ersten vier Päckchen schon aufgebraucht! V. raste die Adriatica-Autobahn knapp an der Leitplanke entlang hinunter, so dass ich fast seekrank wurde. Völlig ahnungslos über die Gefahr betranken sich die anderen weiter und knallten sich bei 200 km/h Koks rein, als ob nichts wäre. Wir treffen um sechs Uhr morgens in Apulien ein. Das Spiel würde um sechs Uhr abends angepfiffen. Um uns herum gab es überhaupt nichts. Das Salento ist eine unendliche Ebene aus Erde und Himmel. Wir verbrachten den Tag in San Cataldo, ein Strand, der den letzten Fjord der apulischen Adria darstellt und sich nach Albanien hin öffnet. Ein Traum von einem Ort, wo sich das Azur des Meeres im Himmel auflöst. Es war März, die Sonne strahlte klar und blendend, der Wind war aber dermaßen eisig, dass dir die Lider tränten. Wir spielten Fußball, soffen weiter und zogen fleißig Linien. An einem bestimmten Moment kommen die anderen Jungs aus Florenz dazu, auch sie in einem neunsitzigen Transit, auch sie in unserem Zustand. Kurze Zeit später meldete irgendjemand den Bullen aus Lecce unsere Anwesenheit. Und die kamen zu uns an den Strand und fragten, ob wir es wünschten, von ihnen begleitet zu werden. Selbstverständlich fordern wir sie höflich auf, uns am Arsch zu lecken. Die Lecce-Ultras drehten mit ihren Scootern in der Entfernung Streife, kamen aber den beiden Transits voller gewalttätiger und hoffnungsloser Viola-Ultras nicht nahe, die weiter soffen, koksten, sangen und mit leeren Dosen Fußball spielten. Um fünf entscheiden wir, uns ohne Polizeischutz zum Stadio del Mare aufzumachen. Aber als wir auf der Zufahrtsstraße am Abzweig zur Curva Nord von Lecce ankommen, stellt sich uns eine Abordnung an Polizei entgegen und zwingt uns, in Richtung Auswärtssektor abzubiegen. Ende der Feierlichkeiten. An die Rückfahrt erinnere ich mich nicht mehr. Auch wenn ich eine gewisse Strecke gefahren bin und wir den Transporter wie neu in Malpensa abgeben müssten. Dann gibt es noch V., genau, den Zigeuner. Ein ganz eigener Typ. Einer der eigentlich in den 70ern geboren sein sollte. Durchgeknallt wie kaum jemand sonst. Völlig irrational in seinen Routen: „Wir sehen uns in Florenz, vorher muss ich aber noch für den Abend nach Verona, dann fahr ich nach Rimini runter, weil da ein Konzert ist und ich schlaf dann bei einer Freundin, dann muss ich noch kurz nach Rom für eine Demo und dann komm ich mit dem Zug zum Spiel morgen…“. Nur er weiß, wie oft ich ihm eine reingehauen habe. Einmal habe ich ihn aus dem Zug geschmissen und verboten, mit uns nach Empoli auswärts zu fahren. Der hatte mich scheisswütend gemacht. Eine Szene um sieben Uhr früh auf dem Bahnhof, an die man sich heute noch erinnert. Aber auch er ist immer dabei. Manchmal kommt er nicht, das ist aber sein Wesen und keine Boshaftigkeit. Ein Bruder, der wenn ich alle zwei Jahre mal wieder mit dem Auto irgendwo gegenknallte, immer als erster in die Notaufnahme kommt… Jedenfalls zurück zum Kreidesaal. Wir machten da schon wirklich einen auf elitär in diesem bekackten Kirchweihbus: wir kamen immer als letzte, auch mitten im Winter mit Sonnenbrillen und dem Aussehen von jemandem, der die Nacht durchgemacht hatte (das war ja auch so), ausschweifend und prassend. Ringe unter den Augen, die gepimpte Zigarette schon bereit, um die Nebel zu verscheuchen und dann dieser Snob-Ton von wegen „geht uns nicht auf den Sack, wir sind hier die ganz Harten…“ Und dann alle ganz ans Ende des Busses und die Piratenfahne aufgehängt, um unser Privè abzuteilen. Mit unseren kokspanierten Cds, die schon seit dem ersten Halt dudelten. Und dann singen, während die normalen Fans schlafen wollten, Chaos veranstalten, Jungs hauen, Taufen veranstalten, alle und alles verarschen, neue Sprechchöre und gotteslästerliche Gesänge dichten, vulgäre und obszöne halluzinogene Sonette, ab sieben Uhr morgends mit dem Megafon in der Hand dem Typen vor dir ins Ohr singen, der wenn er sich beschwerte eine Ohrfeige einfing, den dreckigen Busfahrer vollzulöffeln, der nicht anhalten wollte, wenn wir pissen mussten – „Wir kotzen in den Reisebus und pissen auf den Boden, Fahrer du bist ein Arschloch, Fahrer du bist ein Arschloch!!!“ – Das war dasselbe Sackgesicht, der die Klimaanlage mitten im sibirischen Winter auf volle Pulle drehte wenn er mitbekam, dass wir uns einen Joint anzündeten oder der sich mit 120 auf die Überholspur keilte, damit wir aufhörten ihn zu verarschen. Dasselbe Verräterschwein, der uns bei der Verkehrspolizei anzeigte, wenn wir am Rastplatz klauten oder uns vor dem Einsteigen in den Bus geprügelt hatten. Mehr als einmal stand ich kurz davor, mich mit irgendeinem Busfahrer zu prügeln, der sich für irgendwie geiler als die anderen hielt. „Wenn wir einen Unfall baun, geht nur der Busfahrer drauf, geht nur der Busfahrer drauf….!“ Dann, klar, ab und zu war da ein Fahrer, den das alles überhaupt nicht störte und der von uns Gras kaufen oder mal schniefen wollte… aber das waren nur die ganz glücklichen Gelegenheiten… Dann war es natürlich logisch, sich bei jedem Halt mit dem Plündern von Rastplätzen zu vergnügen, sich auf die Ankunft in Feindesland vorzubereiten und obwohl man in einem Bus unter „Normalos“ sitzt, bereit für Angriff oder Verteidigung zu sein. Eine hübsche Tarnung, muss man schon sagen. Schnee, Tüten, Bier und Whiskey. Einmal auf dem Weg nach Livorno hatte ich die Idee, jeden zu einem Schluck zu zwingen, der das Wort „Ballantines“ in den Mund nahm. Also startete ich den Gesang „bis zur 90., bis zur 90., gibt’s Ballantines, gibt’s Ballantines“ und die ganzen Vollpfosten im Bus die mitmachten, mussten sich früh um acht einen Schluck genehmigen! Die Moral von der Geschichte, als wir in Alessandria Ost ankamen, waren die ersten schon im Alkoholkoma, andere kotzten überall herum und ein halbwegs Bewusstloser, der sich wie Jimi Hendrix selbst vollgöbelte. Das war derselbe Typ – ein Toro-Ultra, der mit uns auf Auswärtstour war, weil wir damals noch mit denen aus Livorno verbrüdert waren -, der glaubte, das ganze wäre nur ein lustiger Landausflug, Depp! Die Bilanz dieser Auswärtsfahrt für ihn war: halbe Alkoholvergiftung auf der Hinfahrt, selbstreferentielle Kotzspuren, Festnahme und Stadionverbot in Livorno, weil er sich dabei erwischen ließ, wie er uns bei der Prügelei zuschaute, die wir von den ACAB in der Halbzeitpause gegen die Stadionbullerei vom Zaun brachen. Der hatte wirklich nichts gemacht, schon allein weil er noch völlig geistesabwesend und betäubt von Alk und Linien war. Er saß auf dem Geländer, um das Spektakel zu genießen, während wir uns unter unserem Block wie die Verrückten mit den Bullen kloppten. Auf einmal verfolgte mich ein Bulle, der wohl nicht mit leeren Händen zurückkehren wollte für ein paar Meter mit dem kreisenden Schlagstock in der Hand und versuchte mich zu treffen, während ich auf der Treppe verschwand. Enttäuscht dreht er sich um und hat nichts Besseres zu tun, als sich unseren armen Freund zu greifen, der da einfach herumsaß ohne irgendetwas gemacht zu haben. Er wurde hinter dem Streifenwagen zusammengeschlagen, bekam einen Platzverweis und sie ließen ihn nur laufen, weil wir hingingen und ihn zurückwollten und erklärten, dass der Bus ohne ihn nicht abfahren würde. Er kriegte seine drei Jahre Stadionverbot und konnte die gesamten drei Jahre lang seinen Toro nicht mehr sehen. Das ist doch ein ordentlicher Jackpot für eine ruhige Auswärtsfahrt, oder? Jedenfalls gäbe es unzählige Anekdoten zu erzählen von diesen Undergroundreisen, die die Sektion Nord Italia der ACAB 1926 im Kielwasser der Fiorentina unternahm. Mit uns undercover mitten unter der ruhigen und manchmal peinlichen (wegen der verschiedenen seltsamen Typen, damit das klar ist) Ladung von Viola-Supportern von außerhalb der Stadtmauern. Wie damals, als wir auf unserem Weg nach Verona an der Mautstelle von Bergamo Viola-Fans aus Brescia aufnehmen mussten. Der Bus bremste also, um die Fiorentina-Leute einsteigen zu lassen. Aber an der Haltestelle stand auch ein Schwarzer, der auf den Bus nach Bergamo wartete. Der hatte zwei Plastiktüten in der Hand. Ich gab ihm aus dem Fenster ein Zeichen, dass er mit uns kommen könnte, dass er er einsteigen soll und wir ihn dann nach Bergamo fahren würden: „Komm Bruder, steig ein! Wenn du zwei Pillen abgibst, fahren wir dich bis ans Ende der Welt!“ und du siehst diesen Armen Schlucker, wie er auf dem Randstreifen einen 200m-Sprint absolviert und mit seinen beiden Einkaustüten in der Hand die Leitplanke überspringt, uns hinterherrennt wie Ben Johnson und es endlich schafft, in den Bus zu hopsen. Ich biete ihm den Platz neben mir an, als der Schwarze sich umschaut und bemerkt, dass um ihn nur Leute mit violetten Schals sind, die singen: „Lass uns schnupfen, oh Schwarzer lass uns schnupfen!“ Der Unglückliche, verstört, bittet uns um Gnade, will aussteigen, weil er wäre ja für ATALANTA und außerdem sei er ja gar kein Dealer! El negher… Aber der eklatanteste Fall, der praktisch oder jedenfalls fast das Ende unserer Untergrund-Semikollaboration mit dem Fanclub aus dem Norden bedeutete, war als wir am Rastplatz Secchia Ost in der Provinz Modena auf einen Trupp von Piacenza-Ultras trafen. Dies war ein Autogrill, den der Präsident dieses Viola-Clubs aus Norditalien ganz besonders liebte, weil es dort eine sehr verführerische Rabattaktion für Tortello und Lambrusco gab. Und in der Tat zwang er den ganzen Bus auf Rückfahrt aus Florenz oder den Auswärtsspielen in Mittelitalien zur „Tortello und Lambrusco“-Pause am Fini-Rastplatz. Die Tortelli scherten uns einen Dreck, klar dass uns der Lambrusco interessierte und all die naheliegenden Arten und Weisen, nicht zu bezahlen und so den Signor Benetton zu enteignen und möglichst dreist zu ficken. Man reihte sich mit dem säuberlich entknitterten Kassenzettel irgendeines ehrlichen Kunden in die Schlange ein und nahm seine fünf oder sechs Portionen Tortello mit angehängtem halben Liter Lambrusco entgegen. Nun ist es aber so, dass wir auf mein präzises Geheiß hin Rastplätze ohne Fahnen oder sonstige Erkennungszeichen, das uns als Stadionfans ausweisen würden frequentierten. Dies erstens, weil wenn Fans in den Rastplatz kommen, sofort Alarm ausgelöst wird und du mitkriegst, wie Verkäufer oder Kassierer oder Stewards oder Sherriffs dir bis aufs Klo folgen, um ihn dir nach der rituellen Pisserei abzuschütteln. Zweitens, weil du auf einem Rastplatz nie weißt, auf wen du treffen kannst und also Anonymität und Überraschungsfaktor immer auf deiner Seite haben solltest. Wenn du mit fünf oder sechs Leuten unterwegs bist, ist es nicht empfehlenswert, einer Streife Römer oder Neapolitaner oder Bergamo-Leuten oder sonstwem in die Hände zu fallen, weil in Überzahl auch die aus Piacenza gefährlich werden… und genau. Diese Ahnungslosen vom Fanclub, eben weil sie ahnungslos und gutmütig sind und wenig vertraut mit den verschlagenen Bösartigkeiten gewalttätiger Ultras glaubten, dass ihr Status als normale Fans ihnen eine Art Immunität vor Prügel oder Repression verleihen würde. Die haben nur Scheiße verstanden. Und also hielten wir uns immer ein wenig von ihnen entfernt auf, wenn sie sich ausgerüstet mit violetten Gadgets, Schals, Trainingsanzügen und Trikots wie die Papst Boys am Weg vom Heiligen Johannes dem Runden in die Schlange stellten. Dies um nicht mit ihnen verwechselt zu werden, aber auch um ihre körperliche Unversehrtheit zu bewahren, wenn sie unangenehme Begegnungen hätten. An diesem Sonntag waren wir sowieso schon wütend, weil das Koks, das wir besorgt hatten erbärmlich war. Es war mit dreckigem Magnesium gestreckt und außerdem war es sofort alle, es regnete wie aus Eimern und die Fiorentina hatte in diesem Scheißhaus von einem Stadion in Siena durch das Tor eines Albanesen 1:0 verloren. Wir hielten also an dieser verfickten Autobahnraststätte. Wir hatten überhaupt keine Lust, etwas zu essen. Wir klauten wie üblich ein paar Bier und hingen draußen am Parkplatz ab, rauchten und kratzten uns am Sack. Währenddessen hatten die Superfans drinnen mit ihren Schals und Trikots die Aufmerksamkeit einer Gruppe Piacenza-Ultras geweckt, die aus Empoli heimfuhren. […] Am 15.11.2011 erscheint Domenico Mungos Ultra-Roman „Streunende Köter“ (im Original: „Cani Sciolti“). Wie immer, sind wir auf eure Hilfe angewiesen: Liken, Teilen, Weitererzählen!