Domenico Mungo: "Cani sciolti"

Rom, Bahnhof Termini

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Rom Termini Bis zur Abfahrt ist es noch mehr als eine Stunde. Es ist 22.15 Uhr. Der Zug nach Mailand Centrale ist für 23.30 auf Bahnsteig 13 angekündigt. Der Ticketschalter ist noch offen. Eine Kette von Polizisten in Anti-Riot-Outfit versucht, die zwei- bis dreihundert jungen Leute unter Kontrolle zu halten, die herumschreien, Lärm veranstalten, sich schubsen und aus voller Kehle singen: „Nur ein Ruf, nur ein Alarm, Mailand in Flammen, Mailand in Flammen!!!“ Der Leiter der DIGOS, mit Funkgerät und Dienst-Trenchcoat rügt die Jungs in römischem Dialekt, ohne allerdings Gehör zu finden: „Ey, wenn ihr nicht brav und stumm bleibt, lass ich euch keinen Fuß in den Zug stellen! Hapt ihr kapiert?! Das Spiel lass‘ ich euch im Radio anhören! Habt ihr kapiert?“ Im Gegenteil. Im selben Dialekt tönt es zurück: „Och Kommissar, warum verpisst du dich nicht einfach? Aus dem tiefsten Herzen dieser schönen Roma!“ Aus verschiedenen Stellen der Schlange: „Commissario vaffanculo, Commissario vaffanculo!“ Plötzlich aus den Tiefen der Bahnhofshalle, aus dem Grüppchen der einem Fahrkartenerwerb abgeneigtesten Fahrgäste: „Ey, Kommissar! Armselig krepiert, deine Familie und alle, die dir das nicht mit erhobener Faust verständlich machen!“ Und der gesamte Bahnhof Termini hebt die Faust zum „Armselig Krepiert!“ und wieder aus den Tiefen des Bahnhofs die Antwort: „Ey, Kommissar! Grüß den Schwanz hier!“ und alle dreihundert am lachen, Bullen und Kartenverkäufer inklusive! Die Menge wartet. Zwischen den Pfeilern des Bahnsteigsdaches sitzend, an die Gitter geklammert, auf die Gepäckträger und die Postkarren geflezt. „Carabiniere, verdammter Bulle, die Flamme auf dem Käppi löschen wir dir!“ Die normalen Reisenden machten einen großen Bogen um die Meute. Sie schauen angeekelt und empört drein. Sie vermeiden die improvisierten Biwaks der Jugendlichen, die Joints und nach Haschish und Marijuana duftende Röhren herumgehen lassen. Manche rennen unter den wohlmeinend komplizenhaften Blicken der Bullen, die so tun, als würden sie nichts mitbekommen, andauernd die Bahnhofsklotür rein und raus. „Latrine der kolumbianischen Einheit“ sprüht irgendjemand auf die gläserne Klotür. Immer in Grüppchen. Jungs aus demselben Stadtteil. Leute aus Borgata oder den Parioli, macht keinen Unterschied: sie sind Ultras der Roma. Manche tragen die Kluft der Tozzi mit Clarks, Levi’s 501 mit tiefer Taillie und grüner Bomberjacke, andere wie Möchtegern-Models auch mitten in der Nacht mit verspiegelten Ray-Bans und schwarzer Schott-Lederjacke. Manche mit langen Hippie-Haaren, dem gelb-roten Rohwollenschal und dem Wollhütchen Modell „aus dem Müll gezogen“, andere mit rasiertem Schädel und braungebrannt wie Gustavo Thoeni nach einem Ski-Worldcup-Lauf in Cortina. Jungs aus dem Leben. Aber alle sind aus demselben Grund hier. „Wir sind giftig!“ Sie haben nur einen Beweggrund. Ein einziges Ziel. Antonio rächen. Der Roma-Fan, der von den Milanisti vor viereinhalb Monaten am San Siro vor einem Milan – Roma ermordet wurde. Und es ist ihnen gleichgültig, ob sie das Spiel sehen könnten oder nicht. Ist ihnen scheißegal. Und je mehr Zeit vergeht, umso mehr singen sie. Die üblichen Gesänge von Gewalt und Intolleranz gegenüber Mailand. „Milan – Roma vergessen wir nicht, jeden Rossonero schlachten wir ab!“ Sie singen für die Roma und feiern Antonio. „Eoeoeoeoeooa Forza Roma, komm, wie bleiben dir immer treu! Eoeoeoeoeooa Forza Roma, komm, kämpfe und siege mit uns!“ „Antonio lebt und kämpft mit uns, Milan Milan Vaffanculo!“ Je mehr die Abfahrtszeit näherrückt, umso mehr steigern sich Lautstärke und Intensität der Gesänge. „Mailand in Flammen, Mailand in Flammen!!!“ „Mailänder alle gehenkt, Mailänder alle gehenkt!“ Der Zug ist schon mit normalen Fahrgästen völlig überfüllt. Ein Expresszug, der um 23.30 Uhr abfahren sollte. Planmäßige Ankunftszeit in der Stadt der Feinde, Mailand, um 8.15 Uhr morgens. Wahrscheinlich derselbe Zug, den auch Antonio genommen hatte. Die Ultras der Roma drängen in den Zug. Am Bahnsteig 8 steht eine Bullenkette, die überrannt wird. Sie kontrollieren, wen sie können, schaffen es aber nicht, sie aufzuhalten. „Wer keine Fahrkarte hat, darf nicht einsteigen, klar?!“ Alle steigen ein. Von allen Seiten strömen sie wie eine Flut. Sie räumen alles weg. Setzen ihren Arsch, wie es ihnen gefällt und wo sie wollen. Es gibt wohl reservierte Plätze, aber schon bald werden die cremefarbenen „Reserviert“-Schilder an den Abteiltüren zu Filtern für die Joints. Sie schließen sich ein und beginnen, Tüte auf Tüte einzuäschern. Der Waggon platzt aus allen Nähten, überschäumend vor Körpern und aufgeregten Seelen. Die Leute aus den anderen Abteilen werfen schräge und empörte Blicke. Die Bahnsteige glühen vor Hitze. Es mögen mehr als tausend Ultras sein. Es braucht drei weitere Waggons, um die ganze Flut hineinzupressen. Eine halbe Stunde nach Mitternacht setzt sich der Zug in Bewegung. Aus den Waggons der zweiten Klasse erhebt sich ein finsteres Gebrüll. Am 15.11.2011 erscheint Domenico Mungos Ultra-Roman „Streunende Köter“ (im Original: „Cani Sciolti“). Wie immer, sind wir auf eure Hilfe angewiesen: Liken, Teilen, Weitererzählen!