Claudio Galimberti, Bocia

Bocia unter besonderer Beobachtung

Bocia unter besonderer Beobachtung: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
4,83 von 5 Punkten, basierend auf 6 abgegebenen Stimmen.
Loading...

Mit äußerster Ernsthaftigkeit bemüht sich die Polizei in Bergamo um eine Befriedung der Stadt, in der sich augenscheinlich katastrophale Dinge zutragen müssen. Nachdem der Prozess gegen mehr als hundert Ultràs von Atalanta wegen „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ nicht so recht voran kommt, packt man den Stier bei den Hörnern und fordert für deren Capo Claudio Galimberti, genannt Bocia, erstaunliches. Gestern Nachmittag beantragte Staatsanwältin Laura Cocucci drei Jahre „Sonderüberwachung“ („sorveglianza speciale“) für den 42-jährigen Anführer der Curva Nord. Diese Maßnahme richtet sich in der Regel gegen Täter, die eine „Gefahr für die Gesellschaft“ darstellen und beinhaltet drastische Einschränkungen der Freiheitsrechte. So fordert die Staatsanwaltschaft eine Anwesenheitspflicht in der Gemeinde Bergamo, das heißt er darf die Stadt nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Polizei verlassen (i.ü. ein hübscher Gegensatz zur Verurteilung vor ein paar Jahren, die ihm den Aufenthalt in der Stadt verbot). Ebenso wird gefordert, dass er seine Wohnung nur zu den üblichen Arbeitszeiten verlassen darf, abends und nachts muss er anwesend sein – der Standard beim Hausarrest. Weitere Maßnahmen, die gegen eine Person unter „sorveglianza speciale“ verhängt werden können, sind Führerscheinentzug oder die Auflage, bestimmte Personen oder bestimmte Orte nicht zu frequentieren. Viele kennen das von ihren Eltern: „Mit dem Paul spielst du nicht und um zehn bist du zuhause“.

Das Gesetz selbst stammt aus dem Jahr 1956 und wurde seitdem in Europa und Italien mehrfach und sehr kritisch auf seine Verfassungsmäßigkeit und Kompatibilität mit europäischem Recht hin diskutiert, besteht aber weithin fort. Kritikpunkt ist die Schwere der Einschränkungen der Freiheitsrechte schon auf Verdacht hin, also ohne dass beispielsweise ein Geständnis oder Beweise für eine Tatbeteiligung vorliegen. Für die Gemeinschaft vermeintlich „gefährliche Subjekte“ werden auf diese Art präventiv überwacht. Da Galimberti seit Jahren keine Auseinandersetzung rund um das Stadion mehr nachgewiesen werden kann, legt die Staatsanwaltschaft andere Gründe vor. So soll Galimberti am 8. Oktober des vergangenen Jahres einen jungen Mann verprügelt haben, der ihm Vorhaltungen gemacht hatte, weil er in Borgo Santa Caterina einen Spruch an eine Mauer gesprüht hat. Im Rahmen einer Verhandlung am 5. September hingegen sei er sehr wütend vor Gericht erschienen und habe den Chef der Polizeieinheit Digos Giovanni Di Biase beschimpft und bedroht. Weil er bereits im Juni per „mündlicher Warnung“ seitens der Polizei darauf hingewiesen wurde, sich zu benehmen und solches zu unterlassen, gilt nun die nächste Eskalationsstufe. Die mündliche Warnung, „avviso orale“, wurde ausgesprochen, weil Bocia am 12. April versucht haben soll, einen Scheweinekopf ins Stadion zu bringen, den er der Polizei aushändigen wollte; „zur Verhöhnung“, wie sich der Polizeichef bemühte, zu unterstreichen.

Galimbertis Verteidiger, zu denen der bekannte Fananwalt Giovanni Adami aus Udine gehört, lehnen die Maßnahme ab, weil nach ihrer Rechtsauffassung die Gefährdung, die von einer solchen Person ausgeht, aktuell sein muss. Und während der letzten gravierenden Geschehnisse rund um Ultràs in Bergamo – die Spruchbanner bei Atalanta-Roma und der Angriff auf einen Bus der Gästefans nach Atalanta-Inter – war Bocia nicht anwesend. Unter anderem, weil er aktuell ein fünfjähriges Stadionverbot absitzt. In den letzten Tagen wurden eine ganze Reihe von Solidaritätsbekundungen veröffentlicht, viele von Menschen, die von den zahlreichen Spenden- und Hikfsaktionen der Curva Nord der letzten Jahre bedacht wurden. So sprachen sich der Ex-Spieler von Atalanta Marino Marin und der ehemalige Direttore Generale des Vereins Pierpaolo Marino für den Capo aus. Ebenso Pfarrer Alberto Ferrari der vom Erdbeben betroffenen Gemeinde Moglia oder der Ex-Kapitän von L’Aquila Rugby Maurizio Zaffi, die Mannschaft von Ares Redona, der Vater des von einem Polizisten erschossenen Lazio-Fans Gabriele, Giorgio Sandri, der Künstler Andrea Mastrovito sowie die Eltern von Elisa und Edoardo, denen großzügige Sammlungen der Kurve dringend notwendige Heilmaßnahmen ermöglichten. Das Gericht unter Vorsitz von Vito Di Vita will in den nächsten Tagen über den Antrag der Staatsanwaltschaft entscheiden.