Milan Napoli 2008

AC Milan ./. SSC Neapel 5:2

AC Milan ./. SSC Neapel 5:2: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
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Endlich wieder ein überzeugender Auftritt der Rossoneri, die sich mit einem kräftigen Lebenszeichen in der Serie A zurückmelden. Gemeinsam mit Mister Marco und Mister Cali von den Milan Fans Berlin und netter Begleitung von den Brigate Rossoneri ging es nach einem hervorragenden Mittagessen in der Trattoria La Tagliata, dem urigen und im übrigen ganz hervorragenden Stammrestaurants der italienischen Fußballstars, und dem obligatorischen Negrone im „Camparino“ noch schnell zum Glücksbringer „Palle del Toro“ und dan endlich wieder ins geliebte San Siro. Allein die von den Brigate organisierte Durchfahrt mit unserem Toyota (deutsches Kennzeichen) als VIPs durch die Polizeiabsperrung zu den besten Parkplätzen vorm Stadion wäre einen Extra-Beitrag wert – ganz großes Kino! Ich weiß nicht, was den Carabinieri ins Ohr geflüstert wurde, aber die Polizeisperre lichtete sich und wir durften auf der komplett verkehrsfreien Viale Caprilli ans Stadion fahren. Vor dem Spiel stellte die erfolgreichste Vereinsmannschaft der Welt ihre gesammelten Pokale vor, wir hatten uns viel vorgenommen nach der bisher eher mäßigen Saison. Es ging gegen den Hassgegner aus Napoli aber eigentlich sollte sich alles um den vermeintlichen Superstar Alexandre Pato drehen, den wir natürlich alle endlich auf dem Spielfeld erleben wollten. Wir sollten nicht enttäuscht werden. Trainer Ancellotti überrascht uns, und wohl die meisten Fans, mit der ersehnten aber kaum erwarteten Startaufstellung mit zwei Spitzen – neben dem endlich spielberechtigten Wunderkind Pato lief der dauerverletzte Ronaldo auf, was sich als spielentscheidender Schachzug erweisen sollte. Spannung, Erwartung, Hoffnung und Nervenflattern sind im gut gefüllten Stadion mit den Händen greifbar. Und offensichtlich haben sich die Diavoli etwas vorgenommen: Schon nach 45 Sekunden legt Ronaldo seinem Stürmerkollegen einen gefährlichen Ball auf, seine erste Aktion für uns wird aber wegen Foulspiels an Cannavaro abgepfiffen. Das wäre ein Einstand gewesen! Aber Milan zeigt, dass man sich etwas vorgenommen hat, fantasievoll, konzentriert und druckvoll von Beginn an will Milan keinen Zweifel am ersten Heimsieg der Saison aufkommen lassen. In der 10. setzt Kakà Ronaldo in Szene, aber erst in der 15. senkt sich ein Schuss von Ronaldo hinter Iezzo ins Tor vor den zahlreichen Gästefans. Für einen Augenblick war erstmal Ruhe mit Fackeln und Rauchbomben. Der Aufsteiger aus Napoli zeigt sich aber wenig geschockt, nur 7 Minuten nach dem Führungstreffer unterläuft Milan ein schwerer Abwehrschnitzer und der auf links durchgebrochene Lavezzi passt in die Mitte zu Sosa, der ohne Mühe und unbedrängt am – diesmal schuldlosen – Dida vorbei zum Ausgleich einschiebt. Milans Serie A-Auftritte waren bisher nicht so überzeugend, als dass sich nicht Nervosität im Stadion breitmachen würde. Der Streik der Ultràs, die seit Monaten auf laute Unterstützung verzichten in Verbindung mit dem doch vorhandenen Druck auf Fans und Mannschaft sorgen für eine eigenartige Stimmung an diesem leicht diesigen Januar-Abend. Gottseidank zeigen sich die Spieler wenig geschockt und arbeiten weiter konzentriert am Unternehmen Heimsieg und ausgerechnet der dauerverletzte Ronaldo, dessen Geschichte Milan-Fans zur Verzweiflung treiben könnte, kümmert sich rührend um seinen Landsmann Pato und versorgt den mehrfach mit brandgefährlichen Anspielen. Dem alten Haudegen Seedorf ist aber die erneute Führung vorbehalten. Überhaupt Pato: Dessen unerträglich orange Schuhe sind überall auf dem Platz zu sehen und ihm ist die pure Lust am Fußballspielen nach so langer Zwangspause in jeder Sekunde anzusehen. Ständiger Unruheherd sorgt er mit einer genialen Ballbehandlung und unermüdlichem Einsatz für sofortige Begeisterung beim Publikum. Dass er beim zwanghaften Versuch, sofort ein Spitzenspiel für seine neue Heimat abzuliefern, manchmal übermotiviert erscheint und nicht sofort aus dem Stand die nötige Nervenkälte vorm Tor zeigt, sei dem 18-jährigen Bengel verziehen. Es ist einfach eine Freude, dem Jungen an diesem Abend beim Fußballspielen zuzusehen und der Rest der Mannschaft scheint von seinem jugendlichen Elan und seiner brasilianischen Spielfreude angesteckt. Seinen hervorragenden Schuß in der 34. klärt Iezzo mit Mühe zur Ecke und überhaupt erarbeitet sich der agile Pato weitere hochkarätige Chancen im Spielverlauf. Dem napoletanischen Torwart dürften heute gut die Hände brennen. Blöderweise erwischt Kaladze einen rabenschwarzen Tag und er rammt den weit abgedrifteten Lavezzi im Strafraum völlig unnötig zu boden, den fälligen Elfmeter verwandelt der Napoletaner Domizzi mit einem platzierten Schuß ins linke untere Eck, der Dida keine Chance lässt. Mit einem elenden 2:2 geht es in die Halbzeit. Offensichtlich hat die Halbzeitansprache aber gewirkt (Milan wechselt in der Halbzeit Favalli für Maldini ein) und nur eine Minute nach Wiederanpfiff serviert der wohl brasilianischste Holländer derzeit, Clarence Seedorf, eine Flanke von rechts punktgenau auf den Kopf von Ronaldo, der seine wiedergewonnene Spielfreude mit seinem zweiten Tor krönt. Danach startet die Milan-Gala, die Rossoneri drücken auf weitere Tore und stürmen mit Spielwitz und Leidenschaft die zusehends einbrechenden Napolitaner in Grund und Boden. Unserem Goldjungen Kakà ist – wieder eingesetzt vom hervorragenden Seedorf – das 4:2 durch einen platzierten Flachschuss von der Strafraumgrenze vorbehalten. Und in der 74. Minute krönt dann auch Pato seinen sehr überzeugenden Auftritt mit einem Traumtor. Von Favalli hoch und steil in den Strafraum geschickt, nimmt Pato bedrängt und mit einer unglaublichen Ballbehandlung den von hinten kommenden Ball in vollem Lauf mit und verwandelt mit einem wunderschönen Treffer zum Endstand von 5:2. Ein fantastisches Tor, die Krönung einer bis dahin schon spektakulären Leistung an diesem rundherum gelungenen Abend. Selbst die Curva Sud gab angesichts der aufgestauten Spannung und der mitreißenden Begeisterung gegen Ende ihren Tifo-Streik auf und ließ endlich wieder Stimmung im Meazza zu. Wir stehen alle hinter dem Streik, den Nachwehen der Tötung Gabriele Sandris, aber Fußballfans sind eben doch nur Menschen und diese 15 Minuten seien uns verziehen. Es war einfach endlich wieder ein begeisterndes Spiel nach einer langen Durststrecke. So kann es gern weitergehen! Die Rückfahrt ins Hotel bei Pogues aus dem Autoradio und dem obligatorischen Stopp am Autogrill „Verbano“ war dann doch recht vergnügt. Forza magico Milan!