Letzten Sonntag stieg in der italienischen Serie A das Spiel AS Roma gegen Lecce. Nicht gerade ein hitziges Derby, keine besondere Rivalität und um die Meisterschaft geht es auch nicht. Sogar die gleichen Vereinsfarben teilt man sich. Aber die Fans des Hauptstadtclubs tauchten die ganze Kurve in eine Choreografie, die aus tausenden farbiger Zettel eine riesige Fahne in den Vereinsfarben entstehen ließ. Darunter ein Spruchband: “Mai Schiavi del Risultato!!!” Normale Administration im Mutterland der Ultra-Bewegung, sollte man meinen. Eine in Gelb und Rot getauchte Kurve und ein Spruch, der ausdrücken soll, dass die Leidenschaft der Romanisti nicht vom Ergebnis abhängt. Die Zeiten sind grau für italienische Ultras und so ließ es sich auch der Verein selbst nicht nehmen, die Choreo auf der Homepage zu würdigen und sich mit der Leidenschaft seiner Fans zu schmücken.
Aber solches Verhalten darf natürlich nicht ohne weiteres toleriert werden und so wurden ca. drei Dutzend Roma-Fans vor dem Spiel aus der Menge gefischt und zu sage und schreibe 172 Euro Geldstrafe verdonnert. Weil sie jeweils einen farbigen Zettel dabei hatten: weiß, rot oder gelb. Klingt komisch? Ist aber gängige Praxis in Italien. Denn seit der Verschärfung der Normen zum Ein- und Anbringen von Material in italienische Fußballstadien vom 08.03.2007 kann nicht einfach jeder dort Zettel hochhalten, wie es ihm beliebt.
Jede Choreografie, jedes Spruchband und jede Fahne, die mehr aufweisen, als nur die Farben und eine bestimmte Größe übersteigen, müssen bei den entsprechenden für die öffentliche Ordnung und Sicherheit zuständigen Behörden schriftlich beantragt werden. Man legt also mindestens 7 Tage vor dem Spieltag einen schriftlichen formellen Antrag mit genauer Spezifikation und fotografischer Dokumentation des Materials beim Verein vor, der schickt das an das zuständige Polizeipräsidium und die geben innerhalb von 5 Tagen ihre Entscheidung wiederum dem Verein bekannt, der den beantragenden Fans dann Ort und Zeit bekanntgibt, wie das Material ins Stadion gebracht werden darf – und nach dem Spiel wieder heraus. Nun könnte man meinen, dass es länger braucht, als zwei Tage, um eine Choreografie vorzubereiten und eine eventuelle Ablehnung die Arbeit von Wochen zunichte machen könnte. Aber das alles selbstverständlich im Namen der Gewaltbekämpfung, nicht dass man hier an Schikane denkt.
Die lokale Polizeidienststelle prüft den Antrag auf Inhalt, verwendete Materialien, Ort und Weise der Anbringung, Entflammbarkeit, Ausstellungszeiten und natürlich die Antragsteller selbst. Sollte sich in der den Antrag stellenden Gruppe beispielsweise ein Stadionverbotler befinden (oder auch nur jemand, der in den letzten Jahren schon einmal ein Stadionverbot hatte), dann ist eine Genehmigung natürlich ausgeschlossen. Völlig unabhängig, ob die betreffenden Personen mit Choreo, Fahne oder Banner etwas zu tun haben oder auch nur im Stadion sind. Eine Gruppe, deren Mitglied bereits ein Stadionverbot hatte, darf nichts mit ins Stadion nehmen. Also streng genommen niemand.
Das bedeutet natürlich, dass es legale Choreografien oder Banner gar nicht geben kann. Und so entspinnt sich jedes Wochenende ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Ultras und Ordnungspersonal um trotzdem die Kurve irgendwie bunt zu gestalten. Megaphone, Trommeln, Pyrotechnik und so weiter sind natürlich sowieso verboten. Und so auch am vergangenen Sonntag: Nachdem die Römer Curva Sud entschieden hatte, sich in Gelb-Rot zu gewanden, wurden unter der Woche tausende bunter Plastikzettel vorbereitet. Weil unter den oben skizzierten Bedingungen eine Genehmigung natürlich ausgeschlossen war entschied man sich, dass jeder seinen Zettel einzeln mit ins Stadion bringen sollte. Das Material wurde also vor dem Stadion verteilt und die Fans brachten die Zettel einzeln ins Stadion.
Leider sind nicht alle unbehelligt in die Spielstätte gekommen und die ca. 30 unglücklichen Fans, die ihr Täfelchen unter der Jacke verborgen hatten, wurden zur Polizeiwache im Olympiastadion verbracht und wegen Missachtung der Stadionnutzungsbedingungen die Personalien aufgenommen. Und eben zu den besagten 172 Euro Strafe verurteilt. MyRoma, eine Vereinigung von Aktionären sagte den betroffenen Fans rechtliche Hilfe zu und Fananwalt Lorenzo Contucci präzisiert: “Wir sind bereit, bei der Präfektur Widerspruch einzulegen. Wer die Normen zum zweiten mal verletzt, wird mit 2 Jahren und 2 Monaten Stadionverbot belegt. Und auf der Grundlage der Normen könnte ich Stadionverbot bekommen, weil ich zum zweiten mal ein Stück Papier auf die Erde geworfen habe. Dann gibt es noch einen herausstechenden Fakt: in Rom wurden, bis heute, die einzigen Strafen gegen die Jungs verhängt, die versucht haben, Spruchbänder gegen die Fankarte Tessera del Tifoso hineinzubringen. Sehr gezielte Strafen würde ich sagen…”
Fassen wir es zusammen: In Italien reicht es, einen einfarbigen Zettel unter der Jacke ins Stadion bringen zu wollen, um Stadionverbot und eine saftige Strafzahlung zu riskieren. Selbst wenn man nur vor hatte, die jahrzehntealten grauen Betonblöcke wenigstens mit den Vereinsfarben aufzuwerten. Rot und Gelb haben im “Olimpico” in Rom nichts zu suchen. Gut, dass man das weiß, da fühlt man sich gleich sicherer.
Verantwortungsbewusster Umgang mit Pyrotechnik (Deutschland, 1933)
Wenn eine Jugendkultur seitens der von vorherigen Generationen geprägten Mehrheitskultur aus wütende Ablehnung trifft, dann bestätigt dies erst einmal nur eins: Es handelt sich tatsächlich um eine Jugendkultur. Vermutlich seit es menschliche Urhorden gibt, entspinnt sich der Generationenkonflikt zwischen denen, die sich gegen Ende der Pubertät mal “von den Spießern absetzen” und “ihr eigenes Ding drehen” wollen und denen, die sich die Gesellschaft bis dahin nach ihren Werten und Vorstellungen gestaltet hatten. In größeren Zusammenhängen heißt so etwas dann Evolution. Ich habe zwar keine belegbaren Fakten, aber ich denke, man kann mit einiger Berechtigung davon ausgeben, dass als die ersten Sippen von Frühmenschen vom Baum gestiegen sind, um in der Savanne herumzustrolchen es die ältere Generation war, die von ihren Ästen herab “früher war alles besser”, “unter Urga Urga hätte es sowas nicht gegeben” und “die wissen gar nicht in welche Gefahr sie sich begeben” raunte.
“Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.”
(Sokrates, 470-399 v.Chr.)
Und weil sich seit Mitte/Ende der 90er Jahre auch in deutschen Fußballstadien eine veritable Jugendkultur breitmacht, schlägt ihr die Ablehnung und Verachtung seitens der Ahnen entgegen. Und zwar völlig unabhängig davon, ob es sich um Politiker handelt, die in ihrer eigenen Jugend ganz Europa in Schutt und Asche gelegt haben, statt Bengalos hochzuhalten oder um die 68er-Generation, die seinerzeit angeblich den einen oder anderen Pflasterstein gegen das Schweinesystem geworfen haben soll. Selbstverständlich gibt es auch innerhalb der Kurven teils vehemente Kritik der Altvorderen, die sich an die goldenen 80er erinnern, als deutsche Stadien noch nicht von “monotonen Dauergesängen” Jugendlicher gestört wurden, sondern dort rechtsdrehende Hools gemeinsam mit Schnauzbartträgern rassistischen Blödsinn grunzten und 3-4 mal pro Spiel Evergreens wie “Zieht den Bayern die Lederhosen aus” anstimmten.
“Die Welt macht schlimme Zeiten durch. Die jungen Leute von heute denken an nichts anderes als an sich selbst. Sie haben keine Ehrfurcht vor ihren Eltern oder dem Alter. Sie sind ungeduldig und unbeherrscht. Sie reden so, als wüßten sie alles, und was wir für weise halten, empfinden sie als Torheit.”
(Mönch Peter, 1274)
Es ist gehört nun aber zum Wesen einer Jugendbewegung, dass sie nicht um Erlaubnis fragt, sondern sich eigene Ideale gibt, sich mit eigenen Ausdrucksformen abgrenzt und eigene Räume schafft und verteidigt. Und dass sie aneckt, Grenzen überschreitet und von den “anderen” nicht verstanden wird. Gruppen von Jugendlichen, die sich von vornherein den Werten der Mehrheitsgesellschaften unterwerfen, sind keine Jugendkulturen, sondern die Junge Union. Solches mag zwar die älteren Generationen freuen, die selbstverständlich nur richtig finden kann, wie sie sich die Welt selbst eingerichtet hat. Es ist allerdings ebenso richtig, dass “abweichlerisches Verhalten” von Jugendlichen keinesfalls das Ende des Abendlandes bedeutet, sondern im Gegenteil nur die völlig normale Auseinandersetzung mit dem Bestehenden zu so etwas wie gesellschaftlicher Entwicklung führen kann. Dass solches nicht konfliktfrei ist und ganz grundsätzlich mit dem Ausloten eines gewissen Spielraums der geltenden Normen einhergeht, ist auch keine bahnbrechend neue Beobachtung.
“Es ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß bei der Schuljugend die früher kundgegebene Anständigkeit und das sittliche Benehmen … mehr und mehr verschwinde.”
(Regierungsbericht, 1852)
Und, oh Graus, dazu gehören leider auch Exzesse und Übertreibungen. Ohne Pflastersteine und Molotov-Cocktails gegen das Schweinesystem gäbe es keinen Ausstieg aus der Atomkraft, keine echte Entnazifizierung der Universitäten und Behörden, keine Bio- und Ökosiegel auf Lebensmittelverpackungen, keine Kennzeichnungspflicht für chemische Zusatzstoffe und auch die Presselandschaft wäre noch um einiges gleichgeschalteter. Dabei muss eine Jugendkultur keinen vornehmlich politischen Anspruch tragen, um sich den Hass der Älteren zuzuziehen. Es reicht, wenn sie ihr ureigenes Recht durchsetzt, sich anders zu kleiden, andere Musik zu hören und sich eine eigene Sprache zu schaffen. Vollkommen gleichgültig, ob es darum geht, sich die Haare zum Irokesen aufzustellen, “Nietenhosen” mit Löchern zu tragen oder vornehmlich “Hottentotten-Musik” mit “Stromgitarren” zu lauschen. Zu meckern gibt es immer etwas, gegen langhaarige, arbeitsscheue Hippies im Tütchenrausch genauso wie gegen “Beatniks” und “Mods”, “Skins”, Punks” oder “Rocker”. Oder noch früher gegen “Reformisten”, “Protestanten” oder Libertäre. Und immer schon wurde sich nicht damit aufgehalten, eine solche Kultur differenziert zu betrachten und womöglich positive und negative Aspekte abzuwägen, sondern es wurden der Einfachheit halber modische Ausdrucksformen genommen, um zu diffamieren. Um als Jugendkultur diffamiert zu werden, reicht es, wenn man andere Drogen als die Vorgänger konsumiert, die Musik mittlerweile öde findet, die für die Großeltern noch “Teufelszeug” war und Florian Silbereisen nicht so toll findet.
“Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.”
(Walter Ulbricht)
Nun kann man von der hohen Warte der altersweisen Erfahrung heraus natürlich auch eine Jugendkultur kritisieren. Man kann und muss sogar ein ihr innewohnendes Gewaltpotential hinterfragen, man kann diskutieren, inwiefern die von ihr ausgehenden Belästigungen von der Gesellschaft toleriert werden müssen und welche Räume eine Gesellschaft ihren weniger weichgespülten Kindern bereitstellen muss. Man darf das sogar alles uninteressant und infantil finden, was die jungen Leute da so treiben – völlig legitim, dass sich Ältere mit Jugendlichenkram nicht abgeben wollen. Was allerdings dumm ist, sind Generalverurteilungen der jüngeren Generation, nur weil sie einem Codex folgt, den man nicht (mehr) mehr versteht. Denn es ist ein Wesensbestandteil einer für Jugendliche attraktiven Kultur, dass man sie nicht versteht. Man soll sie ja auch nicht verstehen, flächendeckende Akzeptanz ist das Ende jeglicher Jugendkultur, die ihre Attraktivität ja nun gerade aus der aktiven Abgrenzung vom bereits Vorhandenen bezieht. Aus Konflikt gegenüber bestehenden Verhältnissen, gegen Vaterfiguren, Lehrer und andere Vertreter der herrschenden Verhältnisse formieren sich junge Menschen seit jeher. Und wenn Bahnabteile vollkotzen, dumme Lieder singen und sich per Bier ins Koma zu befördern bereits ein Anlass für staatliche Repression ist, dann hätte die Wehrpflicht schon ein paar Jahrzehnte früher abgeschafft werden müssen.
“Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, daß sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, daß sie alt sind, und Junge begreifen nie, daß sie alt werden können.”
(Kurt Tucholski, Der Mensch)
Vollends absurd wird die Situation aber, wenn der öffentliche Diskurs aus Politik, Medien und Polizeivertretern sich wie im Moment auf eine Jugend einschießt, gegen die doch bislang unisono hervorgebracht wurde, dass sie keine Jugendkultur hätte. Sondern dass es sich um eine hedonistische, indifferente, politikverdrossene Konsumentenhorde ohne Ideale und Ziele handelt, die in den Tag hineinlebt und deren Freizeitgestaltung aus dem Herunterladen von Klingeltönen und dem Konsumieren des von den Eltern geschaffenen Reichtums besteht. Plötzlich taucht eine Jugendkultur auf, die wochenlang kreative und wunderschöne Choreographien vorbereitet, objektiv gesehen atemberaubende Bengaloaktionen fährt, die Zeit, Geld und Leidenschaft in ein Hobby steckt, die Spenden für Hilfsbedürftige sammelt und gemeinsame Projekte unterstützt, die auch der Gemeinschaft zugute kommen, die sich selbst bestimmten “Idealen” und “Werten” unterwirft und sich die Mühe macht, sich eigene Regeln, Hierarchien und Symboliken zu entwerfen. Diese Generation, die ja bekanntlich “noch nie ein Buch in die Hand genommen” hat, empfängt mit großer Begeisterung ein äußerst kritisches Buch über ihre Jugendkultur und organisiert Lesungen, an denen teilweise hunderte Zuhörer teilnehmen, die sogar Eintritt bezahlen, um sich mit ihrer eigenen Kultur auseinandersetzen. Dieselbe Generation, die Foren und dutzende von Dachorganisationen gründet, um im Dialog (!) mit den öffentlichen Stellen legale Wege auszuloten, ihre Kultur ausleben zu können. Die in Blogs und Fanzines jede Saison zehntausende von Seiten füllt, um über sich zu berichten. Die Fandemos und Kongresse organisiert und sich monatelang an runden Tischen veralbern lässt und sich trotzdem immer noch gesprächsbereit zeigt. Die unbewusst, auch, auf ihre Freiheit pocht, eigene Fehler und Übertreibungen begehen zu können.
“…wenn der Knabe … ins Jünglingsalter tritt, so hat er auch dann, weil sich dieses Alter ebenso leicht dem Bösen zuneigt, den Zügel der Zucht nötig…”
(Vincent von Beauvais, 1250)
All das wird ausgeblendet, um im jahrtausendealten Generationenkonflikt auf sie eindreschen zu können. Es sind “so genannte” Fans, die “mit Fußball nichts zu tun” haben, die “sich nur selber feiern” und die wir “aus den Stadien entfernen” müssen. Denn es finden sich “gewaltbereite Chaoten” darunter. Und “gewaltbereite Chaoten” ist seit jeher ein Erklärungsansatz für Jugendbewegungen. Nun, es gibt gewaltbereite Chaoten. Auch unter Ultras. Damit muss man sich auseinandersetzen und dagegen muss man vorgehen. Dazu braucht es aber keine “Sondergesetze”, “Datenbanken”, “lebenslangen Kneipenverbote” und “härteren Maßnahmen”, sondern es reicht eine konsequente Anwendung bestehenden Rechts. Wenn jemand mit seinem BMW mit 180 durch die Baustelle brettert, dann wird ihm der Führerschein entzogen. Keinesfalls sollte diese Strafe auf alle BMW-Fahrer ausgedehnt werden, die sich mehrheitlich weitgehend an bestehende Verkehrsregeln halten. Und gewalttätige körperliche Angriffe sind in Deutschland zurecht verboten, dann muss man sich die Mühe machen, diese zu identifizieren und fallweise zu verurteilen. Der Rechtsstaat gibt das durchaus her, der hat einen ganzen Apparat aus Gesetzen und Möglichkeiten, diese durchzusetzen. Auch wenn das mehr Mühe macht, als große Teile der Jugend unter Generalverdacht zu stellen, zu kriminalisieren und in den Leitmedien zu dämonisieren. Glücklicherweise wurde die Sippenhaft in Deutschland 1945 für beendet erklärt und sich fortan auf die Täter konzentriert.
“Jazz, die Synthese von Marsch und Salonmusik, ist eine falsche, die eines zerstörten Subjektiven mit einer es produzierenden, vernichtenden und durch Vernichtung objektivierenden Gesellschaftmacht.”
(Theodor W. Adorno, Über Jazz)
Ist die Welt bislang an Jugendkulturen zerbrochen? Bislang nicht und vermutlich wird auch die Ultrakultur weder den Fußballbetrieb aufhalten noch das Abendland auflösen. Sie wird, wie jede ernstzunehmende vorherige Jugendkultur auch, ihre Nische ausleben und dann gemütlich im Mainstream aufgehen und aufhören, eine Jugendkultur zu sein. Und sie wird – in abgeschwächter und weniger radikaler Form – ihre Spuren und Ausdrucksformen hinterlassen. Es ist richtig und zu ihrem Fortbestehen notwendig, dass sie von den “Institutionen” oder auch nur anderen Fans abgelehnt und kritisiert wird. Nur so bleibt sie für Jugendliche attraktiv und schafft dieses wunderbare Zusammengehörigkeitsgefühl, dass nur Menschen kennen, die jemals an einer Jugendkultur teilgenommen haben. Aber zutiefst undemokratisch ist, wenn das politische System Sondergesetzgebungen fordert, um kollektiv gegen eine äußerst heterogene Jugendbewegung vorzugehen, deren kleinster gemeinsamer Nenner ein um den Hals gehängter Schal ist. Ebenso undemokratisch ist, wenn die Medienlandschaft hierzu kollektive Angstbilder herbeifabuliert, anstatt sich kritisch eben auch mit Repressionsmaßnahmen auseinanderzusetzen.
“Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.”
(Keilschrifttext aus Ur, Chaldäa, um 2000 vor Christus)
Es geht eben nicht, wenn Journalisten, deren Aufgabe es sein sollte, den nicht Dabeigewesenen zu erklären, wer warum wann was gemacht hat, von hinter ihren Schnittchentürmen gleich vorgefertigte Meinungen mitliefern, statt jemals mit den Betroffenen auch nur gesprochen zu haben. Und wer eine Gruppe von Jugendlichen schon einmal prophylaktisch und ohne konkreten Anlass am Bahnhof zusammenknüppeln lässt, der schützt nicht die Werte unser freiheitlich-demokratischen Grundordnung, sondern er prügelt auf eben diese ein. Völlig unabhängig davon, ob ich mit dieser Jugendkultur und ihren Ausdrucksformen nun solidarisiere oder nicht, völlig egal, ob ich diese nun gut finde oder rundheraus ablehne. Ein gewisses Maß von Toleranz und Freiheit gehört zur Definition von Demokratie, für alles andere gibt es Regeln und Gesetze. Gegen Täter, nicht gegen Jugendbewegungen mit tausenden Mitgliedern. Ultras können wie alle anderen Jugendbewegungen auch, durchaus als störend und kindisch wahrgenommen werden, kindisch zu sein und zu stören ist eben das Vorrecht der Jugend. Aber glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen man alles Störende auch gleich aus dem Stadion/Land verweisen muss und auch im Umgang mit dieser jüngsten der Jugendkulturen täte ein wenig mehr Gelassenheit und Toleranz durchaus auch dem Rest der Gesellschaft ganz gut. Mit anderen Worten: Gewalttäter kann man gern wegsperren, “potentiell gewaltbereit” sind wir glaube ich so ziemlich alle schonmal gewesen. Außer der Jungen Union natürlich.
“Für viele stellt sich das als bedrohliche Situation dar. Ich erinnere mich noch an ein Spiel, das ich mit meinem damals noch kleinen Sohn besuchte. Links und rechts neben uns knallte es und mein Junge stand zusammengekauert und voll Angst da, statt Spaß zu haben am schönen Fußballspiel. Als Innenminister bin ich aber auch besorgt um das Wohlergehen der Polizeibeamten, die rund um die Stadien und in den Zügen für Sicherheit sorgen müssen.”
(Innenminister Dr. Hans Peter Friedrich in der “Super-Illu”)
Am 11.11.2007 wurde der Lazio-Fan Gabriele Sandri auf feige Weise im Auto sitzend durch einen Polizisten erschossen. Trotz aller Vertuschungsversuche, Schuldumkehrungen und Repressionsmaßnahmen seitens der Behörden lebt die Erinnerung an ihn weiter fort.
Präsentation des Lazio-Trikots mit Lotito und Cristiano Sandri
Heute am 6. November um 15 Uhr steigt in der Serie A das Spiel Lazio gegen Parma, zwei Mannschaften, die in der Saison 2007/ 2008 Fans auf tragische Weise verloren haben: Gabriele Sandri und Matteo Bagnaresi. Zum 4. Todestag Gabriele Sandris führt das Schicksal die beiden Teams wieder zusammen, die schon 2007 am ersten Spieltag nach dem Tod Sandris aufeinandertrafen. Die Familie Sandri und Lazio-Präsident Lotito haben anlässlich der traurigen Wiederkehr zu einer schönen Aktion gefunden: Zum ersten Mal in der Geschichte des italienischen Fußballs werden Teams anstatt mit dem offiziellen Trikotsponsor mit Logo und Schriftzug einer gemeinnützigen Stiftung mit dem Namen eines toten Fußballfans auflaufen.
Lazio-Präsident Lotito: "Wir haben für diese Initiative Parma kontaktiert, die sich sofort angeschlossen und die Möglichkeit ergriffen haben, auch an einen ihrer Fans zu erinnern, der leider gestorben ist."
Parma schließt sich den Erinnerungsfeierlichkeiten des SS Lazio zum 4. Todestag Gabriele Sandris an und wird im Spiel in einem eigens gestalteten Trikot mit den Logos der gemeinnützigen Organisationen Bagnaresi und Sandri auflaufen. Das Aufwärmen wird in eigens von Erreà gestalteten Trikots absolviert und beim Einlaufen mit einem Erinnerungs-T-Shirt auftreten. Auch der Verein SS Lazio wird nach zahlreichen derartigen Anfragen erstmals sichtbar Stellung beziehen und wird das Spiel mit dem Logo der "Fondazione Gabriele Sandri" auf der Brust bestreiten.
Der Vater des auf einer Autobahnraststätte zu Tode gekommenen Matteo, Bruno Bagnaresi, dankte für die Initiative mit den Worten: „Die Initiative ist in Rom von der Familie Sandri gestartet worden, der wir sehr verbunden sind. Wir möchten uns an Matteo und Gabriele erinnern, an ihr Lächeln und wünschen uns, dass es ein schöner Tag im Zeichen des Sports sein wird [...].“
Parma-Kapitän Morrone schließt sich diesen Worten an: "Wir sind sehr Stolz darauf, diese Trikots tragen zu dürfen, es macht uns glücklich, den Namen dieser Fans zu tragen, die so nah bei ihrem Team waren."
Seit dem Jahr 2008 gibt es die Fondazione Gabriele Sandri unter Führung des Vaters und mit Mithilfe des Journalisten Maurizio Martucci, Autor eines Buches zum Tod Gabriele Sandris. In den letzten Monaten sind zahlreiche Gruppen von Blutspendern gegründet worden und die Stiftung ist engagiert in der Unterstützung von Jugendinitiativen mit dem Ziel, ein Klima der Solidarität und des gegenseitigen Respekts zu fördern.
Cristiano Sandri, der Bruder des erschossenen Gabriele: "Die Stiftung wurde mit einem einzigen Ziel gegründet, den Fan wieder ins Zentrum des Fußballsystems zu bringen. Fußball ist über seine Eigenschaft als Sport hinaus auch Kultur, Erziehung und Solidarität. Alles Werte, die Gabriele in aller Bescheidenheit verkörperte."
In einem Land, das es seit vier Jahren nicht schafft, eine Gedenkplakette für Gabriele Sandri zu genehmigen, ist eine solche Aktion erwähnenswert.
"Wenn du dich auflehnen willst, werde Ultrà. Wenn du das nicht willst, respektiere uns."
"Se vuoi ribellarti, diventa ultrà. Se non vuoi, rispettaci."
(Matteo Bagnaresi)
Präsentation des Lazio-Trikots mit Lotito und Cristiano Sandri
Viel ist geschrieben worden, seit Poschi anlässlich des Fußballspiels Beirut Dortmund gegen Dynamo Dresden seinem ZDF-Publikum von bürgerkriegsähnlichen Zuständen berichtet hat. Denen wurde dabei sicher ganz warm unter der Heizdecke und die durch die Dritten genuschelten "damals hätte es sowas nicht gegeben" will ich bestimmt nicht zählen müssen. Da waren sie wieder, die reflexhaft verbreiteten "sogenannten Fans", die "Dinge, die wir in keinem Stadion sehen wollen" weil sie "mit Fußball nichts zu tun" haben und die ganzen "Chaoten". Später tauchten dann sogar "Verletzte" auf, "weinende Frauen und Kinder flüchteten" vor Dresdner "100 kg Kolossen". Und so weiter und so fort. Derartige Darstellungen kennen wir zur genüge und umso sensationslüsterner die Berichterstattung ist, umso besser verkauft sich das Produkt.
Glücklicherweise gibt es durchaus noch Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, und sich sachlich und reflektiert mit dem Thema Gewalt in und um Fußballstadien auseinandersetzen anstatt die Redaktionsvorgabe nachzuplappern und Polizeiberichte kritiklos zu übernehmen. Ich weise deshalb gern auf die untenstehenden Artikel zum Thema hin und empfehle eine aufmerksame Lektüre:
Soweit so bekannt. Die sogenannten Qualitätsmedien überbieten sich in Frontberichterstattung und erklären von hinter den Schnittchentischen aus ihrem Publikum, das in der Mehrheit noch niemals in einem Stadion war, die böse weite Welt. Die Polizeigewerkschaft verweist auf die Kosten und die unfassbaren Gefahren für Uniformträger. Und die Bildzeitung ruft den nationalen Notstand aus während sich die paar kritischen Journalisten und die Szene selbst völlig berechtigt der allgegenwärtigen Hysterie entgegenstellen. Natürlich kann man sich über das tatsächliche Gewaltpotential der deutschen Ultra-Szene unterhalten und das muss man auch. Allerdings sollte man sich hierbei an Fakten und tatsächlichen Risiken orientieren und nicht an tendenziösen verlautbarungen – ob diese nun von der Staatsmacht verbreitet werden oder den betroffenen Gruppierungen selbst. Und genau diese Mittlerposition sollte eine Medienlandschaft übernehmen, die ihren Auftrag ernst nimmt: die Fakten recherchieren, aufbereiten und dem interessierten Konsumenten zur Verfügung stellen. Und zwar ohne Panikmache.
Woher die Hysterie? Nun, grundsätzlich ist zu beobachten, dass die Gesellschaft in Richtung Vollkaskomentalität gedrillt wird, die jegliches Restrisiko des Lebens als unerträglichen Fehlschlag betrachtet. In der Werbung tapst ein Hund durch die Küche, Zoom auf die Fußspuren, in denen Killerbakterien wuseln und was ein Glück, dass die besorgte Frau Mama ihr Sagrotan-Spray dabei hat. Man mag sich gar nicht ausdenken, was da hätte passieren können, wenn ein Kind ungeschützt mit einem Fliesenboden in Berührung kommt, über den ein Hund gelaufen ist. Bundesverkehrsminister Ramsauer brachte kürzlich die Helmpflicht für Radfahrer in die politische Debatte ein, um auch hier vermeintliche Sicherheitsrisiken bei der Teilnahme am Straßenverkehr auszuräumen. Raucher sind mittlerweile ausgesperrt und werden auf jeder Packung mit ihrem unverantwortlichen Verhalten konfrontiert. Mein Gurtwarner erinnert mich laut piepend daran, dass auch der Weg von einem Parkplatz zum nächsten lebensgefährlich sein kann. Im aktuellen Spiegel findet sich ein bericht über die Absurdität der Sicherheitskontrollen für Kinderspielzeug, die einen wundern lassen, wie Generationen bis jetzt überhaupt bis zur Geschlechtsreife überleben konnten. Die EU reglementiert die Käseherstellung und macht es praktisch unmöglich, bestimmte Käsesorten noch herzustellen, die in Europa seit hunderten Jahren keine flächendeckenden Epidemien ausgelöst haben.
Der Beispiele ließen sich noch hunderte anführen, aber die Richtung halte ich für deutlich. Der Staat und seine Organe und die Wirtschaft selbst stellen sich auf für die Schaffung einer Vollkaskogesellschaft, in der jedes auch nur noch so geringe Restrisiko als inakzeptabel bewertet wird. Und sei es auch nur ein gefühltes. Schlimm nur, dass das Leben grundsätzlich Lebensgefahr bedeutet. Und besonders schlimm, dass sich bestimmte Risiken eben nicht mit Sagrotan wegsprühen lassen. Wie der wunderbare Artikel der Dortmunder so nüchtern feststellt, ist ein Stadionbesuch weiterhin genauso sicher wie das Überqueren eines Zebrastreifens. Ein gelungener Vergleich in einem Land, das sich ja nun trotzdem mit Vehemenz gegen ein Tempolimit auf Autobahnen wehrt und die Bedeutung eines Kraftfahrzeugs an der Zahl der PS unter der Haube festmacht. Merke: Wenn ein höheres Interesse bedient wird, wird die Gefahrendebatte auch gern einmal hintenan gestellt. Das gilt für Zusatzstoffe in unserer industrialisierten Nahrung genauso wie für die Zulassung gentechnisch veränderter Lebensmittel.
Das Phänomen "Ultras" stellt eine Jugendkultur dar. Und wie bei jeder anderen vornehmlich männlichen Jugendkultur auch, sorgen Testosteron und Wettbewerb dafür, dass es schonmal zu aggressiven Ausdrucksfomen kommen kann. Und wie bei jeder anderen Jugendkultur auch trifft sie auf Ablehnung seitens der vorherigen Generationen. Das ist gut so, denn darum geht es ja in Jugendkulturen. In der überwiegenden Zahl der Fälle bleibt diese verbal und wenn nicht, dann findet sie untereinander statt (Achtung liebe Journalisten, "Pyro" ist keine Gewalt). Man kann ihr aus dem Wege gehen, auch wenn das die meisten Leser nach der Frontberichterstattung nicht mehr glauben wollen. Wenn man nicht in die Kurven der heißesten Fans geht, besteht überhaupt kein Risiko, von einem Pyro den "Kittel verbrannt" (Poschi) zu bekommen. Und wenn einem vor dem Stadion der gegnerische Mob entgegenkommt, dann macht man das, was Mutter Natur uns als Fluchtreflex vor Bären eingeimpft hat: Man geht einfach weg. Schade, dass es derlei banale Ideen offensichtlich nicht in den öffentlichen Diskurs schaffen.
Eine Gewaltdebatte im Fußballumfeld ist wichtig und notwendig. Sowohl innerhalb der Fanlager selbst, als auch mit den für die öffentliche Sicherheit zuständigen Stellen. Nur so wie sie derzeit geführt wird, ist eine Debatte nicht zu erkennen – dafür wäre es zunächst einmal notwendig, sich über Fakten und Zahlen auszutauschen und nicht über herbeifabulierte Katastrophenszenarien. "Italienische Verhältnisse" wird es in deutschen Stadien schon deshalb nicht geben, weil es "italienische Verhältnisse" in der deustchen Gesellschaft nicht gibt. Italiens Fußball hatte in den 80er und 90er tatsächlich ein massives Gewaltproblem. Nur war dieses in gesellschaftliche und politische Zustände eingebettet, die teilweise am Rande des Bürgerkriegs standen. Davon ist Deutschland genauso weit entfernt wie ein in die Höhe gehaltener Bengalo von einer Gewalttat.
Ein wenig mehr Gelassenheit im Umgang mit Restrisiken täte dieser Gesellschaft gut. Vor allem, weil die Risikodebatte von meiner Generation geführt wird. Und damals rauchten Leute im Fernsehen, es gab zutiefst unhygienische Windeln aus Baumwolle und die Kirschen pflückten wir direkt am Straßenrand, wo Autos ohne Katalysator vorbeifuhren. Und wisst ihr was? Wir haben irgendwie trotzdem überlebt.
Und weiter geht’s: Am 15.11.2011 erscheint Domenico Mungos Ultra-Roman “Streunende Köter. Ein Roman über zwei Jahrzehnte italienische Ultrakultur, Freundschaften,Kämpfe und Drogen” (im Original: “Cani Sciolti”). Nach Giovanni Francesios “Tifare Contro” nun also ein Roman aus den Händen eines italienischen Ultras, der teils sehr persönliche Einblicke in mehr als zwei Jahrzehnte Zugehörigkeit zur italienischen Ultraszene gibt. Für alle, denen Ultrà am Herzen liegt. Wie immer, sind wir auf eure Hilfe angewiesen: Liken, Teilen, Weitererzählen!
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Ein Video zur Illustration des Buchs: Bilder aus den 80ern und 90ern in Italien
Über den Autor:
DOMENICO MUNGO (*Turin, 1971)
Journalist, Autor, Essayist, Videomaker, Lehrer für Literatur und Geschichte, Ultra der Fiorentina. Musik- und Literaturkritiker. Ex-Direktor des Magazins Supertifo. Von ihm wurden die Bücher Sensomutanti (2003), Cani Sciolti (2008), The Final (2010), Avevate ragione voi (Gedichte, 2010), Stadio Italia (2010), Noi odiamo Tutti (2010). publiziert. Experte für die italienische Ultrabewegung und systemkritische Strömungen. Derzeit erscheinen von ihm eine Sammlung von Erzählungen zum G8-Gipfel in Genua 2001 sowie eine Biografie von Kurt Cobain.
Klappentext:
Die Ultras sind böse. Sie sind die dunkle Hemisphäre des Fußballs. Das obszöne Grauen der Zivilgesellschaft. Die Ultras sind der Blitzableiter der Gutmenschen, des Bürgertums, der Krämerseelen, der Profis, der Hausfrauen, der armseligen Journaillie und der Bullen auf Opfersuche. Die Ultras sind die Güllegrube unter dem freien Himmel der Stadien. Symbol blinder und irrationaler Gewalt. Das schlimmste, wenn nicht einzige Übel des ansonsten strahlend reinen und jungfräulich unbefleckten Fußballsystems. Trotzdem werden Ultras immer wieder zu Schlachtvieh für die Titelseiten. Gut, um als Monster für die erste Seite herzuhalten, aber auch bildreiches Rahmenprogramm, donnernder und unaufhörlicher Soundtrack, zwölfter Mann, das Spektakel im Spektakel des Sports, an den wir unser Herz verloren haben. Aber die Ultras entziehen sich den Schubladen. Jedenfalls die wahren. Sie zerpflücken Klassifizierungen, Statistiken, Vorurteile und Vereinfachungen. Sie verursachen Probleme und schädigen das Gemeinwohl. Die Ultras fahren hunderte und aberhunderte Kilometer durchs Land, geben auch eine Menge Geld aus, verzichten auf Zuneigung und Liebe. Sie riskieren Prügel und Knast. Um sie im Zaum zu halten braucht man Polizeitransporter, Panzerwagen, Hubschrauber und Legionen von Sondereinsatzkräften, Polizeibeamten, ausgebildeten Fahndern, Feuerwehren und Rettungswagen. Und sie, die dreckigen und bösen, verbreiten Chaos, überrennen und zerstören alles, versuchen ohne Karte ins Stadion zu kommen. Dann, wenn die Sache abgleitet, zerstören sie Autos und Mopeds, überrennen Absperrungen und Polizeiketten, besprühen Wände mit ihren Slogans, werfen Rauchtöpfe und Bengalos, Steine und Flaschen, verantworten Geldstrafen und Platzsperren, nageln nicht genehme Spieler ans Kreuz und entlassen vox popoli unbeliebte Trainer. Die Ultras sind böse, unverschämt, kriminell und kehren sich nicht um die Regeln des zivilen Miteinanders. Ihre Höhlen sind die Kurven. Sie verschwinden in der Masse, die sie aufnimmt, sie versteckt und sich von ihnen beschützen und repräsentieren lässt. Viele können nicht erklären, was Ultra zu sein überhaupt heißt. Aber viele können davon erzählen. Ich glaube zu wissen, dass die Ultras ein Recht auf eine eigene Geschichte haben. Und ich die Pflicht, ein Buch über sie zu schreiben. Mit ihnen. Und dieses Buch haltet ihr in den Händen.
Seit der Saison 2008-09 hat die italienische Serie A einen Einbruch von mehr als 20% beim Verkauf von Dauerkarten fürs Stadion verzeichnen müssen, während der Absatz von Saisonabos beim größten Pay-TV-Anbieter Sky im selben Zeitraum um 69% zulegte.
Man hätte ja vermuten können, dass der Niedergang des italienischen Fußballs auf sportlicher, ethischer und und wirtschaftlicher Ebene dazu führen würde, dass sich zumindest ein Teil der Fans vom gehypten Spektakel abwendet. Die Serie A wird spätestens seit Calciopoli 2006 von Wett-, Manipulations- und anderen Skandalen geschüttelt. Auch wenn Inters Champion’s League-Erfolg noch einmal ein Aufbäumen auf europäischer Bühne darstellte, ist der 4. Startplatz für die Königsklasse ohne weitere Gegenwehr an die Bundesliga verloren worden, auch weil die Ausbeute italienischer Clubs in der Europa League äußerst dürftig ist. Ausländische Trainer bringen nur im Ausnahmefall frischen Wind in den seit jeher von Taktizismen geprägten Vereinsfussball und oft genug endet das Missverständnis nach nur wenigen Monaten, so wie Benitez’ Intervall beim FC Internazionale. Italiens Trainer-Avantgarde (Capello, Lippi, Ancelotti, Spalletti) versucht sein Glück derweil im Ausland bzw. wartet auf Angebote. Italiens Jugend harrt auch im Fußballgeschäft einer Chance und wird derweil zugunsten altgedienter Stars wie Totti, del Piero oder Gattuso auf jahrelange Wanderschaft durch die unteren Ligen verschoben. Internationale Superstars haben den italienischen Spielbetrieb weitgehehend verlassen, in der Einnahmestatistik rutschen auch ehemalige Größen des europäischen Fußballs langsam nach unten durch. Der internationale Marktwert der italienischen Liga sinkt beständig, der bereits im “European Football Merchandising Report 2010″ festgestellte Abstand zu den europäischen Top-Ligen vergrößert sich beständig.
Merchandising- und Lizenzeinnahmen der fünf großen Ligen in Millionen Euro
Merchandising- und Lizenzeinnahmen der fünf großen Ligen in Millionen Euro, Stand 2010
Es steht also nicht besonders gut um den italienischen Fußball und den zu beobachtenden Zuschauerrückgang könnte man mit dutzenden Erklärungsversuchen angehen. Allerdings betrifft die langsame Entwöhnung des Tifoso nur den Stadionbesuch, die schon immer ordentlichen Zahlen der Pay TV-Anbieter wachsen teilweise rasant. Von 2008 bis heute sind die Verkäufe von Stadiondauerkarten um 20,4 % gesunken (von 254.659 auf 282.233). Im selben Zeitraum stiegen die von Auditel veröffentlichten Pay TV-Abos für Fußball bei Sky um 69% und das ohne die Zahlen des zweiten großen Anbieters Mediaset. Das Fernseh-Business schlägt im Moment inklusive Zulieferern pro Saison mehr als 6 Milliarden Euro um. Die Tinte unter den Vereinbarungen von Lega Calcio mit den Mediengiganten von Murdoch und Berlusconi ist noch nicht trocken, sichert aber bereits 2,5 Mrd. EUR für die Jahre 2012-15.
Pay-TV Abonnenten Serie A pro Spielzeit (ohne Mediaset)
Anstieg der Pay-TV Abonennten pro Spielzeit, ohne Mediaset
Die Auslastung der Stadien rutscht derweil auf den letzten Platz der ernstzunehmenden europäischen Wettbewerbe. Ein Fußballspiel der höchsten italienischen Spielklasse (und in den unteren Ligen sieht die Statistik noch deutlich dramatischer aus) wird vor im Schnitt 61% besetzten Plätzen ausgetragen – in Frankreich liegt die Auslastung bei 69%, in Spanien bei 73%, in Deutschland bei 88% und in England sogar bei 92%. Und wer will es dem Gelegenheitsfan verdenken, wenn er die Spiele seiner Herzensmannschaft für wenig Geld bequem im eigenen Sessel verbringt anstatt in einem der im Schnitt (!) satte 69 Jahre (!!) alten italienischen Stadien?
Dauerkartenabsatz Serie A bis 1011/12
Rückgang der Dauerkarten für die italienische Serie A von 1992/93 bis 2011/12
Während also die Spiele vor immer desolateren Kulissen ausgetragen werden, feiert Sky derzeit seinen 5 Millionsten Kunden. Den letzten Spieltag, Sky und Mediaset Premium zusammengenommen, verfolgten erstmals mehr als 10 Millionen Zuschauer am Fernseher; 3 Millionen für Inter – Napoli und 4 Millionen für Juventus – Milan. Im Stadion findet sich derweil nur noch der harte Kern von im Durchschnitt 23.000 Zuschauern pro Spiel ein. Achtung, im Durchschnitt, denn die Statistik wird weitgehend durch ganz wenige Clubs getragen, neben den drei großen Clubs aus dem Norden (Juve, Inter, Milan) erfreuen sich noch die Teams aus Rom und Neapel einer gewissen Beliebtheit – dahinter droht gähnende Leere.
Dabei zeigen die Ergebnisse der anderen europäischen Ligen, dass die Konzentration auf das einmalige Erlebnis eines Fußballspiels im Stadion durchaus auch wirtschaftlich interessante Ergebnisse zeigen kann. Die beiden großen Spanier und besonders die Mannschaften der Premier League überflügeln auch die beliebtesten italienischen Teams bei den Einnahmen aus dem Ticketverkauf um Längen. Und auch Juventus, das als einziges Team der Serie A seit dieser Saison in einem eigenen neuen Stadion spielt, weist den Weg: von 14.290 Dauerkarten in der letzten Saison, liegt man nunmehr bei 24.137 Abos mit einem entsprechenden Anstieg der Einnahmen von +125%. Eher sportlich bedingt ist noch der Anstieg der Dauerkartenverkäufe bei Lazio, hier ist ein Anstieg von 12.868 auf 20.220 zu verzeichnen. Die Champion’s League-Teilnahme des SSC Napoli befeuert einen Anstieg von 31%, Aufsteiger Novara hat die Saisonabos verdreifacht, Cesena verzeichnet mit 12.114 Abos einen historischen Rekord für das Team und selbst Udinese verzeichnet einen leichten Anstieg von 2.000 verkauften Dauerkarten. Um auch einmal positive Beispiele zu nennen.
Ich bezweifle, dass das italienische Herz nicht mehr für den Fußball schlägt. Morgens beim Caffè und abends beim Wein wird immer noch nichts lieber diskutiert. Die Spiele werden auch weiterhin – wenn auch nicht mehr im Stadion – mit Enthusiasmus verfolgt. Aber wenn der Fan für 19 EUR (Mediaset) bzw. 29 EUR (Sky) pro Monat alle Spiele bei Chips und Bier daheim jetzt auch in 3D verfolgen kann, wo schon eine Karte im Auswärtsblock bei Juve-Milan nicht unter 45 EUR verkauft wird, ändert sich die Meinung schnell. Zumal in einem Land, das von einer schweren Wirtschaftskrise gebeutelt ist, in dem das Durchschnittseinkommen sowieso 30% unter dem deutschen liegt und Jugendarbeitslosigkeit epidemische Ausmaße annimmt. Zu den Mehrkosten selbst bei einem Heimspiel kommen noch bürokratische Hürden beim Stadionbesuch, zerfledderte Spieltage (Sonntag 12.30 hat sich mittlerweile etabliert) und eben unkrautüberwucherte Stehplätze unter freiem Himmel. Das mag man Old School finden, den Mehrheitsgeschmack findet es nicht.
Nachdem im Jahr 2007 die Ultras als alleiniges Böse des Fußballgeschäfts ausgemacht wurden, überschlugen sich die Größen der Vereine, der Politik und Polizei in Vorschlägen, „Stadien sicherer“ zu machen und die „Familien wieder in die Stadien“ zu bringen. Für den Erwerb einer Dauer- oder Auwärtskarte oder den Erwerb eines Tickets im Vorverkauf ist die „Tessera del Tifoso“ notwendig, eine Fankarte, in der sämtliche persönlichen Daten gespeichert und mit den Sicherheitsorganen der Behörden vernetzt sind. Saison für Saison werden die Eintrittspreise erhöht, während die Infrastruktur weiter verfällt. Die italienische Durchschnittsfamilie wird sich viermal überlegen, bevor sie sich ein Spiel beispielsweise in Catania anschaut, wo Eltern mit zwei Kindern kaum unter 200 EUR ins Stadion kommen, dafür aber unverbaute 30er Jahre Architektur bewundern dürfen. Selbst in ehemaligen 5 Sterne-Stadien wie dem Mailänder San Siro ist die Parkplatzsituation grottesk, die nächste U-Bahn-Station ist 20 Gehminuten entfernt und die Straßenbahn stellt ihren Verkehr zum Stadion 2 Stunden vor Anpfiff ein.
Es ist aber offensichtlich auch im Fußballgeschäft in Italien weiter genehm, sich einen Sündenbock zu suchen und ansonsten weiterzuwursteln, wie bisher. Verbote von Auflösungen von Ultragruppen, Verbot von Megaphonen, Trommeln und Pyrotechnik, Einführung der Tessera del Tifoso und eine immer weitergehende Verschärfung der Repressionstechniken haben also den Exodus der Tifosi aus den Stadien nicht aufhalten können. Im Gegenteil. Vermutlich, weil diese Maßnahmen am eigentlichen Thema vorbeigehen: zu teuer, zu alt, zu korrupt, zu unbequem, zu schlecht. Derweil träumen Entscheidungsträger wie Innenminister Maroni vom “englischen Modell” – natürlich in der italienischen Version, denn wie bereits Giovanni Francesio in “Tifare Contro” so richtig feststellt, ist man in Italien weit davon entfernt, Geld in die Hand zu nehmen, die Infrastruktur zu modernisieren und Stadion zu für alle Fans angenehmen Orten zu machen. Stattdessen erhöht man munter die Preise, lässt die Stadien verfallen und ruht sich auf den gesicherten Fernseheinnahmen aus. Ein Gesetz über vereinseigene Fußballstadion liegt trotz Gallianis Gejammer seit Jahren auf Eis, die Kommunen als Eigentümer sind klamm, die Vereine haben keine gesetzliche Grundlage für entsprechende Investitionen (abgesehen von der Lex Juventus selbstverstädlich). Alles wie gehabt: Tönende Absichtserklärungen, Suchen nach einem Sündenbock, Unter den Teppich Kehren und ansonsten gelähmt dem Niedergang auch des Fußballs zuschauen. Und hoffen, dass Platinis “Financial Fair Play” wenigstens die anderen schlechter macht.
Das Spiel Milan – Cavese der Saison 1982/83, zweite Liga zu Hochzeiten der “Stadiongewalt” fand übrigens vor ausverkauftem Haus statt.
Vielleicht geht's ja von selbst vorbei
Modell Berlusconi: Aussitzen, von sich weisen und hoffen, dass es vorbeigeht.
Wir waren auf dem Heimweg aus Siena. Wir waren zu fünft, darunter zwei ganz Junge, incognito in einem Bus irgendeines norditalienischen Fanclubs. Das sind gute Leute, echte Fans der Fiorentina, die jedes Wochenende hunderte Kilometer fressen, bei Heim- wie Auswärtsspielen, für die macht das keinen Unterschied. Im Gegenteil, Spiele in Mailand, Turin, Genua, Bergamo oder Verona sind sogar günstiger für sie, weil es näher ist. Aber zwischen ihnen und der Ultra-Mentalität liegen Welten. Sie sind friedlich, ein Club mit Merchandising-Kram, Gesängen, Fahnen, mit an das Geländer gehängtem Banner, mit einer schwindelnd machenden Geschichte von Auswärtsfahrten in Italien, Europa und der Welt. Aber es sind keine Ultras. Sie sind Unterstützer, Fans, Fanatiker, aber keine Ultras. Sie singen, sie legen sich ins Zeug, leiden und feiern, aber sie definieren sich nicht als Ultras.
Wir haben uns aber oft für unsere Reisen an sie gehängt. Das ist bequem für uns, wir machten es uns am Ende des Reisebusses gemütlich und verwandelten die letzten vier Sitzreihen in eine nicht zugängliche Enklave, die wir – wer weiß warum? – KREIDESAAL tauften… Da war immer jemand, der gutes Zeug dabei hatte und dem wir den Chor “P. rück das Zeug rüber, wir müssen schniefen, wir baun auf dich ooooooooh!!!!” widmeten. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, auf Hin- oder Rückfahrt, sangen wir auf den Sitzen des Kreidesaals” P. rück das Zeug rüber, wir müssen schniefen, wir baun auf dich….” oder auch “Sag mir, wieso nur 0,3, wieso nur 0,3: ich gab dir 80 Euro, ich gab dir 80 Euro…”.
Dieser Kerl, P., war einer aus meiner Gegend. Wir sind zusammen aufgewachsen, der war ein ganz normaler Typ, arbeitete in der Fabrik, hatte seine Freunde und seine Kneipen, als Kinder spielten wir Fußball zusammen, er erinnerte an Baggio, sowohl wegen seiner Spielweise als auch seiner Statur. Ernsthafte Person, mit dem richtigen Laster. Er liebt die Viola und ist eigentlich immer dabei. Ich mag P. wirklich gern.
Da gab es diese beiden “Gagni” aus Mailand, G.&P.. G. lebte in einer beschissenen Satellitensiedlung im Mailänder Hinterland und redete wie eine der Großkotze aus dem Comedy-Programm Zelig: (“bleibt ganz ruhig, ich habe mit meinen Freunden am Park etwas zu rauchen gekauft…”), er lebte mit seinen hirnamputierten sechzehnjährigen Freunden am Park, dealte in der Disko mit Pillen und Koks und war mein Adoptivsohn. Mit 12 Jahren vertraute ihn sein Vater mir an, während ich gerade vor einer Autobahnraststätte kollabierte. Wir waren auf dem Weg nach Parma zum Pokalendspiel.
Es war drückend heiß. Ich hatte drei Flaschen Mirto-Likör getrunken, zwei Liter Bier, wie ein Besessener Koks gezogen und um ganz sicher zu gehen noch zwei Chillums Unkraut geraucht. Nach drei Stunden auf der Autobahn halten wir auf dem Rastplatz, ich steige aus dem Auto und der Temperaturunterschied trifft mich voll in die Magengrube. In diesem Moment kommt dieser Typ mit dem Kind an der Hand vorbei und meint “Ich weiß, dass du ein echter Viola-Ultra bist. Das hier ist mein Sohn, ich vertraue ihn dir an, künmmer dich um ihn…” Ich schaute ihn entgeistert an, wie um zu sagen “und du vertraust deinen Sohn so einem Kaputten wie mir an? Kriegst du nicht mit, dass ich völlig zugeknallt bin, dass ich ein beschissener Süchtiger bin und ich wenn es drauf ankommt keine Sekunde drüber nachdenke, mich in eine Prügelei zu stürzen…und du vertraust mir deinen Sohn an?”.
Jedenfalls habe ich den “Gagno” (den Namen haben wir ihm gegeben, so nennt man in Turin einen Jungen) anständig großgezogen. Er hat alle notwendige Prügel von mir erhalten. Wir haben ihm mit allen Zeremonien getauft: der erste Angriff, die erste Auswärtsfahrt einer gewissen Art, der erste Scheiß, den er anstellte und bezahlte. Seinen achzehnten Geburtstag hat er im Reisebus auf der Rückfahrt von einem Spiel gegen Milan gefeiert und wir haben ihn die gesamte Hin- und Rückfahrt lang mit Tritten in den Rücken und Schlägen auf den Kopf massakriert. Außerdem musste er Koks für alle besorgen, weil er ja das Geburtstagskind war…
Dann wie viele Schläge aus heiterem Himmel, während er schlief oder völlig ahnungslos mit seinen Kumpeln abhing. Aber ich hatte den Jungen von Herzen gern. Wir waren manchmal auch nur zu zweit gereist. Wir haben in Autos geschlafen, in Lieferwagen, Zügen oder Häusern von Leuten wie uns, die uns beherbergten. Der Gagno ist mit mir aufgewachsen, echten Mist hat er nie gebaut, wenn es in der Schule schlecht lief, habe ich ihn vor den Augen der anderen mit dem Gürtel verkloppt. Und er ist zum Mann geworden. Jetzt geht er arbeiten und schickt mir brüderliche Nachrichten ewiger Freundschaft.
P. hingegen war aus Monza “eeeeeee es reimt sich mit Monza, das ist Bonza….”. Netter Kerl, gut erzogen, ruhig, respektvoll, aber immer am richtigen Ort, wenn ich mich umdrehte, um in der Kurve oder im Chaos nach ihm zu schauen. Ein Ordentlicher. Arbeitet den ganzen Tag in der Gießerei und jeden Sonntag steht er in der Kurve. Schläft niemals. Ich habe ihn noch nie müde zusammenbrechen sehen, nicht im Kreidesaal, nicht in Zügen, nicht in Autos. Einmal ist er ohne mit der Wimper zu zucken von Lecce nach Mailand gefahren…abwesend wie ein Roboter. Wir hatten damals 2:2 unentschieden gespielt. Wir waren zu neunt mit einem in Malpensa ausgeliehenen Ford Transit unterwegs. Eine irrwitzige Fahrt von Mailand nach Lecce mit neun Leuten, fünfzehn Portionen Koks und zwei Kisten Bier.
Wir hatten festgelegt, dass wir die ersten zweihundert Kilometer keine Linien ziehen würden. In Melegnano waren die ersten vier Päckchen schon aufgebraucht! V. raste die Adriatica-Autobahn knapp an der Leitplanke entlang hinunter, so dass ich fast seekrank wurde. Völlig ahnungslos über die Gefahr betranken sich die anderen weiter und knallten sich bei 200 km/h Koks rein, als ob nichts wäre.
Wir treffen um sechs Uhr morgens in Apulien ein. Das Spiel würde um sechs Uhr abends angepfiffen.
Um uns herum gab es überhaupt nichts. Das Salento ist eine unendliche Ebene aus Erde und Himmel. Wir verbrachten den Tag in San Cataldo, ein Strand, der den letzten Fjord der apulischen Adria darstellt und sich nach Albanien hin öffnet. Ein Traum von einem Ort, wo sich das Azur des Meeres im Himmel auflöst. Es war März, die Sonne strahlte klar und blendend, der Wind war aber dermaßen eisig, dass dir die Lider tränten. Wir spielten Fußball, soffen weiter und zogen fleißig Linien. An einem bestimmten Moment kommen die anderen Jungs aus Florenz dazu, auch sie in einem neunsitzigen Transit, auch sie in unserem Zustand. Kurze Zeit später meldete irgendjemand den Bullen aus Lecce unsere Anwesenheit. Und die kamen zu uns an den Strand und fragten, ob wir es wünschten, von ihnen begleitet zu werden. Selbstverständlich fordern wir sie höflich auf, uns am Arsch zu lecken. Die Lecce-Ultras drehten mit ihren Scootern in der Entfernung Streife, kamen aber den beiden Transits voller gewalttätiger und hoffnungsloser Viola-Ultras nicht nahe, die weiter soffen, koksten, sangen und mit leeren Dosen Fußball spielten. Um fünf entscheiden wir, uns ohne Polizeischutz zum Stadio del Mare aufzumachen. Aber als wir auf der Zufahrtsstraße am Abzweig zur Curva Nord von Lecce ankommen, stellt sich uns eine Abordnung an Polizei entgegen und zwingt uns, in Richtung Auswärtssektor abzubiegen. Ende der Feierlichkeiten. An die Rückfahrt erinnere ich mich nicht mehr. Auch wenn ich eine gewisse Strecke gefahren bin und wir den Transporter wie neu in Malpensa abgeben müssten.
Dann gibt es noch V., genau, den Zigeuner. Ein ganz eigener Typ. Einer der eigentlich in den 70ern geboren sein sollte. Durchgeknallt wie kaum jemand sonst. Völlig irrational in seinen Routen: “Wir sehen uns in Florenz, vorher muss ich aber noch für den Abend nach Verona, dann fahr ich nach Rimini runter, weil da ein Konzert ist und ich schlaf dann bei einer Freundin, dann muss ich noch kurz nach Rom für eine Demo und dann komm ich mit dem Zug zum Spiel morgen…”. Nur er weiß, wie oft ich ihm eine reingehauen habe. Einmal habe ich ihn aus dem Zug geschmissen und verboten, mit uns nach Empoli auswärts zu fahren. Der hatte mich scheisswütend gemacht. Eine Szene um sieben Uhr früh auf dem Bahnhof, an die man sich heute noch erinnert. Aber auch er ist immer dabei. Manchmal kommt er nicht, das ist aber sein Wesen und keine Boshaftigkeit. Ein Bruder, der wenn ich alle zwei Jahre mal wieder mit dem Auto irgendwo gegenknallte, immer als erster in die Notaufnahme kommt…
Jedenfalls zurück zum Kreidesaal. Wir machten da schon wirklich einen auf elitär in diesem bekackten Kirchweihbus: wir kamen immer als letzte, auch mitten im Winter mit Sonnenbrillen und dem Aussehen von jemandem, der die Nacht durchgemacht hatte (das war ja auch so), ausschweifend und prassend. Ringe unter den Augen, die gepimpte Zigarette schon bereit, um die Nebel zu verscheuchen und dann dieser Snob-Ton von wegen “geht uns nicht auf den Sack, wir sind hier die ganz Harten…” Und dann alle ganz ans Ende des Busses und die Piratenfahne aufgehängt, um unser Privè abzuteilen. Mit unseren kokspanierten Cds, die schon seit dem ersten Halt dudelten.
Und dann singen, während die normalen Fans schlafen wollten, Chaos veranstalten, Jungs hauen, Taufen veranstalten, alle und alles verarschen, neue Sprechchöre und gotteslästerliche Gesänge dichten, vulgäre und obszöne halluzinogene Sonette, ab sieben Uhr morgends mit dem Megafon in der Hand dem Typen vor dir ins Ohr singen, der wenn er sich beschwerte eine Ohrfeige einfing, den dreckigen Busfahrer vollzulöffeln, der nicht anhalten wollte, wenn wir pissen mussten – “Wir kotzen in den Reisebus und pissen auf den Boden, Fahrer du bist ein Arschloch, Fahrer du bist ein Arschloch!!!” - Das war dasselbe Sackgesicht, der die Klimaanlage mitten im sibirischen Winter auf volle Pulle drehte wenn er mitbekam, dass wir uns einen Joint anzündeten oder der sich mit 120 auf die Überholspur keilte, damit wir aufhörten ihn zu verarschen. Dasselbe Verräterschwein, der uns bei der Verkehrspolizei anzeigte, wenn wir am Rastplatz klauten oder uns vor dem Einsteigen in den Bus geprügelt hatten. Mehr als einmal stand ich kurz davor, mich mit irgendeinem Busfahrer zu prügeln, der sich für irgendwie geiler als die anderen hielt.
“Wenn wir einen Unfall baun, geht nur der Busfahrer drauf, geht nur der Busfahrer drauf….!” Dann, klar, ab und zu war da ein Fahrer, den das alles überhaupt nicht störte und der von uns Gras kaufen oder mal schniefen wollte… aber das waren nur die ganz glücklichen Gelegenheiten… Dann war es natürlich logisch, sich bei jedem Halt mit dem Plündern von Rastplätzen zu vergnügen, sich auf die Ankunft in Feindesland vorzubereiten und obwohl man in einem Bus unter “Normalos” sitzt, bereit für Angriff oder Verteidigung zu sein. Eine hübsche Tarnung, muss man schon sagen. Schnee, Tüten, Bier und Whiskey. Einmal auf dem Weg nach Livorno hatte ich die Idee, jeden zu einem Schluck zu zwingen, der das Wort “Ballantines” in den Mund nahm. Also startete ich den Gesang “bis zur 90., bis zur 90., gibt’s Ballantines, gibt’s Ballantines” und die ganzen Vollpfosten im Bus die mitmachten, mussten sich früh um acht einen Schluck genehmigen! Die Moral von der Geschichte, als wir in Alessandria Ost ankamen, waren die ersten schon im Alkoholkoma, andere kotzten überall herum und ein halbwegs Bewusstloser, der sich wie Jimi Hendrix selbst vollgöbelte. Das war derselbe Typ – ein Toro-Ultra, der mit uns auf Auswärtstour war, weil wir damals noch mit denen aus Livorno verbrüdert waren -, der glaubte, das ganze wäre nur ein lustiger Landausflug, Depp!
Die Bilanz dieser Auswärtsfahrt für ihn war: halbe Alkoholvergiftung auf der Hinfahrt, selbstreferentielle Kotzspuren, Festnahme und Stadionverbot in Livorno, weil er sich dabei erwischen ließ, wie er uns bei der Prügelei zuschaute, die wir von den ACAB in der Halbzeitpause gegen die Stadionbullerei vom Zaun brachen. Der hatte wirklich nichts gemacht, schon allein weil er noch völlig geistesabwesend und betäubt von Alk und Linien war. Er saß auf dem Geländer, um das Spektakel zu genießen, während wir uns unter unserem Block wie die Verrückten mit den Bullen kloppten. Auf einmal verfolgte mich ein Bulle, der wohl nicht mit leeren Händen zurückkehren wollte für ein paar Meter mit dem kreisenden Schlagstock in der Hand und versuchte mich zu treffen, während ich auf der Treppe verschwand. Enttäuscht dreht er sich um und hat nichts Besseres zu tun, als sich unseren armen Freund zu greifen, der da einfach herumsaß ohne irgendetwas gemacht zu haben. Er wurde hinter dem Streifenwagen zusammengeschlagen, bekam einen Platzverweis und sie ließen ihn nur laufen, weil wir hingingen und ihn zurückwollten und erklärten, dass der Bus ohne ihn nicht abfahren würde. Er kriegte seine drei Jahre Stadionverbot und konnte die gesamten drei Jahre lang seinen Toro nicht mehr sehen. Das ist doch ein ordentlicher Jackpot für eine ruhige Auswärtsfahrt, oder?
Jedenfalls gäbe es unzählige Anekdoten zu erzählen von diesen Undergroundreisen, die die Sektion Nord Italia der ACAB 1926 im Kielwasser der Fiorentina unternahm. Mit uns undercover mitten unter der ruhigen und manchmal peinlichen (wegen der verschiedenen seltsamen Typen, damit das klar ist) Ladung von Viola-Supportern von außerhalb der Stadtmauern.
Wie damals, als wir auf unserem Weg nach Verona an der Mautstelle von Bergamo Viola-Fans aus Brescia aufnehmen mussten. Der Bus bremste also, um die Fiorentina-Leute einsteigen zu lassen. Aber an der Haltestelle stand auch ein Schwarzer, der auf den Bus nach Bergamo wartete. Der hatte zwei Plastiktüten in der Hand. Ich gab ihm aus dem Fenster ein Zeichen, dass er mit uns kommen könnte, dass er er einsteigen soll und wir ihn dann nach Bergamo fahren würden: “Komm Bruder, steig ein! Wenn du zwei Pillen abgibst, fahren wir dich bis ans Ende der Welt!” und du siehst diesen Armen Schlucker, wie er auf dem Randstreifen einen 200m-Sprint absolviert und mit seinen beiden Einkaustüten in der Hand die Leitplanke überspringt, uns hinterherrennt wie Ben Johnson und es endlich schafft, in den Bus zu hopsen. Ich biete ihm den Platz neben mir an, als der Schwarze sich umschaut und bemerkt, dass um ihn nur Leute mit violetten Schals sind, die singen: “Lass uns schnupfen, oh Schwarzer lass uns schnupfen!” Der Unglückliche, verstört, bittet uns um Gnade, will aussteigen, weil er wäre ja für ATALANTA und außerdem sei er ja gar kein Dealer! El negher…
Aber der eklatanteste Fall, der praktisch oder jedenfalls fast das Ende unserer Untergrund-Semikollaboration mit dem Fanclub aus dem Norden bedeutete, war als wir am Rastplatz Secchia Ost in der Provinz Modena auf einen Trupp von Piacenza-Ultras trafen. Dies war ein Autogrill, den der Präsident dieses Viola-Clubs aus Norditalien ganz besonders liebte, weil es dort eine sehr verführerische Rabattaktion für Tortello und Lambrusco gab. Und in der Tat zwang er den ganzen Bus auf Rückfahrt aus Florenz oder den Auswärtsspielen in Mittelitalien zur “Tortello und Lambrusco”-Pause am Fini-Rastplatz. Die Tortelli scherten uns einen Dreck, klar dass uns der Lambrusco interessierte und all die naheliegenden Arten und Weisen, nicht zu bezahlen und so den Signor Benetton zu enteignen und möglichst dreist zu ficken. Man reihte sich mit dem säuberlich entknitterten Kassenzettel irgendeines ehrlichen Kunden in die Schlange ein und nahm seine fünf oder sechs Portionen Tortello mit angehängtem halben Liter Lambrusco entgegen.
Nun ist es aber so, dass wir auf mein präzises Geheiß hin Rastplätze ohne Fahnen oder sonstige Erkennungszeichen, das uns als Stadionfans ausweisen würden frequentierten. Dies erstens, weil wenn Fans in den Rastplatz kommen, sofort Alarm ausgelöst wird und du mitkriegst, wie Verkäufer oder Kassierer oder Stewards oder Sherriffs dir bis aufs Klo folgen, um ihn dir nach der rituellen Pisserei abzuschütteln. Zweitens, weil du auf einem Rastplatz nie weißt, auf wen du treffen kannst und also Anonymität und Überraschungsfaktor immer auf deiner Seite haben solltest. Wenn du mit fünf oder sechs Leuten unterwegs bist, ist es nicht empfehlenswert, einer Streife Römer oder Neapolitaner oder Bergamo-Leuten oder sonstwem in die Hände zu fallen, weil in Überzahl auch die aus Piacenza gefährlich werden… und genau. Diese Ahnungslosen vom Fanclub, eben weil sie ahnungslos und gutmütig sind und wenig vertraut mit den verschlagenen Bösartigkeiten gewalttätiger Ultras glaubten, dass ihr Status als normale Fans ihnen eine Art Immunität vor Prügel oder Repression verleihen würde. Die haben nur Scheiße verstanden. Und also hielten wir uns immer ein wenig von ihnen entfernt auf, wenn sie sich ausgerüstet mit violetten Gadgets, Schals, Trainingsanzügen und Trikots wie die Papst Boys am Weg vom Heiligen Johannes dem Runden in die Schlange stellten. Dies um nicht mit ihnen verwechselt zu werden, aber auch um ihre körperliche Unversehrtheit zu bewahren, wenn sie unangenehme Begegnungen hätten. An diesem Sonntag waren wir sowieso schon wütend, weil das Koks, das wir besorgt hatten erbärmlich war. Es war mit dreckigem Magnesium gestreckt und außerdem war es sofort alle, es regnete wie aus Eimern und die Fiorentina hatte in diesem Scheißhaus von einem Stadion in Siena durch das Tor eines Albanesen 1:0 verloren.
Wir hielten also an dieser verfickten Autobahnraststätte. Wir hatten überhaupt keine Lust, etwas zu essen. Wir klauten wie üblich ein paar Bier und hingen draußen am Parkplatz ab, rauchten und kratzten uns am Sack. Währenddessen hatten die Superfans drinnen mit ihren Schals und Trikots die Aufmerksamkeit einer Gruppe Piacenza-Ultras geweckt, die aus Empoli heimfuhren. [...]
Sehr geehrte Damen und Herren, hochverehrte Leser meiner kleinen Internetbroschüre,
die Saison 2011/2012 der italienischen Serie A beginnt bald, endlich gehören fußballfreie Wochenenden und genauso end- wie sinnlose Transfermarktdiskussionen der Vergangenheit an und wir können wieder schwitzenden Männern beim Hin- und Herlaufen zusehen und uns dabei zum Affen machen. Und weil das zum Affen machen allein keinen Spaß macht, rufen wir alle potentiellen Startrainer, Fußballexperten, Hobby-Journalisten und anderen Besserwisser zum Serie-A-Tippspiel der Milan Fans Berlin ein.
Eingeladen ist jeder am italienischen Fußball interessierte, also ausdrücklich auch Fans anderer Mannschaften. Welches Team in der B-Note das beste ist, können wir gern im Forum diskutieren, aber beim Tippspiel geht es nur um Ergebnisse. Zu gewinnen gibt es unsterblichen Respekt für den Tippkönig oder eben Schande und den Titel “Beckmann 2011/12″ für den Letzten. Macht Spaß, kostet nichts, sollte man (und besonders frau) teilnehmen:
Bis zur Abfahrt ist es noch mehr als eine Stunde. Es ist 22.15 Uhr. Der Zug nach Mailand Centrale ist für 23.30 auf Bahnsteig 13 angekündigt.
Der Ticketschalter ist noch offen. Eine Kette von Polizisten in Anti-Riot-Outfit versucht, die zwei- bis dreihundert jungen Leute unter Kontrolle zu halten, die herumschreien, Lärm veranstalten, sich schubsen und aus voller Kehle singen:
“Nur ein Ruf, nur ein Alarm, Mailand in Flammen, Mailand in Flammen!!!”
Der Leiter der DIGOS, mit Funkgerät und Dienst-Trenchcoat rügt die Jungs in römischem Dialekt, ohne allerdings Gehör zu finden: “Ey, wenn ihr nicht brav und stumm bleibt, lass ich euch keinen Fuß in den Zug stellen! Hapt ihr kapiert?! Das Spiel lass’ ich euch im Radio anhören! Habt ihr kapiert?”
Im Gegenteil. Im selben Dialekt tönt es zurück:
“Och Kommissar, warum verpisst du dich nicht einfach? Aus dem tiefsten Herzen dieser schönen Roma!” Aus verschiedenen Stellen der Schlange: “Commissario vaffanculo, Commissario vaffanculo!”
Plötzlich aus den Tiefen der Bahnhofshalle, aus dem Grüppchen der einem Fahrkartenerwerb abgeneigtesten Fahrgäste: “Ey, Kommissar! Armselig krepiert, deine Familie und alle, die dir das nicht mit erhobener Faust verständlich machen!”
Und der gesamte Bahnhof Termini hebt die Faust zum “Armselig Krepiert!” und wieder aus den Tiefen des Bahnhofs die Antwort: “Ey, Kommissar! Grüß den Schwanz hier!” und alle dreihundert am lachen, Bullen und Kartenverkäufer inklusive!
Die Menge wartet. Zwischen den Pfeilern des Bahnsteigsdaches sitzend, an die Gitter geklammert, auf die Gepäckträger und die Postkarren geflezt.
“Carabiniere, verdammter Bulle, die Flamme auf dem Käppi löschen wir dir!” Die normalen Reisenden machten einen großen Bogen um die Meute. Sie schauen angeekelt und empört drein. Sie vermeiden die improvisierten Biwaks der Jugendlichen, die Joints und nach Haschish und Marijuana duftende Röhren herumgehen lassen. Manche rennen unter den wohlmeinend komplizenhaften Blicken der Bullen, die so tun, als würden sie nichts mitbekommen, andauernd die Bahnhofsklotür rein und raus.
“Latrine der kolumbianischen Einheit” sprüht irgendjemand auf die gläserne Klotür. Immer in Grüppchen. Jungs aus demselben Stadtteil. Leute aus Borgata oder den Parioli, macht keinen Unterschied: sie sind Ultras der Roma. Manche tragen die Kluft der Tozzi mit Clarks, Levi’s 501 mit tiefer Taillie und grüner Bomberjacke, andere wie Möchtegern-Models auch mitten in der Nacht mit verspiegelten Ray-Bans und schwarzer Schott-Lederjacke. Manche mit langen Hippie-Haaren, dem gelb-roten Rohwollenschal und dem Wollhütchen Modell “aus dem Müll gezogen”, andere mit rasiertem Schädel und braungebrannt wie Gustavo Thoeni nach einem Ski-Worldcup-Lauf in Cortina. Jungs aus dem Leben.
Aber alle sind aus demselben Grund hier.
“Wir sind giftig!”
Sie haben nur einen Beweggrund. Ein einziges Ziel. Antonio rächen. Der Roma-Fan, der von den Milanisti vor viereinhalb Monaten am San Siro vor einem Milan – Roma ermordet wurde. Und es ist ihnen gleichgültig, ob sie das Spiel sehen könnten oder nicht. Ist ihnen scheißegal.
Und je mehr Zeit vergeht, umso mehr singen sie. Die üblichen Gesänge von Gewalt und Intolleranz gegenüber Mailand.
“Milan – Roma vergessen wir nicht, jeden Rossonero schlachten wir ab!”
Sie singen für die Roma und feiern Antonio.
“Eoeoeoeoeooa Forza Roma, komm, wie bleiben dir immer treu!
Eoeoeoeoeooa Forza Roma, komm, kämpfe und siege mit uns!”
“Antonio lebt und kämpft mit uns, Milan Milan Vaffanculo!”
Je mehr die Abfahrtszeit näherrückt, umso mehr steigern sich Lautstärke und Intensität der Gesänge.
“Mailand in Flammen, Mailand in Flammen!!!”
“Mailänder alle gehenkt, Mailänder alle gehenkt!”
Der Zug ist schon mit normalen Fahrgästen völlig überfüllt. Ein Expresszug, der um 23.30 Uhr abfahren sollte.
Planmäßige Ankunftszeit in der Stadt der Feinde, Mailand, um 8.15 Uhr morgens. Wahrscheinlich derselbe Zug, den auch Antonio genommen hatte.
Die Ultras der Roma drängen in den Zug. Am Bahnsteig 8 steht eine Bullenkette, die überrannt wird. Sie kontrollieren, wen sie können, schaffen es aber nicht, sie aufzuhalten.
“Wer keine Fahrkarte hat, darf nicht einsteigen, klar?!”
Alle steigen ein.
Von allen Seiten strömen sie wie eine Flut. Sie räumen alles weg. Setzen ihren Arsch, wie es ihnen gefällt und wo sie wollen.
Es gibt wohl reservierte Plätze, aber schon bald werden die cremefarbenen “Reserviert”-Schilder an den Abteiltüren zu Filtern für die Joints. Sie schließen sich ein und beginnen, Tüte auf Tüte einzuäschern.
Der Waggon platzt aus allen Nähten, überschäumend vor Körpern und aufgeregten Seelen. Die Leute aus den anderen Abteilen werfen schräge und empörte Blicke. Die Bahnsteige glühen vor Hitze.
Es mögen mehr als tausend Ultras sein. Es braucht drei weitere Waggons, um die ganze Flut hineinzupressen.
Eine halbe Stunde nach Mitternacht setzt sich der Zug in Bewegung. Aus den Waggons der zweiten Klasse erhebt sich ein finsteres Gebrüll.
Tifare Contro. Eine Geschichte der italienischen Ultras.
Wer sind sie, die "Ultras", deren Fankultur seit mehr als 10 Jahren auch deutsche Bundesligaspiele mit Fahnen, Dauergesängen, farbenfrohen Choreographien und Pyrotechnik begleitet? Was macht diese Kultur aus, der sich zehntausende Jugendlicher aus allen Teilen und Schichten der Gesellschaft zugehörig fühlen? Wer treibt diese zumeist jungen Männer an, die für sich reklamieren, "keine Verbrecher" zu sein?