No alla reclusione per mancata firma

Alessio Abram: 4 Jahre Haft wegen fehlender Unterschrift

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Vor zwei Jahren hatte ich das Vergnügen, Alessio Abram kennenzulernen, Ultrà von Ancona, Mitbegründer der „Mondiali Antirazzisti“, Aktivist der „Centri Sociali“ und Präsident der „Polispostiva Antirazzista Assata Shakur“, eines Vereins, der sich seit Jahren für die Inklusion von Migranten einsetzt. Ein eindrucksvoller Mann, 47 Jahre, bedächtige Stimme und präzise Ansprache. Es ging darum, irgendwie die Gelder für einen Minibus aufzutreiben, um die Nachwuchsspieler der Assata Shakur zu den Spielen zu bringen, deren Eltern das nicht können. Weil es Alkoholiker sind, Immigranten oder einfach Arbeitslose. Oder wie es Luca Pisapia im „Fatto Quotidiano“ ausdrückt:

Alessio Abram, politischer Aktivist der Polisportiva Assata Shakur, deren Ziel die Förderung des Breitensports in den Marken ist, und Mitorganisator der Mondiali Antirazzisti: alles Initiativen unter dem Siegel der Werte Gleichheit, Freiheit und Solidarität, die der Profisport seit langem vergessen hat, wenn er sie überhaupt jemals verfolgt hatte.

Am 15. November wurde Alessio von den Carabinieri in das Gefängnis Montacuto verbracht, wo er 4 Jahre absitzen muss. Präzise 4 Jahre, weil schon ein Tag weniger es erlaubt hätte, die Haftstrafe auszusetzen oder in Sozialdienste umzuwandeln. Summiert wurden die Strafen für die Nicht-Einhaltung des Stadionverbotes in den Jahren 2007, 2008 und 2009. Mit anderen Worten: Er war nicht zur Unterschrift auf der Polizeiwache erschienen. In Italien sind Stadionverbote oftmals an Unterschriftspflicht gebunden, man muss also während aller Spiele seines Vereins teils mehrmals auf der Polizeiwache erscheinen und per Unterschrift bestätigen, dass man nicht etwa im Stadion war. Das war Alessio nicht, unter anderem, weil er als Trainer bei seinem eigenen Team in der alleruntersten italienischen Spielklasse auf der Bank saß und nicht etwa im „Stadio del Conero“ in Ancona Angst und Schrecken verbreitete. Übermorgen, am 24.11., erscheint ein Buch über seine Geschichte „Un Calcio alle Sbarre“, „Ein Tritt gegen die Gitter“. Lara Ricciatti, Abgeordnete für die „Sinistra Ecologia Libertà“ äußerte sich im Rahmen einer Pressekonferenz wie folgt:

Wir werden uns nicht zur rechtlichen Bewertung äußern, aber wir fordern die Freilassung von Alessio, weil die wahre Ungerechtigkeit ist, einen wie ihn ins Gefängnis zu sperren, der immer schon im Sport und sozialen Fragen aktiv ist. Es muss klar sein, dass niemand Gewalt beim Fußball rechtfertigen will, aber machen wir uns klar, dass Alessio wegen fehlender Unterschriften einsitzt, während für Korruption und Hinterziehung verantwortliche Schlipsträger mit ihren Staranwälten keinen einzigen Tag absitzen müssen. Also wünschen wir uns, dass Alessio Weihnachten wieder zuhause ist.

2011, als Abram und seine Mitgründer den Sportverein anmelden wollten, stellten sich der Fußballverband FIGC und die Lega Dilettanti dagegen, weil „Assata Shakur“, eine Aktivistin der Black Panthers, in den USA als „Terroristin“ geführt würde. Seit 1984 lebt sie in politischem Asyl in Kuba. Als „Konlassata“ durfte der Verein, der neben den Fußballteams auch Martial Arts und Cricket anbietet, dann antreten. Eine der zahlreichen Aktivitäten ist der Kampf dafür, dass Vereine minderjährige Migranten überhaupt aufnehmen dürfen, um ihnen die Integration, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu erleichtern. Das alles zählt aber wenig, wenn man wegen solcher Aktivitäten nicht auf der Wache unterschreibt und so sitzt Alessio Abram seit mehr als einem Jahr hinter Gittern. Offenbar hält man den Präsidenten eines Amateurteams aus Migranten für so gefährlich, dass es ihm nicht einmal erlaubt wurde, für ein paar Stunden dem Geburtstag seines Sohnes beizuwohnen.

Und weil sich die italienische Rechtssprechung sehr viel um Strafen, aber wenig um Resozialisierung schert, ist Alessio auch nicht der Einzige. Am 19.10.2016 wurde ein 49-jähriger Vater von zwei Kindern, auch er Teil der Curva Nord Ancona, festgenommen. Wegen des selben Vergehens kommt er auf 9 Jahre und 8 Monate (plus 93.000 Euro Strafe). Zwischen 2007 und 2011 wurde er in den Hügeln um das Stadio del Conero gesehen, von wo aus er das Spiel seiner Mannschaft verfolgte. Zu Schaden kam auch hierbei niemand, aber trotzdem wird er für fast 10 Jahre in Montacuto einsitzen, wenn das Urteil Bestand hat. Bereits am 3. Februar 2016 wurde ein 30-jähriger Fan von Juve Stabia, zu 6 Jahren und 8 Monaten Haft und 32 Jahren Stadionverbot verurteilt; dazu 15.000 Euro Strafe für den Obdachlosen. Trotz der weitgehenden Ineffektivität der Unterschriftspflicht, Eintrittskarten für Fußballspiele sind in Italien namensgebunden, werden Saison für Saison über 5.000 Stadionverbote verhängt, von denen die Mehrzahl vor Gericht keinen Bestand hat.

Die Ultras von Ancona haben verschiedene Initiativen ins Leben gerufen, um diesen Fällen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Auf change.org kann man eine Petition unterschreiben, die fordert, den zuständigen Artikel 6 Absatz 6 des Gesetzes 401/89 abzuändern. Auf der Facebookseite „Affinché non accada più“ („Damit das nie wieder passiert“) werden Artikel verlinkt und Transparente aus Fußballstadien gesammelt. Denn der Appell wurde aufgegriffen und in den letzten Wochen tauchten in italienischen Fußballstadien – und in Siegen – dutzende Spruchbänder mit dem Text „NO ALLA RECLUSIONE PER MANCATA FIRMA“ („Nein zur Haftstrafe wegen fehlender Unterschrift“) auf. Ultras verschiedener politischer Färbungen und aus allen möglichen Spielklassen bezeugten bereits ihre Solidarität. Erst gestern Abend, beim Montagsspiel der Serie B, Trapani-Spal, wurde das Banner der Sizilianer mehrfach von Sky in die Wohnzimmer übertragen. Einfach, weil es in einem Land, in dem Korruption und Steuerhinterziehung Volkssport sind, in dem man Fußballspiele nur mit einem namensgebundenen Ticket betreten darf, absurd ist, Menschen für viele Jahre hinter Gitter zu stecken, weil sie zum Beispiel als Trainer ihre Mannschaft begleiten.

Abram hatte sein Stadionverbot und 4 Monate Hausarrest übrigens dafür erhalten, weil eine Gruppe Ultras von Ancona im Jahr 2006 den Mannschaftsbus blockierte. Das waren die Jahre von Ermanno Pieroni als Präsident von Ancona. Pieroni führte Ancona in den Bankrott und wurde unter anderem wegen gefälschter Bürgschaften, verkaufter Spiele, Schiedsrichterbestechung und Bilanzfälschung in Montacuto eingesperrt. Für 53 Tage.

NO ALLA RECLUSIONE PER MANCATA FIRMA!