Marco Masini

Marco Masini – perché l’ignoranza è la peggiore malattia

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Es gibt ein paar Themen, die man mit Italienern erst diskutieren sollte, wenn man sie gut genug kennt, um ein Fettnäpfchen toleriert zu bekommen. Eines davon ist der cantautore Marco Masini. Für den gibt es keinerlei Zwischentöne – er wird gehasst oder geliebt. Marco Masini: Dal Buio Die berwältigende Mehrheit besonders der männlichen Italiener kann mit Masini rein überhaupt nichts anfangen und auf eine dementsprechende Frage erhält man üblicherweise als Antwort: „Masini? Da kann ich mir ja gleich die Pulsadern aufschneiden.“ Demgegenüber steht eine kleine Gemeinde von Liebhabern, deren Verehrung des Florenzer Songwriters schon ins kultische reicht und die seine Konzerte als Messen zelebrieren. Schon der junge Masini, den im übrigen Walter Savelli, seines Zeichens Pianist von Claudio Baglioni, unter seine Fittiche nahm, wurde mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Songs von den Plattenverlagen als „weit entfernt von dem“ beschrieben wurde, „was die Menschen hören wollten“. Und wohl genau deshalb reihe ich mich lieber bei denen ein, die Masini für einen der ganz Großen halten. Masini singt, was ihn bewegt und nicht, was die Leute hören wollen – für die sind ja Laura Pausini und Eros Ramazotti da. Marco Masini: Caro Babbo Masini ist unangepasst geblieben, rückhaltlos penibel seinen Bauchnabel examinierend und seinen Seelenschmerz in die Welt hinausschreiend. Wenig von seinen Texten geht leicht ins Ohr und ebenso rückstandslos wieder hinaus. Einerseits besingt er die dunkle Seite der Liebe, die Einsamkeit, die Verzweiflung, den Schmerz, den Haß und die Gewalt, andererseits ist schon seine Themenauswahl weit entfernt von dem, was man als Radioware üblicherweise so vorgesetzt bekommt. „Caro Babbo“ ist ein verspäteter Brief an seinen Vater, mit dem ihn ein eher facettenreiches Verhältnis verbindet, in „Principessa“ wird in deutlichen Worten emotionale Gewalt des Vaters gegen seine Tochter geschildert („un padre senza l’anima che mangia un po‘ di sé/ e ha crocifisso l’angelo che c’era dentro te„), „Dal Buio“ beschreibt einen winzigen Augenblick eines blinden Bettlers, dem „aus der Dunkelheit“ ein Engel in Form einer Passantin an die Hand nimmt und über die Straße führt, „Frankenstein“ ist ein Monument von einem Song für einen Schulfreund, der todkrank im Hospital liegt. Marco Masini: Principessa Und selbst in seinem ureigenen Biotop, dem Liebeslied, gibt er den Verzweifelten seine Stimme, den Verletzten, Verlassenen, Schwachen und Einsamen. Und genau hier erklärt sich ja die Ablehnung vieler Italiener: viele seiner Songs beleuchten die Liebe aus einer Seite, die wir zwar vermutlich alle schon erlebt haben, die wir aber nur allzugern nicht zugeben wollen und an die wir im Zweifelsfall auch nicht so gern erinnert werden möchten. Er selbst drückte das im Konzert 2004 einmal so aus, dass „man entweder wählt, die Welt so zu beschreiben, wie man sie gern hätte oder so, wie sie in Wirklichkeit ist“. Und zu seiner Wirklichkeit gehört eben auch die dunkle Seite, wie eben: Marco Masini: Voglia di Morire Lasciaminonmilasciare ist der künstlerisch wertvolle Gegenentwurf zu Matthias Reims „Verdammt ich lieb dich“. Wo Reims Handwerkszeug bei der unglaublich einfallsreichen Zeile „ich lieb‘ dich, ich lieb‘ dich nicht“ streikt, entwirft Masini eine ganze Szene in einem angeranzten Hotel am Meer, die sich um nichts anderes dreht als das verzweifelte Hängen zwischen „verlass mich, verlass mich nicht“. Man kann das ganz offensichtlich auch ausdrücken, ohne einen platten Gassenhauer draus zu machen, sondern dieselbe Banalität auch in eine melancholische kleine Szene verlegen, die einen in ihrer Unmittelbarkeit dann umso mehr in die Magengrube trifft – heraufbeschworene Empathie in Höchstform. Und genau das ist Kunst – der Kampf, eine Sprache zu finden, seiner eigenen Innenwelt Ausdruck zu verleihen auf eine Art und Weise, zu der andere eine Beziehung finden können. Und dazu muss man weder wissen, wo Viareggio liegt noch Zigaretten rauchen – das inständige Flehen, ihn doch bitte zurückzulassen mit 3 Zigaretten ohne Streichhölzer ist einfach eine blitzsaubere Entsprechung des am Ende dutzendfach wiederholten lasciaminonmilasciare. Marco Masini: Lasciaminonmilasciare Natürlich bringt mich all dies nicht dazu, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Für mich ist Masini einer der größten Poeten, die Italien jemals hervorgebracht hat, was die Kraft seiner Bilder und die komplexe Struktur seiner Verse angeht. Ein durchaus eingängiges, fast zärtliches Piano steht oft im Gegensatz zur oft wütenden, rauhen Stimme ohne ins Kitschige abzugleiten – dafür sind seine Texte zu mehrdeutig, bildbeladen und komplex. Oft genug beziehen seine Worte ihre unmittelbare Wirkung aus seinem unbestreitbaren Talent, starke Metaphern für Grundgefühle der menschlichen Existenz zu finden und so vergleichsweise unmittelbar eine Beziehung zum aufmerksamen Hörer zu schaffen. Aber selbstverständlich muss man sich – für Italiener – erst einmal so weit auf Masini einlassen und – für Deutsche – der Sprache halbwegs mächtig sein. In jedem Fall, meine ich, lohnt sich eine Beschäftigung mit Masini ohne ihn gleich prophylaktisch in die Ecke der depressiven Schnulzensänger zu schieben – künstlerisch ist er darüber sowieso weit erhaben. Danach kann man ihn immer noch ablehnen, was man ihm nicht vorwerfen kann ist, dass er sich an irgendeiner Stelle verbiegt: Marco Masini: Vaffanculo Vaffanculo löste im katholisch-konservativen Italien einigen Wirbel aus, begründete aber auch seinen weltweiten Erfolg. Das Stück findet sich auf dem 1993er Album „T’innamorerai“ und wurde indiziert und äußerst aufgeregt diskutiert und ist als Stück noch heute jedem Italiener bekannt. Das Album wurde jedenfalls – wer hätte es vermutet – ein europaweiter Erfolg und so finden sich auch auf der 1995er Platte „Il Cielo della Vergine“ mit „Pricipessa“ („dolce figlia di un figlio di puttana„) und „Bella Stronza („mi verrebbe di strapparti quei vestiti da puttana/e tenerti a gambe aperte finché viene domattina„) ebenso explizite wie erfolgreiche Titel. Während er sich in Vaffanculo gegen die Verlogenheit der Musikindustrie und den Konformismus seiner Kollegen wendet, widmet sich „Bella Stronza“ durchaus ironisch und selbstreflektiert dem Spannungsfeld von weiblicher Schönheit und männlicher Selbstzerstörung. Nur eben mit Worten, die man in der Heimat der stundenlangen Schimpftiraden auf der Bühne nicht in den Mund nehmen darf. (Erwähnte ich schon, dass Masini seine Probleme mit Bigotterie hat?) Marco Masini: Bella Stronza Aber bevor der Eindruck entsteht, Marco Masini wäre nun wirklich ein durchgeknallter, sich selbst zwerfleischender Jammerpoet hier zum guten Schluss noch eine einfach schöne Ballade, die sich nichts anderem als einer verflossenen Sommerliebe widmet. Marco Masini: Ci vorrebbe il mare e per questo amore figlio di un’estate ci vorrebbe il sale per guarire le ferite dei sorrisi bianchi fra le labbra rosa a contare stelle mentre il cielo si riposa