Gruppo Opini Sansepolcro

Interview mit der Gruppo Oppini Sansepolcro

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Sommerpause, Hitze und so viel Positives gibt es nicht zu berichten aus Italien. Aber das wunderbare Interview, das die Freunde von SportPeople mit der „Gruppo Oppini“ geführt haben, kann und darf ich euch nicht vorenthalten. Die Leute folgen den Dukes San Sepolcro, einer Basketballmannschaft aus der einigermaßen deregulierten Amateurklasse CSI. Bäh Basket, bäh Amateure…und trotzdem steckt in diesem Interview mehr Ultrà als in allen aufgebrochenen Materialcontainern zusammengenommen. Viel Spaß!

Die erste Frage liegt vielleicht am Nächsten: Warum habt ihr euch entschieden, den Namen eurer Gruppe einem Mitglied der alten Cabaret-Truppe „I Gatti di Vicolo Miracoli“ zu widmen? Und vor allem, weiß Oppini davon? 1

Die Wahl von Oppini war aus unserer tiefen Liebe für den typischen Nonsense-Humor der „Gatti di Vicolo Miracoli“ und diese ganzen musikalischen, kulturellen und cineastischen Strömungen der prachtvollen 80er Jahre geboren. Oppini hat sich gegenüber den anderen durchgesetzt, weil er zu den hässlichsten gehörte, aber in Bezug auf Frauen trotzdem einer der besten Verführer seiner Zeit war. Dieser absurde Gegensatz hat uns dazu getrieben, in ihm unseren höchsten Ausdruck zu sehen.

Stand heute wissen wir nicht, ob Franco Oppini über unsere Existenz auf dem Laufenden ist oder nicht. Was wir aber unbedingt unterstreichen wollen ist, dass wir auf unseren Auswärtsfahrten- sowohl den sportlich motivierten als auch den der persönlichen Zerstreuung gewidmeten – Umberto Smaila und Jerry Calà kennen gelernt haben und sogar Pippo Franco umarmen durften. Leider geil!

Wie ist eigentlich die Idee entstanden, das Basketballteam von San Sepolcro organisiert zu unterstützen und mit welchem Stil?

Das alles hat einfach damit begonnen, dass drei von uns angefangen haben, das lokale Basketball-Amateurteam zu besuchen, wo einer unserer besten Freunde spielte und auch bis heute spielt. Ziemlich bald kam es zu ziemlich leidenschaftlichen Verhaltensauffälligkeiten, die schon nach wenigen Spielen in einen Ansatz einer Struktur mündeten, die einzig und allein auf lautstarkem Blödsinn und verwirrter Folklore unterster Schublade fußte.

Erst nach dem ersten Jahr unserer Existenz ergab sich die generelle Notwendigkeit, dem Ganzen einen ästhetischen und ideologischen Rahmen reiner Ultrà-Kultur zu geben – wobei der grundsätzlich dementielle Grundkonsens natürlich weitergeführt wurde. Nur eine Anmerkung: Die Mannschaft besteht aus Spielern, die in verschiedenen Gemeinden des Valtiberina Toscana leben; genau so haben in der Gruppo Oppini im Laufe ihrer Geschichte die wenigen Jugendlichen mit einem Ultrà-Ideal aus dem Valtiberina Platz gefunden, die genau wie die anderen Mitglieder, die die ungeschriebenen Regeln der Ultràs respektieren, auch wenn sie selbst keine anderen Kurvenerfahrungen mitbrachten.

Wenn man sich eure Facebook-Seite anschaut, finden sich da einige alberne Heldentaten, wie in die Kurve gebrachte Schlauchboote und Schwimmflügel oder als Zylinder getragene Leitkegel. Welcher Quatsch war euer bester in diesen Jahren?

Wir lassen jetzt mal weg, wie wir aus dem fahrenden Bus gepinkelt, wie wir aus einem privaten Garten eine Kinderrutsche geklaut haben oder nach dem Spiel einfach in der Halle geblieben sind und unterstreichen: Sprechchöre in der Tonlage einer verrosteten Motorsäge; nackt oder nur in Unterhosen zum Spiel zu gehen war ebenso völlig normal wie das Abbrennen von Bengalos und Rauchbomben in irgendwelchen viertklassigen Sporthallen. Während eines Auswärtsspiels in Terni haben wir der gegnerischen Mannschaft die Pimmel entgegengehalten, als einer von deren Spielern uns – ohne näher ranzukommen – beschimpft und uns nahegelegt hat, die Schwänze in den Unterhosen zu behalten. Beim Rückspiel haben wir sie mit einer Choreographie empfangen, die einen 30 Meter langen Penis mit der Aufschrift „Da ist er wieder!“ zeigte und darunter vom Transpi „Den tragen wir wo wir wollen!“ unterstützt wurde. Kleines Detail: Der aus Papier gemachte Spermaspritzer war groß wie ein Auto und trug den Text „Forza Dukes“.

Während der Finalspiele in Norcia ist dann alles Mögliche passiert, von in der örtlichen Kneipe abgebrannten Bengalos bis zum aus den Fenstern der Herberge zu pinkeln, in der wir genächtigt hatten. Zur Erinnerung gehört auch unser Besuch mit Rucksack in den örtlichen Schulen, wo wir uns als Grundschüler ausgaben. Das natürlich erst nach einer Nacht animalischen Schwachsinns, während der wir Romano Regoli kennengelernt und für zwei Tage festgehalten haben. Wir grüßen ihn übrigens.

Vergessen sollten wir auch nicht unseren Besuch im Night Club in Begleitung der ältesten Damen des Etablissements oder wie wir anlässlich der überregionalen Finals in Teramo ohne zu bezahlen im Hotel nächtigten, im spektakulären Pala Scapriano. 2

Wie würdet ihr in wenigen Zeilen euren Doppelhalter „Einsame Männer“ beschreiben?

Vor allem anderen müssen wir sagen, dass uns dieser Doppelhalter am besten repräsentiert, er ist auswärts und zuhause immer dabei. In allen Kurven finden sich kleine Fahnen mit philosophischen Konzepten oder Kerngedanken der Gruppen, die sich an der Welt der Musik, der bildenden Kunst oder dem Kino orientieren. „Einsame Männer“ („Uomini soli“) ist die CD, der Satz, die uns am besten beschreiben. Denn am Ende sind wir, abgesehen von der Familie, alle allein, Junggesellen, Abgelehnte, schlecht Angesehene und Gemiedene.

Wie organisiert ihr euren Support auf Auswärtsfahrten oder Daheim? Erzählt uns mal von einer normalen Auswärtsfahrt.

Mit Ausnahme des ersten Jahres, in dem wir uns erst gefunden haben, sind wir bei allen Spielen dabei, Zuhause genau wie Auswärts. Manchmal waren wir nur 1-2 Leute, wie z.B. bei den nationalen Endspielen in Salsomaggiore, aber unsere Zaunfahne war überall dabei, wo die Dukes auf dem Platz standen.

Normalerweise bewegen wir uns im Auto, es gab aber auch Auswärtstouren im Lieferwagen. Der Höhepunkt der Saison 2012 war eine mit dem Bus organisierte Fahrt, wo uns der Fahrer natürlich schon kurz nach der Abfahrt rausschmeißen wollte. Unsere Auswärtsspiele finden unter der Woche in irgendwelchen oft leeren Provinzsporthallen in der Taiga statt. Wir treffen uns, jeder mit seinen ganz eigenen Problemen, am Ende beschämender Tage immer an derselben, ewig geschlossenen Tankstelle. Die Fahrt wird ausschließlich von den Tönen von Radio Delta untermalt, wir erreichen die oben beschriebenen desolaten Orten am Arsch der Welt und bringen unsere Sprechchöre mit, die die ohrenbetäubende Stille der Provinz zerreißen. Und wenn wir in der Nähe von Perugia spielen, lassen wir uns von niemandem unsere Runde mit den Transsexuellen nehmen. Die Rückfahrt wird nur unterbrochen durch eine sinnlose Pause an der Autobahnraststätte auf Basis von Alkohol, Videopoker und Algida-Eis.

Hattet ihr Begegnungen mit anderen Gruppen? Sind dabei Freundschaften oder Rivalitäten entstanden?

Hinter den Amateurteams, auf die wir bisher getroffen sind, haben wir noch nie irgendwelchen organisierten Support gesehen. Es kann passieren, dass sich irgendwo das ganze Dorf aufmacht, nur um sich unserer Anwesenheit entgegenzustellen, das sind dann aber meist einsame Frauen, Rentner in Trainingsanzügen und die Verwandten der Spieler. In einer Sporthalle einer Universität gab es einmal Momente der Spannung, weil uns die Studenten provoziert haben, aber wir haben sie dann mit Tritten wieder in ihre Zimmer verfrachtet. Die wirklichen „Auseinandersetzungen“ unserer 5 Jahre waren die mit der Ignoranz und Intoleranz der normalen Leute gegenüber der Welt der Ultràs. Man muss da nur an Norcia denken, wo zwei von uns nur deshalb angezeigt wurden, weil sie in Unterhosen waren. Wegen Nacktheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Es gab schon immer einen großen Unterschied zwischen dem Support beim Fußball und beim Basket: Diese Verschiedenheiten sind mit Sicherheit entstanden, als sich im Fußball die irrwitzige Repression ausgebreitet hat. Gibt es bei euch jemanden mit einer Vergangenheit als Ultrà beim Fußball und falls ja, warum hat er sich entschieden, die Stadien für Basketballhallen aufzugeben?

Es ist völlig klar, dass alles was wir getan haben, inklusive der extremeren Verhaltensweisen, nur deshalb möglich war, weil es in den Amateurligen keine irgendwie geartete Form von Kontrolle gibt. Ein paar von uns haben Fußballkurven besucht oder machen das auch heute noch und haben auf ihrer eigenen Haut das antikonstitutionelle Mittel des Stadionverbots erlitten.

Niemand von uns hat andere Erfahrungen als Ultrà im Basketball außerhalb der Gruppo Oppini. Jeder von uns hat seine Vorlieben, was den organisierten Support in den oberen Ligen angeht, es gibt da aber keinen roten Faden für alle. Mehr als uns an irgendwelchen Kurven zu orientieren haben wir versucht, in der Gruppo Oppini das Beste von dem zu übersetzen, was uns in den Fußball-Ultràgruppen beigebracht wurde: wir hatten nie einen Kontakt mit der Vereinsführung der Dukes (obwohl Amateure) und wir haben niemals irgendwelches Geld für Doppelhalter, Fahnen oder Transpis erhalten. Unser Material produzieren wir immer limitiert für die Mitglieder der Gruppe. Unser einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Facebook-Profil, wobei wir natürlich hier selbst entscheiden, mit wem wir interagieren.

Was bedeutet das Gruppenleben für euch?

Das ist nun mit Sicherheit die schwierigste Frage. Auch wenn die Gruppo Oppini aus einer Gruppe von Freunden außerhalb der Welt des Basketballs gegründet wurde, gab es im Laufe der Zeit jede Menge Änderungen. Die Freundschaften bleiben mehr oder weniger unverändert oder jedenfalls lebt sie jeder so intensiv, wie es ihm passt. Aber die Mitgliederzahl der Gruppe schwankt mit den jeweiligen Ereignissen: ein harter Kern hat den Grundstein gelegt und die Gruppe über die Zeit zusammen gehalten. Manche haben wegen persönlicher Gründe aufgehört, andere sind später erst dazugestoßen aber bis jetzt dann dabei geblieben, wieder andere haben nur als Mode am Gruppenleben teilgenommen, in den sportlich erfolgreichen Zeiten. Und zu guter letzt gibt es, gab es und wird es da immer noch diese Persönlichkeiten am Rande des Mythos geben, die die Gruppe in aller Stille immer unterstützen.

Was ist denn der Unterschied, auch für euch als Fans, zwischen einem von der Lega Basket organisierten Wettbewerb und dem, wo San Sepolcro seine Spiele austrägt, der CSI?

Wir haben zwar noch nie Profiligen besucht, aber ich glaube nicht, dass in diesen Ligen jemals Fahnen mit „Zumba = AIDS“ oder „Fiorito libero“ aufgetaucht sind. Ebenfalls können wir uns nicht vorstellen, dass dort jemand seinen Schlüpfer auf die gegnerische Auswechselbank geworfen hat. Wie wir oben schon gesagt haben, unsere Wirklichkeit ist in allen Aspekten die der Amateure und wir haben auch keine Ahnung vom Support in den Ligen der Lega Basket.

Zum Schluss ein paar freie Gedanken ohne Zensur…

Einmal haben wir aus Frust über eine Niederlage in einer Halle den Strom abgeschaltet. Die Spieler, inklusive unserer eigenen, waren da unter der Dusche…

Wir halten das Umkippen von Mülltonnen in jedem Fall für richtig.

Wir betrachten den Raub von Kupferkabeln wohlwollend.

Wir haben eine Obsession für Nicola Pierantoni, besser bekannt als Dee Jay Pek.

Unsere Sexualität ist dermaßen doppeldeutig, dass bei einem Spiel einer von uns im Ballettkostüm seiner großen Schwester aufgetaucht ist.

Unsere verbliebenen Hoffnungen für die Zukunft liegen einzig und allein in Rubbellosen.

Wir möchten an dieser Stelle auch unsere Stimme erheben gegen die ständige Verschärfung der Gesetze gegen Stalking. Es wäre besser, diejenigen zu verfolgen, die sich noch lieben.

Ein Gruß an Meister Mazza und Moira Orfei. 3

Wir können nicht wissen, ob die Gruppo Oppini fortdauern wird, gerade dieses Jahr sind wir sehr wenige. Aber eins ist klar: vor uns hat es niemals jemals etwas ähnliches gegeben in diesem vergessenen Flecken Italiens.

Der Charakter der Gruppo Oppini lebt in der Einzigartigkeit seiner Mitglieder: Sozialfälle!

Danke für euer Interesse an einer Realität wie der unseren. Es ist eine Ehre und ein Vergnügen, uns euch mitzuteilen.

  1. Eine Musik- und Cabaret-Gruppe aus Verona, 1970-85
  2. Das ist natürlich eine Basketballhalle
  3. Ein Zirkus