San Siro

Interview mit Alex Frosio, Gazzetta dello Sport

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Damit ich mich nicht nur selbst damit abtun muss, den italienischen Fußball schlechtzureden, habe ich mit den Kollegen von DiaVoltaire exklusiv den Journalisten der Gazzetta dello Sport Alex Frosio zum Zustand des italienischen Fußballs allgemein und von Milan im Besonderen interviewt. Herausgekommen sind Antworten, die deutlich über das hinaus gehen, was in der Gazzetta sonst so veröffentlicht wird. Eine schöne, tiefgründige und interessante Bestandsaufnahme del „calcio italiano“, der Jugendausbildung, seiner Finanzen und sportlichen Potenziale. Hier das Interview auf deutsch:


Ciao Alex, beginnen wir mit der Finanzfrage: die großen englischen, spanischen und deutschen Mannschaften haben den Umsatz verdoppelt, wenn nicht verdreifacht, während wir uns in Italien bei 20-30% bewegen. Welche Erklärung hast Du?

Der Umsatz hängt zuallererst von den Fernsehrechten ab. In England haben wir gerade einen Abschluss erlebt, die nicht nur die „Bigs“, sondern auch die Teams der unteren Tabellenhälfte in Pfund Sterling ertränkt. Der Unterschied zu unseren Verträgen ist riesig. Außerdem fällt auf, dass man im Ausland funktionierende Geschäftsmodelle entwickelt hat, in Italien ist das nie passiert. Wenn man über vereinseigene Stadien oder Marketing spricht, meint man das: die Steigerung des Umsatzes eines Fußballclubs. Nehmen wir Juventus, ein passendes Beispiel: obwohl deren Stadion nicht besonders groß ist, ist es immer voll. Das erlaubt dir, die Preise zu erhöhen – ein häßlicher Gedankengang, was die Fans angeht, das ist mir klar, der aber unter die oben genannten Strategien fallen kann. Ein anderer Unterschied betrifft den Appeal der einzelnen Ligen: Wenn die englischen Mannschaften mehr Trikots verkaufen als die italienischen, hängt das auch von der auf dem Platz gebotenen Qualität ab, man muss sich nur mal anschauen, wie die spielen…

Wie lange kann Italien noch ernsthafte Ambitionen aufrecht erhalten, ohne in voller Anzahl an den europäischen Wettbewerben teilzunehmen, wenn man sich die Umsatzeinbrüche anschaut?

An diesem Punkt muss man unterscheiden, es läuft ja nicht der Umsatz auf den Platz, ansonsten wäre Atletico Madrid, die dreimal geringere Einnahmen haben als Real nie ins Champions-League-Finale eingezogen. Daraus folgt, dass die Mannschaft nur eine Seite ist, die andere die Arbeit des Vereins. Wenn du eine Mannschaft aus jungen, entwicklungsfähigen Spielern aufbaust, wenn du dir einen guten Trainer holst, der sie führen kann und du wirklich an dein Projekt glaubst, dann ändert sich einiges. Auch weil ich ja nun nicht sagen will, dass man mit einem Fußballergehalt hier Probleme hat, das Monatsende zu erreichen, denn so ist es nicht.

Aus den Medien entnehmen wir die Nachricht, der AC Milan hätte kein Geld. Aber der Umsatz liegt über 200 Millionen. Es ist dann allerdings auch wahr, dass das Team die zweithöchsten Betriebskosten hat, also die Summe der Spielergehälter, wegen derer man keine Gelder für einen ernsthaften Transfermarkt übrig hat. Also weshalb nennt man den geschäftsführenden Verwaltungsrat der Rotschwarzen, Adriano Galliani, „König des Transfermarkts“, anstatt die schlechte Arbeit der letzten Jahre zu unterstreichen?

Ich persönlich habe ihn nie so genannt. Für mich war Gallianis größter Fehler – ein Ämteranhäufler, der gern alle Fäden selbst in der Hand hält – der, sich nicht mit einer organisatorischen Struktur zu umgeben, die ihn in seiner Arbeit unterstützt. Ein Beispiel: Es fehlt ein linker Außenverteidiger? Galliani vertraut sich seinem Netz aus Freundschaften an, mit denen er Geschäfte macht und fragt, ob ihm jemand einen gibt. In Wirklichkeit hat er schon immer so gearbeitet, aber in der Vergangenheit hatte er mehr Geld zur Verfügung, heute ist die Auswahl natürlich begrenzt. Meiner Meinung nach müsste sich ein großer Club hingegen so verhalten: Du hast eine Teamstruktur, in der ein linker Außenverteidiger fehlt, also machst du eine Liste mit 10 Spielerprofilen. Dann gehst du zum ersten in der Liste und wenn er aus irgendeinem Grund nicht kommen kann, dann gehst du zum zweiten, dann zum dritten usw. Will heißen, dass der Transfermarkt aufgrund von Kriterien geschehen muss, die der Verein festlegt und nicht auf der Basis der Angebote, die mir vorliegen. Und dass Milan das nicht so macht, halte ich für einen großen Fehler.

Was hältst Du von Third Party Ownerships? Findest Du die Entscheidung der FIFA richtig, diese Spielerbeteiligungen Dritter zu verbieten, obwohl im italienischen Fußball wenig frisches Geld zur Verfügung steht?

Sie sind das absolut Böse. Und ja, die FIFA hat mit dem Verbot eine hervorragende Entscheidung getroffen. Auch wenn man sehen muss, in wie weit das durchsetzbar ist, weil ich denke, dass es schon zu spät ist. Das sind Metastasen, die sich unterschwellig aus Südamerika schon bis nach Europa ausgebreitet haben, Italien inklusive. Ich denke da wirklich an alles vorstellbar Schlechte, obwohl einige behaupten, dass Atletico Madrid nur mit Hilfe dieser Beteiligungsgesellschaften das letztjährige Champions-League-Finale erreicht hat.

Der italienische Jugendspielbetrieb scheint in der Krise. Alles ist auf den Faktor Athletik ausgelegt, zu Ungunsten der technisch-taktischen Ausbildung. Siehst Du das genau so?

Nein, aber man arbeitet wenig an der individuellen Technik, man kümmert sich zu wenig um die Entwicklung des Einzelnen. Und das ist ein Problem, denn die Jugendmannschaften sind nicht dafür da, das „Torneo di Viareggio“ zu gewinnen, sondern Jugendliche für die erste Mannschaft auszubilden.

Nehmen wir die Defensivphase: Bis vor ein paar Jahren galt die italienische Verteidigerschule als eine der besten der Welt. Heute scheint es einem Teil der Jugendspieler, die in die erste Mannschaft rücken, bereits an den Grundlagen zu fehlen: Deckung, Defensivbewegungen, etc. Glaubst du an diese Rückentwicklung und wenn ja, worauf basiert sie?

Die italienische Verteidigungsphilosophie ist immer noch gültig und sie wird auch sehr gut umgesetzt. Das Problem ist, dass man sich nur noch auf sie konzentriert. In den Kinder- und Jugendmannschaften arbeitet man viel an Taktik, z.B. der Aufstellung, und vernachlässigt die individuellen Fähigkeiten des Verteidigers. Nur wenige Clubs arbeiten gut im Jugendsektor, vor allem Roma und Atalanta, die den einzelnen Spieler schon ab der Kindheit sehr genau begleiten. Und hier greife ich den Satz von Arrigo Sacchi auf, der sich im Ton vergriffen hat1, aber nicht in der Substanz: ausländische Spieler kannst du nicht mit 12-13 Jahren holen, weil das verboten ist. Wenn du sie aber mit 18 kaufst, kannst du sie kaum mehr gezielt entwickeln und die Basisarbeit verrichten, die ihnen fehlt. Natürlich kann ein Spieler sich immer verbessern, aber hier geht es dann um die Anpassungsfähigkeit und den Willen des Spielers selbst und nicht alle haben diese Zutaten.

Glaubst du nicht, dass die derzeitige Klasse der italienischen Fußballchefs ersetzt werden sollte?

Ja, absolut. Die kannst du keinem mehr anbieten. Wir haben Tavecchio, der auf internationalem Level gesperrt ist, Lotito dessen Gedanken wir alle kennen2, den Nationaltrainer, dessen sportliche Kompetenz sicher unangreifbar ist, der aber wegen unterlassener Anzeige von Sportbetrug bereits verurteilt ist und gegen den jetzt wegen Sportbetrugs selbst ermittelt wird. Eine Führung des Fußballverbandes, die keine klare Meinung vertritt. Die Realität sieht leider so aus.

Wie Du weißt, hat Milan sein Projekt für ein neues Stadion vorgestellt. Für die Umsetzung braucht es einen großen Sponsor. Wer könnte das sein? Und vor allem: Welche Aussichten bestehen, dass das Stadionprojekt auch umgesetzt wird?

Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1:4 oder 1:5. Zu den möglichen Sponsoren habe ich keine Ahnung. Aber mit Sicherheit muss gesagt werden, dass neben der Fremdfinanzierung auch der AC Milan selbst viel investieren muss.

Kannst Du uns in Prozenten benennen, wie sich bei Milan die Verantwortung für die derzeitige Misere zwischen Verein und aktuellem Trainer aufteilen?

Ich würde 50% Verein sagen. Sie haben Inzaghi gewollt, nicht er hat darum gebeten. Also natürlich kann er auch um den Job gebeten haben, aber auch ich kann darum bitten, für Milan zu spielen, sie würden mir das nur nie gestatten. Das vorangestellt, hat aber auch Inzaghi seinen Anteil. Es ist offensichtlich, dass er sich in eine Situation begeben hat, die ihm über den Kopf wächst, geben wir ihm 25% Schuld. Die restlichen 25% liegen bei den Spielern, die ihr Können dem Coach zur Verfügung stellen müssen und nicht alle tun das. Eine Sache ist es, Gattuso, Nesta und Thiago Silva in der Mannschaft zu haben, die Vollprofis sind. Eine andere Sache ist, diese Leute nicht zu haben. Inzaghi hat völlig den Kompass verloren, das merkt man auch daran, wie er auf Spielsituationen reagiert.

Auf welchen Grundlagen kann Milan aufbauen?

Eh…nicht einfach. Ganz ehrlich fällt mir im Moment gar nichts ein. Sagen wir, dass Spieler wie Diego Lopéz, Bonaventura und Destro – ein großartiger Einkauf – Teil eines wettbewerbsfähigen Milan sein können. Auch die Arbeit von Filippo Galli in den Jugendmannschaften ist mit Sicherheit der richtige Weg. Das kann dann gut oder schlecht laufen, aber der Weg ist der richtige.

  1. Er bezieht sich auf die kürzlich getätigten Aussagen von Milans Ex-Startrainer Sacchi, demzufolge in den italienischen Jugendmannschaften „zu viele Ausländer“ spielen würden.
  2. Von Lazios President und Reformbeauftragten des Fußballverbandes FIGC (!) Claudio Lotito wurde letzte Woche ein Telefonat mitgeschnitten und veröffentlicht, in dem er u.a. kundtut, dass er in der Liga das Kommando hätte und seiner Meinung nach Vereine wie Carpi in der Serie A „der Untergang“ wären.