Kevin Prince Boateng

Bang Bang Boateng

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Gestern abend gab Sat1 dem deutschen Fernsehpublikum die Möglichkeit, ein Tor von Kevin Prince Boateng zu bewundern. Boateng, der “Ghetto-Boy”, der mit seinem Foul gegen Ballack das deutsche Sommermärchen ermöglichte. Der böse Bruder von Jérôme. Gegen den die Bildzeitung eine ganze Nation in Stellung brachte. Gegen den sich dutzende Gruppen in sozialen Netzwerken zusammenschlossen. Gegen den, auf der Empörungswelle reitend, der Mobilfunkanbieter Fonic eine Werbung schaltete. Der mit Patrick Ebert in Wilmersdorf des nächtens Autospiegel abgetreten haben soll. Kurzum, der böse, dreckige, verschlagene, brutale, dunkelhäutige Unterschichtengossenkicker, an dem sich der gerechte Volkszorn einmal so richtig befreiend abreagieren durfte. Der “nicht richtige” Deutsche, der den richtigen deutschen Spielführer verletzt hatte. Genüßlich wurden Details aus dem Familienleben der Brüder Boateng ausgebreitet und der alle zwei Jahre schwarzotgülden gewandete Fan hatte ein veritables Feindbild gewonnen, der von der Wirtschaftskrise bis zum schlechten Wetter für jegliche Missstände zur Verantwortung gezogen werden konnte.

Gestern nun zur besten Sendezeit hüpfte der Bad Boy des Fußballs in der 15. Spielminute aus dem kollektiven Vorbehalt, nahm einen von Nocerino über die Londoner Abwehr gechipten Ball mit der Brust an und knallte ihn von halbrechts aus der Drehung über den verdutzten Torhüter unter die Latte, dass es in Fußballdeutschlands Wohnstuben nur so schepperte, sich der englische Kommentator vor lauter Begeisterung gar nicht mehr erholen konnte und dem Sat1-Kommentator das obligatorische “Catenaccio” im Halse stecken blieb. Am Ende stand es 4:0 für die Rossoneri und der erst kurz vor dem Spiel blitzgenesene Boateng holte sich bei seiner Auswechslung den stehenden Applaus des rot-schwarzen Heimpublikums ab.

Ich hatte die Geschicke des 1987 in Berlin geborenen Spielers seit seiner Zeit bei Hertha BSC verfolgt und war zumindest neugierig, als er im Sommer 2010 von Portsmouth zum AC Milan wechselte. Die hatten zwar seinerzeit mit Gattuso noch einen einsatzfähigen Buhmann, allerdings bewies das Team “mit den grauen Schläfen” seit dem letzten Champion’s League-Sieg regelmäßig, dass eine Infusion an Lebendigkeit und gesunder Aggressivität den satten älteren Herren womöglich fehlte. Der “Arschloch-Faktor” war ja bereits durch die Verpflichtungen von van Bommel, Ibrahimovic und Robinho in ungeahnte Höhen verschoben worden. Und weil dem sportlich chronisch unbefriedigten Milan-Fan nicht nur jeder Wechsel eines unter 30-jährigen recht war, sondern er auch keinerlei Ahnung davon hatte, dass die deutsche Medienwelt den jungen Mann immer noch für den Staatsfeind Nummer 1 hielt, wurde der “Prince” zumindest ohne weitere Vorurteile aufgenommen. Um kurz darauf gegen Bologna eine kleine Kostprobe seines Torriechers abzugeben:

Um bereits nach ganz wenigen Spielen die Charts der Trikotverkäufe anzuführen (vor Spielern wie Ibrahimovic, Pato, Gattuso oder Inzaghi wohlgemerkt). Denn selten hat sich ein Milan-Einkauf in der jüngeren Vergangenheit in so kurzer Zeit dermaßen ausgezahlt. Es ist sicherlich auch Trainer Allegri zu verdanken, der aus der taktischen Anarchie des Energiebündels eine Tugend machte und Boateng auf der “Trequartista”-Position hinter den beiden Spitzen aufstellte. Hier hatte er die Freiheit, sich über die gesamte Angriffsbreite zu verschieben und mit Vorstößen in den Strafraum die Zuspiele Zlatan Ibrahimovics zu nutzen. Aber die eigentliche Idee war, das alternde und notorisch langsame Mailänder Mittelfeld zu entlasten, indem Boateng bei Ballverlust bereits an der gegenerischen Strafraumgrenze den Ballführenden unter Druck setzte. Tore waren in dieser Idee gar nicht vorgesehen, aber die Tatsache, dass die Milan-Fans vom gestrigen Treffer nicht mehr weiter überrascht waren, liegt an Toren wie diesem gegen den historischen Rivalen Juventus:

Der eine oder andere mag auch dieses technische Kabinettstückchen gegen Barca mitbekommen haben, als er mit einem feinen Hackentrick Abidal vorführte und den Ball mit einer Wut auf den kurzen Pfosten knallte, gegen die kein Torhüter der Welt eine Chance gehabt hätte.

Derlei Torschüsse sind allein schon lebender Beweis, dass der Berliner Junge wohl doch nicht allein als rüpelnder Knochenbrecher zu beschreiben ist, sondern durchaus einen feinen Fuß sein eigen nennt. Was ihn allerdings in nur 3 Spielen zum Publikumsliebling machte (und dafür sorgte, dass er gestern gegen Arsenal nach einmonatiger Verletzungspause und 2 Trainingseinheiten sofort in die Stammelf rückte), ist seine einmalige Verbindung von Physis, Kaltschnäuzigkeit und absolutem Siegeswillen. In diesem AC Milan der künstlerisch begabten Florettfechter stellt KPB nämlich “la variabile impazzita” dar, die unberechenbare Größe, die mit langen Laufwegen, körperlicher Robustheit und einem feinen Schuss aus der Distanz es als einziger vermag, sich das Team unter die Arme zu klemmen und zum Sieg zu treiben. Kraft einer Persönlichkeit, die bislang jegliche Kritik an sich abtropfen lässt und einem Selbstbewusstsein, das als einzige Erklärung für eine Niederlage nur gelten lässt, dass man den Sieg nicht stark genug gewollt hatte. Völlig egal, ob einem das katalanische Starorchester gegenübersteht oder der bemitleidenswerte Torhüter von Bate Borisov:

Endgültig in die Herzen der Fans und sozialen Netzwerke spielte sich Boateng mit einem Ausweis seiner Klasse am 23.10.2011, dem 8. Spieltag der aktuellen Saison. Milan lag beim Tabellenletzten Lecce nach einer der grottigsten ersten Halbzeiten der Nachkriegsgeschichte ebenso verdient wie überraschend mit 0:3 zurück und niemand hätte auch nur eine Drachme auf ein Comeback der Titelverteidiger aus Norditalien gesetzt. Boateng war auf der Bank geschont worden, die 11 auf dem Platz überboten sich derweil mit einer Mischung aus Unkonzentriertheit und Einsatzverweigerung darin, den Gelb-Roten aus dem Salento ein sattes Erfolgserlebnis im Abstiegskampf zu verschaffen. Das folgende Video fasst ab Minute 2:11 sämtliche Qualitäten Boatengs zusammen: unbändiger Siegeswille verbunden mit einer guten Dosis fußballerischer Wut und einem Sahnehäubchen an Schusstechnik. Innerhalb einer Viertelstunde glich der Deutsch-Ghanaer das Spiel praktisch im Alleingang aus, nachdem er bereits 40 Sekunden nach seiner Einwechslung den Lecce-Torhüter mit einem Fernschuss unter die Latte bereits zur Parade zwang und kurz darauf den Pfosten nur knapp verfehlte.

Natürlich ist Boateng kein Lionel Messi und spricht daher eher diejenigen an, die Graciano Rocchigiani statt “Sir” Henry Maske bevorzugen. Aber der Werdegang von Kevin Prince Boateng beim AC Milan ist ein schönes Beispiel dafür, dass rassistische Vorurteile und dumme Gemeinplätze selbst dann nicht stimmen, wenn der Boulevard solche Beleidigungen hoffähig macht. Mir fallen auf Anhieb ungefähr 18 Bundesligamannschaften ein, bei denen KPB es auf aus dem Stand zum Stammspieler schaffen würde und die dann wohl auch ein paar Punkte mehr auf dem Konto hätten. Ich persönlich bin froh, dass der Mann auch aufgrund der Hetzkampagne letztlich bei meinem Team gelandet ist – mir persönlich ist es nämlich egal, welche Hautfarbe jemand hat und in welchem Stadtteil er aufgewachsen ist. Und Ballack…tja Ballack…

Wer jetzt Lust hat, sich von alten Vorurteilen zu befreien, dem sei dieser großartige Artikel über Kevin Prince Boateng aus der “Zeit” ans Herz gelegt. Anita Blasbergs wunderbare Analyse (mit Dank an Jonas Gabler) stammt aus dem Mai 2010, also vor Boatengs Zeit bei Milan – nimmt aber seine endgültige sportliche Krönung bei den Rot-Schwarzen aus Mailand bereits vorweg.

Nachtrag: Zu seinem heutigen (6.3.) Geburtstag hier nochmal alle 11 Tore: