Nein, nicht wir, Hertha BSC holt die Meisterschaft. Ich bin ja gerade in Berlin, um dem aufkeimenden italienischen Frühling genauso wie der Serie A-Tristesse zu entfliehen und was bot sich da mehr an, als nach ziemlich genau 10 Jahren endlich mal wieder ein Spiel der Hertha im Berliner Olympiastadion zu sehen. Mister Cali, auch er Ex-Hardcore-Herthaner vom MFB, hatte mir ja Wunderdinge von der “neuen” Hertha-Kurve berichtet und das wollte ich natürlich auch selbst begutachten.
Und was soll ich sagen, die Stimmung beim Spiel gegen Leverkusen war in der Tat beeindruckend. Gut, vielleicht nicht so beeindruckend wie die Curva Sud in ihren besseren Zeiten, aber für jemanden, der seine Hertha-Erfahrungen in den 90er Jahren gesammelt hat, eine echte Offenbarung. Wir hatten Karten für den Oberring in der Westkurve, aber natürlich war die Ostkurve unser Ziel. Für den Preis eines Bechers Glühwein stellte uns ein Züricher Rollstuhlfahrer den anwesenden Ordnern als seine Begleiter vor und so hatten wir allerbesten Überblick auf das Spielgeschehen und – von oben – auf den feiernden Mob.
Und hier muss ich die Herthaner rund um die Harlekins mal ausgiebig loben. 90 Minuten Dauersupport, Doppelhalter, Fahnenschwenker – doch doch, richtig gute Stimmung. Mag sein, dass die lange Serie von Heimspielen nicht nur für eine dann doch überraschende Tabellenführung sondern auch für ein Stimmungshoch sorgte, aber die bunte und laute Kurve sorgte bei uns “alten Kämpen” durchaus für Nostalgie und Freude über die “Jungen”. Herthas Kurve braucht sich im Moment in der Bundesliga überhaupt nicht zu verstecken. Was mich als Milan-Dauerkarteninhaber aber besonders beeindruckte, war die Party nach dem Spiel. Milans Superstars winken ja maximal vom Mittelkreis in die Kurve und so war es besonders beeindruckend, wie sich das Hertha-Team nach dem Spiel und verdienter Ehrenrunde vor die Kurve setzte und sich eine knappe halbe Stunde feiern ließ. Gesänge für die einzelnen Spieler, Klassiker wie “Uffta” und “Nur nach Hause”, internationale Ultra-Klassiker, eine Ansprache von Simunic, der Hit “Was geht ab” – Gänsehaut, doch doch.
Und irgendwie sind es wohl wir alten, die auf die Euphoriebremse treten, weil wir uns “Hertha” und “Meisterschaft” einfach nicht in einem Satz denken können. Die vielen hochgehaltenen Schalen in der Ostkurve sprechen dafür, dass die Masse sich offensichtlich leichter mit dem Gedanken anfreunden kann. Und natürlich, Hertha hat nach dem gestrigen Spieltag 4 Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten und so völlig abwegig ist der Gedanke ja vielleicht doch nicht. Vor allem mit diesem beeindruckenden Voronin, der technisch beschlagen, physisch robust, schnell, ausdauernd und mannschaftsdienlich die Mannschaft nach vorne treibt. Ein Spieler, der sowohl auf den Außenbahnen als auch zentral absolut spielentscheidend ist (und sich folgerichtig qua Doppelpass die Torchancen teils selber vorlegt).
Die Fans haben sich die Meisterschaft verdient und die Mannschaft setzt um, was der schweizer Feingeist an der Spitze vorgibt. Vielleicht sollte man sich wirklich langsam an den Gedanken gewöhnen: “Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!”
- Hertha BSC Leverkusen Olympiastadion
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