Hier werden im Polizeijargon Salate gewürzt.

Wir brauchen abschreckende Urteile und keine Kuschel-Justiz

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Noch keine Bewertungen)
Loading...

Manchmal bietet die deutsche Presselandschaft Vorlagen an, denen man sich einfach nicht entziehen kann. Heute Beispielsweise erklärt uns die Bild, Fachblatt für sozialen Frieden, warum es in Stadien immer gefährlicher wird. Alles wird „immer brutaler“, „rücksichtsloser“, „viele Chaoten schießen gezielt Leuchtraketen in gegnerische Fanblöcke“. Wie gewohnt werden mehr Mittel für die chronisch unterausgestattete Polizei gefordert, die sich bekanntlich allein mit Suppenlöffeln den teilweise mit Panzerhaubitzen ausgestatteten Chaoten entgegenstellen muss. Ich will jetzt auch gar nicht darauf eingehen, dass der von Bild gelieferte „Beweis“ „Letzte Saison wurden 846 Personen durch Randale verletzt (344 Unbeteiligte). So viele wie nie!“ schon daran krankt, dass in der 846 auch die von der Polizei u.a. durch Pfefferspray verletzten Unbeteiligten mitgezählt werden. Nein, der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt ruft nach Law & Order:

„Ja“, sagt Gewerkschafts-Chef Wendt. „Wer rassistische und antisemitische Gesten und Äußerungen macht, gehört in den Knast. Wir brauchen abschreckende Urteile und keine Kuschel-Justiz.“

Wendt nimmt wohl die antisemitischen Beschimpfungen Itay Schechters durch Teile der Lauterer Fanszene in Mainz zum Anlass und viel habe ich dagegen auch gar nicht einzuwenden. Außer vielleicht, dass diese Problematik statt differenziert betrachtet zu werden, letztlich nur zur hundertsten „Argumentation“ zurechtgestutzt wird, wieso wir Maßnahmen wie Gesichtsscanner, Alkoholverbot, Sitzplatzstadien, personalisierte Tickets und Fankarten brauchen, um die Gaza-Streifen deutscher Fußballstadien wenigstens halbwegs in den Griff zu bekommen. Antisemitische und rassistische Äußerungen haben in Fußballstadien wie auch überall sonst nichts aber auch gar nichts zu suchen. Niemand würde aber wohl ernsthaft behaupten, dass alle Kurvengänger rassistisch motiviert sind. Eine Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen und ganz klare Stellungnahmen der Kurven, des Verbands und der Vereine sind notwendig, Generalverurteilungen bla bla. Ich spare mir die Selbstverständlichkeiten.

Was ich an Herrn Wendts Aussage so hübsch finde, ist dass just am selben Tag u.a. die Welt berichtet, dass die Bayrische Polizeigewerkschaft einen Kalender mit rassistischen Illustrationen unter die Leute gebracht hat. Beziehungsweise, dass sie ihn in einer großangelegten Rückrufaktion nun doch lieber nicht aufgehängt sähe, weil böse meinende Menschen einige der Illustrationen vielleicht als rassistisch interpretieren könnten. „Der Münchner Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer sagte dem Bayerischen Rundfunk am Dienstag, dass die Kalender nicht aufgehängt würden.“

Konkret geht es zum Beispiel um eine Karikatur mit einem festgenommenen Farbigen mit überzeichneten dicken roten Lippen, der sich gegen den Griff eines Polizeibeamten wehrt und in gebrochenem Deutsch schreit: „Was heiß‘ hie‘ Ve’dunklungsgefah’….?!“ Auf einem anderen Bild prügeln sich junge Männer, die ausnahmslos Migranten zu sein scheinen. Einer von ihnen sagt: „Boah… krass… 3ern BMW…!“ Das Januar-Bild zeigt die Heiligen Drei Könige und der schwarze König muss Kamel-Exkremente aufsammeln.

Jetzt wollen wir hier natürlich nicht unterstellen, dass die Bayrischen Polizisten allesamt rassistisch eingestellt wären. Hermann Benker, der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft pocht dann auch auf „Kunstfreiheit“ und einen „Jargon“, den es auch in anderen Berufsgruppen gibt, auf „Galgenhumor“ und „Behördendeutsch“. Wie es ein Kalender mit den zitierten Motiven durch die offiziellen Behördenwege geschafft hat, ohne dass irgendjemand Anstoß daran nahm, würde ich aber dann doch gern wissen. Mit Kunst und Humor hat der Kalender wenig zu tun, in den Knast stecken würde ich deswegen aber auch niemanden. Eher halte ich das ganze für ein Puzzleteil, das mir bei der Meinungsbildung über das in polizeibehördlichen Amtsstuben vorherrschende Humorverständnis hilft. In einem Land, in dem gefesselte Asylbewerber sich auf der Wache schon einmal „selbst anzünden“ und verbrennen, hätte ich mir wohl etwas mehr Sensibilität gewünscht. Aber dass auch Polizeibeamte abends beim Bier in ihrer Stammkneipe unfeine Witze erzählen, lässt sich wohl nicht verhindern. Was es in eine offizielle Publikation schafft, sollte dann aber trotzdem anderen Maßstäben genügen.

Aber vom Herrn Wendt würde ich schon gern erfahren, wieso rassistische und antisemitische Äußerungen einer abzulehnenden Minderheit in Fankurven sofort den Beißreflex zur Beschneidung von Freiheitsrechten in Stadionkurven insgesamt auslösen, während ein, sorry, selbst für mein wenig politisch korrektes Humorverständnis ganz klar rassistischer offizieller Kalender einer Landesabteilung der Deutschen Polizeigewerkschaft ein „vielleicht missverständlich“ formuliertes Stück „Kunst“ ist, das „Galgenhumor“ ausdrückt und mit „Jargon“ zu rechtfertigen ist. Natürlich steht in der Bildunterschrift nicht „Drecksneger“. Was aber, wenn die Lauterer Nazis nur in humoriger Weise auf „seit Jahren beim FCK vorhandene Engpässe hinweisen“? In ihrem „szenetypischen Jargon“? Bescheuerte Erklärung, oder?

Hermann Benker von der DPolG findet das Vorgehen der Polizeioberen scheinheilig. Nur weil der Kalender an die Medien gelangt sei, werde er zurückgezogen. „Bis jetzt hat sich keiner daran gestört.“ […] Er findet die Karikaturen keineswegs anstößig. „Diesen Polizeijargon gibt es, vielleicht sind die Oberen in den Ministerien zu weit von der Praxis entfernt.“

Da ist womöglich jemandem eine Wahrheit rausgerutscht. Völlig zurecht zieht gegen die Lauterer die „die machen doch nur Spaß“-Masche nicht. Da hat er schon recht, der Wendt.