Land ohne Bürgersteig

Land ohne Bürgersteig

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So, die Fußballsaison ist endlich vorbei und endlich finde ich mal Zeit, wieder etwas für die Rubrik „Italien für Anfänger“ zu schreiben, schließlich stehen ja die Sommerferien vor der Tür. Heute geht es um Fortbewegung, alles also, was ich in „Autofahren in Italien“ ausgelassen habe. Das heißt, ausgelassen habe ich gar nicht so viel, der Italiener fährt ja weiterhin mit dem Auto, zu jeder Tageszeit, jede Distanz und überall hin. Manchmal nimmt er auch die Vespa, damit kommt man auch im dichtesten Römer Stadtverkehr voran und kann sie überall parken. Wichtig ist aber, dass der Italiener fährt, es gibt nämlich nur eins, was ihm noch zuwiderer ist, als ohne „telefonino“ das Haus zu verlassen: zu Fuß irgendwohin gehen. Macht er nicht. Geht nicht. Füße sind zum Fußballspielen oder – bei weiblichen Exemplaren – zum bewundern da, keinesfalls zur Überbrückung von Distanzen. Keiner Distanzen. In unzähligen Monaten mühevoller Feldforschung in meiner Stammkneipe konnte ich es zum Beispiel beobachten, dass 10 von 10 Italienern es bevorzugen, ihr Fahrzeug in den Hof zu stellen, anstatt einen der beiden geräumigen Parkplätze zu nutzen – einer direkt gegenüber, ein weiterer ca. 100 m (also gefühlte 100 km) den Berg hinauf. Und so kann man allabendlich das Schauspiel beobachten, wie Gäste, die auf einen Aperitiv, einen Caffè oder auch mal ein ganzes Abendessen vorbeischauen, ihr Gefährt in den Innenhof stapeln. Der Zugang ist schmal und liegt in einer komplett unübersichtlichen 180-Grad-Kurve, man kann nicht drehen und zum Verlassen des Lokals muss man den Kofferraum mutig in den fließenden Verkehr halten. Und weil immer nur einer der letzte sein kann, sorgt jeder Aufbruch eines Gastes für komplizierte Rangiermanöver – erst einmal müssen alle Autos runter vom Hof und danach ordnet man sich fein säuberlich wieder ein. Üblicherweise mehrfach am Abend. Und mit einem durchschnittlichen Blechschaden pro Woche, die strategisch prima in die Zufahrt ragenden Blumenkübel sind beim Rückwärtsfahren nämlich nicht zu sehen. Ab und zu muss auch mal einer darauf hingewiesen werden, dass die Lücke vor der Eingangstür nicht der letzte Parkplatz ist, sondern notwendig zum reingehen – normalerweise fährt so jemand dann nach Hause. Was soll er denn machen? Kein Parkplatz! Nun, ich würde den Teufel tun, mich so zu stellen, dass ich viermal abendlich vom Tisch aufstehen müsste, um mit anderen Führerscheininhabern Auto-Tetris zu spielen, aber ich bin ja auch kein Italiener. Und die gehen nicht zu Fuß, Beine haben sie nur, um Gas, Kupplung und Bremse zu bedienen. Deutsche Touristen erkennt man nämlich schon aus 300 Metern Entfernung, und zwar schon lange bevor man weiße Haut mit rotem Kopf, Händchenhalten oder die typischen Popeline-Uniformen (Wo kauft man eigentlich Touri-Kleidung? Gibt’s da Spezial-Geschäfte?) ausmachen kann: Touristen sind die, die sich dem Lokal zu Fuß nähern! Hierzu benutzen sie den Straßenrand, denn Bürgersteige gibt es in Italien ja konsequenterweise keine. Bürgersteige, Fußwege, Bordsteine – nichts dergleichen. Man ist ja kein Dritte-Welt-Land! Höchstens mal in der Innenstadt vor einer Bar oder einem Tabakladen, aber das sind Vespa-Parkplätze. Wer so wahnsinnig ist, auf eigenen Beinen zur Sehenswürdigkeit seines Vertrauens zu gelangen zu wollen, hat sich hierzu eng an Häuserwände zu schmiegen und bei Bedarf in Türöffnungen oder Hofeinfahrten zu ducken. Hierbei erntet man häufig mitleidsvolle Blicke, schließlich hat man ja ganz offensichtlich den Führerschein verloren und ist nun darauf angewiesen, sich auf diese unglaublich erniedrigende Weise fortzubewegen. Dies wird – es muss ja Ausnahmen geben – auf den Uferpromenaden durchgeführt. Hierbei muss sichergestellt sein, dass es sich um gepflegtes Flanieren handelt und man keineswegs vorhat, von einem bestimmten Punkt A zu einem bestimmten Punkt B zu gelangen! Man zieht sich hübsch an und schreitet betont langsam daher, gern auch mit einem Eis in der Hand und also unter keinen Umständen den Eindruck erweckend, man würde irgendwohin wollen. Denn das würde ins Italienische übersetzt ja entweder heißen, dass man sich kein Auto leisten kann, oder seine Fahrerlaubnis gerade den örtlichen Polizeibehörden geborgt hat, beides ist natürlich unakzeptabel. Außer auf der Uferpromenade fährt man also: Man fährt die 100 m zur Bar, man fährt die Kinder den halben Kilometer zur Schule, man fährt zur U-Bahn, man fährt zum Strand, zum Zigarettenholen, zum Einkaufen, auf den Spielplatz hinterm Haus und neuerdings zum Mc Donald’s Drive-In. Und konsequenterweise gibt es eben auch keine Bürgersteige, achten sie mal drauf. Kein noch so exorbitant hoher Benzinpreis, keine Wirtschaftskrise konnten dem Italiener die motorisierte Fortbewegung abgewöhnen. Zur Not muss eben ein Auto-Ersatz wie der Fiat 500 herhalten, es muss nur von allein rollen und Krach machen. Lieber sitzt der Italiener zuhause und isst den Kitt aus den Fensterrahmen, als auf die Idee zu kommen, zu Fuß einkaufen zu gehen. Und wer will es ihm verdenken? Autofahren befeuert die Wirtschaft, man schliesst im Dauerstau leicht Kontakte, kann laut Musik hören und ungestört telefonieren und das Auto ist mittlerweile der einzige Ort, wo man „drinnen“ rauchen kann. Und selbstverständlich spielt eine Rolle, dass alle Nachkriegsgenerationen im Auto gezeugt wurden (deswegen wiegt der Durchschnittsitaliener auch weniger und ist kleiner als der Deutsche, das ist angewandter Darwinismus): der Italiener fühlt sich im Auto so wohl, wie andere Völker im Bett! Vor allem aber zeigt man, dass man ein Auto hat. Keins zu besitzen ist nämlich genauso undenkbar, wie ohne Telefon durch die Gegend zu strolchen: asozial, absurd, unakzeptabel. Falls sie also nicht sowieso mit dem Auto in ihren nächsten Italien-Urlaub reisen, nehmen sie sich einen Mietwagen. Oder legen sie sich eine gute Entschuldigung zurecht. Denn glauben Sie mir, es gibt 3 Gespräche, die sie in Italien nicht führen wollen: „Ich habe keinen Fernseher“, „Ich habe kein Handy“ und „Ich habe gar kein Auto“. er traffico de roma