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Jetzt auch noch Färdd

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Play Offs sind eine prima Angelegenheit, um die drohende Sommerpause ein bisschen herauszuschieben, 180 Minuten, die eine ganze Saison entscheiden als Leckerli für die Fans. Für die einen eine allerallerallerletzte Chance, die Dinge im Endspurt noch irgendwie gradezurücken und für die anderen die unverhoffte Gelegenheit, noch ein bisschen Zuckerguss auf einen schon ziemlich tollen Kuchen zu schmieren. Und welche Konstellation sollte das Konzept „Entscheidungsspiele“ denn bitte besser illustrieren, als HSV gegen Fürth? Das „Waterworld“ der Liga: Auf der einen Seite die „Smoker“ an Bord der rostigen Karkasse der Exxon Valdez, auf der anderen die weitgehend namenlose Truppe auf dem Eigenbau-Trimaran mit dem Kleeblatt am Mast. Der Showdown im Kampf um „Dryland“ lässt natürlich auch unbeteiligte Fans nicht meinungslos: „Nöö, nach Paderborn, Hoffe und Augsburg brauch ich echt nicht noch so einen Provinzclubverein“ vs. „Schadenfreude…außerdem kann ich den Dinosaurier-Quatsch nicht mehr hören“. Na klar verstehe ich Borussen oder Bayern, Kölner oder Gladbacher, die sich einen großen Traditionsklub in der ersten Liga wünschen, der Fans und „Tradition“ mitbringt und in einer Stadt beheimatet ist, in die man lieber fährt als ins Kernland des mittelfränkischen „Großraums“. Volles Stadion, viele Fans, Erinnerungen an epische Schlachten der 80er und 90er gegen das sympathische Provinzteam mit dem Kleeblatt, das wie gemacht für die zweite Liga scheint. Dumm nur, dass Spiele auf dem Rasen stattfinden und die nächste Liga von den Resultaten abhängt, weil hier wird die Sache – wie gestern Abend gesehen – sehr viel unklarer. Allein die Tatsache, dass sich Hamburger nach dem Spiel darüber aufregen, dass Fürth – in Hamburg, vor 57.000 Zuschauern – „nur hinten drinsteht und auf Konter lauert“ bescheinigt ihnen gutes Zweitliganiveau auch im Interview. Die krebserregend orange angetretenen Fürther hatten nämlich überhaupt keine Lust, sich auf dem Altar der „Tradition“ opfern zu lassen. Eine taktisch perfekt eingestellte und funktional zusammengestellte Mannschaft, die einfach Lust hatte, sich vor einem großen Publikum zu präsentieren. Denn groß war gestern nur das Hamburger Publikum, der rostige Öltanker mit der Raute hatte jedenfalls die Hosen gestrichen voll und eigentlich sollte Lasogga den Franken dankbar sein, dass sie zumindest in der ersten Halbzeit nur vorsichtig nach vorn agierten anstatt sich sofort ins Vergnügen zu stürzen. Während man sich in Hamburg seit Jahren selbstverliebt in der Rolle als Dinosaurier sonnt und die hundertjährig ununterbrochene Ligazugehörigkeit feiert, arbeitet man anderswo nachhaltig an der Basis. Während man in Fürth versucht, mit Kompetenz und Konsequenz aus dem bescheidenen Etat eine möglichst gute Mannschaft zusammenzustellen, investiert der große HSV die verbliebenen Transfermillionen in den Glam-Faktor von Sylvie van der Vaart. Zu viel erinnert mich an die Situation bei meinem AC Milan, als dass ich den Fürthern den Aufstieg nicht wünschen würde: Auch in Mailand werden seit Jahren 300 Millionen Etat ohne Rücksicht auf sportliche Notwendigkeit in alternde Ex-Champions verblasen mit dem Effekt, dass man sich mit dem Schriftzug „Club mit den weltweit meisten internationalen Trophäen“ von einem 19-jährigen im Hemd von Aufsteiger Sassuolo vier Tore einschenken lässt. Nach acht Jahren Misswirtschaft sind vom siebenmaligen Champions League-Sieger hier auch nur noch Logo, Vereinsfarben und schöne Erinenrungen übriggeblieben. Und völlig zurecht beenden wir am Samstag eine Saison voller Niederlagen gegen klassische Provinzteams wie Atalanta, Bologna oder Hellas. Der Umstand, dass Milan nicht absteigt, ist vermutlich dem aktuellen Niveau der Serie A geschuldet, deren amtierender Rekordmeister sich widerspruchslos von so illustren Gegnern wie Galatasaray oder Benfica aus den jeweiligen Wettbewerben kegeln ließ. Gegen Fürth hätten wir jedenfalls nicht besser ausgesehen. Wichtig ist eben doch auf dem Platz. Jetzt. Und wenn eine Vereinsführung nicht schafft, aus dem riesigen Fanpotential, den Sponsoren- und Fernsehgeldern und dem großartigen Stadion in Deutschlands zweitgrößter Stadt (Etat 40 Millionen, 6. Platz der Bundesliga) ein Team zusammenzuschrauben, dass sich gegen den Zweitliga-Dritten durchsetzen kann, dann riskiert man eben den Kategorientausch. Und wenn der augenscheinlich biedere, kleine, graue Club Verein aus Fürth schafft, mit einem Etat von 7,5 Millionen eine bessere, hungrigere Mannschaft zu formen, dann ist das eben so. Dass der Meister von 1914, 1926 und 1929 weniger Fans hat und die Titel noch länger zurückliegen, schießt halt leider auch bloß keine Tore. Ich habe keine Prognose zum Ausgang des Duells abzugeben, aber dass man sich in Fürth eine Menge abgucken kann, ist jetzt schon klar. Wie gesagt, Play Offs sind eine ganz hervorragende Sache: Wer schneller paddelt, kommt eher ans trockene Ufer. Sonst müsste man ja auch nicht erst paddeln.