Gurro

Italien gegen Schottland, geteilte Herzen in Gurro

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Als gestern Abend die italienische Nationalmannschaft bei Abpfiff des EM-Qualifikationsspiels gegen Schottland die Arme in den verregneten Nachthimmel des Glasgower Hampden Parks hob, ging durch italienische Bars und Wohnzimmer ein Seufzer der Erleichterung aus aufgeblasenen Backen und dazu die tausendfach gleiche Geste, bei der die rechte Hand angewinkelt vehement von rechts nach links. geschüttelt wird. „È andato un po‘ di culo“, war ein bisschen glücklich, dieser Sieg. Panucci hatte einen unberechtigten Freistoß, getreten von Andrea Pirlo, in der Nachspielzeit zum glücklichen 1:2 Auswärtssieg verwandelt. Darüber spricht aber heute schon niemand mehr, Hauptsache qualifiziert. Das wäre ja auch noch schöner, wenn sich der amtierende Weltmeister nicht mit europäischen Spitzenteams wie Österreich messen dürfte. Und so ist man allerseits froh und glücklich. Überall? Fast überall. Denn ganz oben im Norden, in einem versteckten piemontesischen Bergtal kurz hinter der Schweizer Grenze, hält sich sein knapp 500 Jahren ein schottischer Stamm versteckt, dessen Mitglieder gestern abend durchaus beiden Teams die Daumen drückten. Gurro, ein Bergdorf mit etwa noch 300 Einwohnern im Valle Cannobina, einem romantischen Seitental des Lago Maggiore, stellt als keltische Gemeinde ein durchaus außergewöhnliches Einsprengsel unter den „Montagnini“ der Südalpen dar. Kurz nach der Schlacht von Pavia 1525 zwischen Franz I. von Frankreich und den Habsburgern unter Karl V. erlangten schottische Söldner der Leibgarde des unterlegenen französischen Königs ihre Freiheit, in die Heimat zurückkehren zu dürfen. Für ihre schweizer und französischen Kollegen eine gute Nachricht, für die Schotten der Beginn einer schwierigen Heimreise gen Norden, die in den Südalpen – eben in der Nähe von Gurro – im Schnee ihr Ende in der Diaspora fand. Mangels Passierbarkeit der Alpenpässe entschloss man sich, bis zum Frühjahr Station zu beziehen und baute ein Winterlager aus. Offenbar fanden die Schotten aber Gefallen an der Gegend (ich habe in Schottland gelebt, ich kann das durchaus nachvollziehen) und aus der Weiterreise wurde dann doch nichts. Vermutlich bewegte die landschaftliche und bewirtschaftungstechnische Ähnlichkeit zu den Highlands die versprengten Truppen, sich gegen die weite Heimreise zu entscheiden und den äußerst fruchtbaren Flecken weiter zu kultivieren. Erst 50 Jahre später (!) wurde die Gemeinde von San Carlo Borromeo entdeckt und italianisiert. Was die sturen Bergler natürlich nicht daran hinderte, schottische Gebräuche über die Jahrhunderte zu bewahren und zu pflegen. Noch 1960 konnte man in den Gemeindebüchern die Namen der schottischen Ahnen finden: Lenatt und Dromont. 1973 erklärte Cnl. Gayre of Gayre and Nigg nach ausführlichen Studien die verbliebenen Nachfahren der schottischen Söldner durch den antiken Brauch des „bando di adozione“ zu Clansmitgliedern des „Clan Gayre„, präziser zu einem „broken clan“, was sie zu bestimmten Rechten für schottische Clansmitglieder brachte. So dürfen sich die Dorfbewohner in traditionellem Tartan zeigen und die Insignien und Wappen der Clansmitglieder anbringen. Zu diesem Anlass wurde auf dem Hauptplatz von Gurro ein Denkmal für die schottische königliche Leibgarde enthüllt, im Beisein internationaler Fernsehstationen, politischen Funktionären, Mitarbeitern des britischen Konsulats in Turin und Vertretern der Presse. Weiterhin schenkte der honorige Colonel Gayre of Gayre and Nigg Baron of Lochoreshire den Einwohnern Gurros ein Gemälde mit einer Darstellung des Hl. Andreas, schottischer Schutzheiliger, als Zeichen der Freundschaft. Das Bild ist heute im Gemeindesaal ausgestellt. Alle 4 Jahre findet ein tradizionelles Fest zu Ehren der Gründer des Dorfes statt, zu welchem Anlass sich die männlichen Einwohner sich in traditionelle Kilts kleiden, während sich die Frauen in herrlichen traditionellen, in Handarbeit gefertigten, Kostümen zeigen – zur Herstellung dieser Gewänder werden 14 m Stoff verwandt. Weiter unten habe ich noch ein paar Fotos und ein Video der Veranstaltung eingestellt. Die Dorfarchitektur von Gurro unterscheidet sich noch heute deutlich von den Nachbargemeinden und ist, wie das gesamte Val Cannobina, durchaus einen Abstecher vom eher lebendigen Ufer des Lago Maggiore wert. Im Sommer können holländische Wohnwagen nerven, die sich durch die Serpentinen quälen und immer muss man zwingend ganz rechts auf der eigenen Straßenseite fahren, um den grundsätzlich mit Vollgas fahrenden Talbewohnern ein schlechtes Ziel zu bieten. Das Spiel schaute man sich natürlich gemeinsam an. In der einzigen Bar des Ortes, die sich – natürlich – „Scotch“ (Tel. 0323-76107, Donnerstags geschlossen) nennt. Gemeinsam mit wohl allen anderen Italienern hätte man den Schotten die Qualifikation gern gegönnt und dafür die besonders seit dem WM-Finale 2006 nicht sonderlich beliebten Franzosen nach Hause geschickt. So lange überdauert Königstreue dann wohl doch nicht. Auch nicht bei Gennaro Gattuso, Braveheart ehrenhalber. Hier ein Video vom letzten Fest: Und noch ein paar Fotos von Gurro und seinen verrückten Schotten: Karte Valle Cannobina