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Groundhopping – AC Milan gegen AS Varese 1910

Jawohl, Fußballentzug trägt manchmal seltsame Blüten. Über den Niedergang des ACM habe ich mich ja in der Vergangenheit schon des öfteren ausgelassen, aber es ist wie bei einem Verkehrsunfall – man muss einfach trotzdem hingucken. Und so fügte es sich vortrefflich, dass der erste offizielle Auftritt der verbliebenen Reste des AC Milan Post-Maldini, Post-Ancelotti und Post-Kakà ganz in der Nähe, bei einem anderen Verein mit glorreicher Vergangenheit und weniger glorreicher Gegenwart stattfand: dem A.S. Varese 1910. Und also wurde Mini-Madunina eingepackt und mit der Fähre ging’s über den Lago Maggiore nach Varese.

„Siete una grande squadra, più forti dell’Inter: se farete le cose per bene, vincerete lo scudetto“.
„Ihr seid ein großes Team, stärker als Inter: wenn ihr es gut anstellt, gewinnt ihr den Scudetto.“
(Silvio Berlusconi, Varese, 12.07.2009)

Das Stadion kannte ich bisher nur von außen, insofern war der Besuch auf eine ganz morbide Art und Weise schon interessant. Das San Siro halte ich ja trotz aller Unzulänglichkeiten immer noch für eines der schönsten Stadien der Welt und in Varese kan man sich anschauen, mit was sich Vereine der unteren Ligen so herumplagen müssen: Das „Stadio Franco Ossola“ ist ein verrotteter Betonklotz, kein Wunder, dass praktisch nur die beiden Tribünen voll besetzt waren, die Sicht aus dem Drahtverhau der Distinti und die Abwesenheit einer Bar, einer Anzeigetafel oder einer verständlichen Lautsprecheranlage erinnern an Groundhopping-Erfahrungen irgendwo in der slowakischen Provinz, nicht etwa an die Heimspielstätte eines Ex-Serie A-Vereins. In der Fotostrecke habe ich die Highlights dokumentiert.

„Ronaldinho, tu sei un campione, adesso devi promettere davanti ai tuoi compagni che ti comporterai da professionista per tutta la stagione e farai ogni cosa per trascinarli alla vittoria“.
„Ronaldinho, du bist ein großer Champion, jetzt musst du vor deinen Mitspielern versprechen, dass du dich während der gesamten Saison wie ein professioneller Spieler verhalten wirst und alles dafür geben wirst, sie zum Sieg zu führen.“
(Silvio Berlusconi, Varese, 12.07.2009)

Natürlich war die Gästekurve nur sehr spärlich gefüllt, die Ereignisse der letzten Wochen und Monate, die Abwesenheit von Stammspielern wie Pirlo und Pato und der geringe sportliche Reiz dieses Testspiels dämpfen die Begeisterung der Curva Sud doch sehr. Außerdem war es ein schönder sonniger Tag und ich kann wirklich jeden einzelnen verstehen, der lieber am Strand lag. Aber was soll’s, es ist ein Auswärtsspiel und dann machen wir uns den Spaß halt selber – niemand soll mir nachsagen, ich würde mir nur die Rosinenspiele rauspicken. Die geschätzt 30 Varese-Ultràs, eine offen rechtsradikale und bekannt „schlagkräftige“ Gruppierung, die ausgerechnet mit dem Stadtrivalen Inter eine Fanfreundschaft pflegen und unter dem Label „Blood and Honour“ firmiert, suchten uns mit dem ungemein einfallsreichen „Milan Milan vaffanculo“ oder Arien auf den glorreichen F.C. Internazionale zu provozieren, was der Auswärtsblock angesichts der entspannten Stimmung erstmal mehrere Minuten ignorierte, bis man sich zu ein paar Reaktionen hinreißen ließ. Natürlich spielt da auch mangelnder Respekt vor einer armseligen Curva eines Vereins, der gerade in die dritthöchste Spielklasse aufgestiegen ist, eine Rolle. Dann erinnerte man sich aber gern daran, dass „Varesotto“ sich prima auf „poliziotto“ reimt und die Heimkurve nur aus „quattro coglioni“ bestand.

„Ho detto ai ragazzi che bisogna innestare un’altra marcia rispetto alla scorsa stagione con qualche novità tattica. Dal punto di vista tecnico nessuno è al livello del Milan: penso a Pirlo, Seedorf, Pato, Ronaldinho che sarà l’uomo in più“.
Ich habe den Jungs gesagt, dass man einen anderen gang einlegen muss gegenüber der letzten Saison mit einigen taktischen Neuerungen. In technischer Hinsicht ist niemand auf dem Niveau von Milan: ich denke an Pirlo, Seedorf, Pato, Ronaldinho, der einen Mann mehr auf dem Platz bedeutet.“
(Silvio Berlusconi, Varese, 12.07.2009)

Viel mehr Freude kam auf, als die Jungs aus der oberen Reihe ein vor dem Stadion stattfindendes Interview mit einer blonden Moderatorin von Sky bemerkten und alle nach oben stürzten, um das Geschehen mit einem donnernden „quella bionda là fa la pornostar“ zu begleiten. Ein ebenso diskutables Frauenbild zeigte sich, als zwei miniberockte Vareser Schönheiten vor der Curva entlanggingen, was die anwesenden Ultràs mit „le vogliamo vedé, le vogliamo toccà“ und dem Evergreen „vi vogliamo così“ zu kommentieren wussten (nein, ich übersetze das jetzt nicht) und beim bedauerlichen Verlassen des Gästeblocks noch zu einem „tutte da Silvio, le vanno tutte da Silvio“ inspirierte. Hierbei wurde natürlich impliziert, dass die beiden jungen Damen auf dem Weg zum auf der Haupttribüne anwesenden Silvio Berlusconi waren. Denkbar. Jedenfalls waren diese, dem sommerlichen Wetter geschuldeten, Fröhlichkeiten die Highlights des Abends. Selbst zwei vor der Kurve langstrolchende Carabinieri sorgten nur für eine uninspirierte Version des „la disoccupazione vi ha dato un bel mestiere“-Klassikers. Auffällig war noch, dass der in Anzug und Schlips angetretene Neu-Trainer Leonardo ausgesucht freundlich empfangen wurde.

„[…] Cioè di scendere in campo e divertire, di essere padroni del campo e del gioco, e di giocare anche con qualche ragionevole tattica che l’anno scorso non è stata applicata“.
„[…]Also auf den Platz zu gehen und zu unterhalten, die Herren des Platzes und des Spiels zu sein und auch mit ein paar sinnvollen Taktiken zu spielen, die letztes Jahr nicht angewendet wurden.“
(Silvio Berlusconi, Varese, 12.07.2009)

Zum Spiel gibt es wenig zu sagen, zu früh in der Saisonvorbereitung machten sich schwere Beine, das Fehlen von Kakà und die zusammengewürfelte Aufstellung bemerkbar. Bereits in der 11. Spielminute sorgte der unsterbliche Pippo Inzaghi für die Führung, als die Varesotti noch mit dem Schiedsrichter über die Berechtigung eines bereits angepfiffenen Freistoßes diskutierten, während Antonini seinerseits bereits Inzaghi zum 1:1 mit dem gegnerischen Torwart einlud. Und sowas lässt sich der Mann nicht entgehen. „Neuzugang Thiago Silva“ demonstrierte mehrfach, dass er ein hervorragender Verteidiger mit einer exzellenten Ballbehandlung ist, der sich aber 3-4 mal pro Spiel eine Amnesie gönnt. Ronaldinho zeigte durchaus Einsatzwillen und ein paar sehr schön anzusehende Tricks, so zum Beispiel, als er kurz nach Anpfiff der zweiten Halbzeit 3 Gegenspieler an der Grundlinie austanzte und den Ball so präzise zu Pippogol passte, dass der aus einem Meter Entfernung nur einzuschieben brauchte. Borriello trug das Trikot mit der 22, so dass jeder Ballbesitz mit einem lauten „Vai Ricky!“ egleitet wurde. Der von Bayern abgeschobene Oddo spielte so unglaublich schlecht, dass er beim Gegner mit Sicherheitnicht auf den Platz gelassen worden wäre. Es war zum Verzweifeln, wie der Ex-Laziale mehrfach daran scheiterte, einen ihm zugedachten Pass am Überschreiten der Seitenauslinie zu hindern. Langzeit-Rekonvaleszent Alessandro Nesta war mehr als eine Halbzeit lang dabei – was ja an sich schon eine hervorragende Nachricht ist. Torwart Kalac machte in der ersten Halbzeit mehrfach deutlich, dass man statt seiner auch einen ca. 2 m großen Pfahl auf die Torlinie nageln könnte. Die in der zweiten Halbzeit fast komplett aufspielende Primavera plus Cardacio und Viudez zeigte ein paar gute Ansätze und viel Einsatzwillen, aber eben auch den Beweis, dass Champions nur sehr selten vom Himmel fallen. Und so verabschiedete sich der Gästeblock auch schon lange vor Abpfiff zum gemeinsamen Pizza-Essen, auch das sieht man nicht alle Tage.

Wie gesagt, zu diesem Zeitpunkt der Saisonvorbereitung, mit dieser zusammengestolperten Aufstellung, lassen sich sicherlich keine tiefergehenden sportlichen Rückschlüsse ziehen. Ich sehe das ganze als lockeren Betriebsausflug nach Varese mit Bootsfahrt, Shopping und ein bisschen Fußball. Man konnte wohl einige Ansätze von Leonardos Spielphilosophie sehen (4-3-3 mit Pressing und schnell aufrückenden Außenverteidigern), aber eben auch nur streckenweise. Und so endete das Freundschaftsspiel mit einem schiedlich-friedlichen 2:0. Positiv hervorzuheben ist, dass eine der offen rechtsradikalen Kurven Italiens sich dann doch so jämmerlich präsentierte und dass uns die Ordner zur Halbzeit dann doch noch zur Bar gelassen haben. Und niemand ist zu Berlusconi auf die Tribüne gegangen, um ihm eine Meinung zum Transfermarkt mitzugeben. Ein schöner Sommerabend mit Fußball.

Fotogallerie:

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