Milan-Frosinone

Frosinone-Milan 3:3 – oder Die Legende des Geisterblocks

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Am Sonntag spielte mein Milan im San Siro gegen Frosinone, die sich noch gegen den Abstieg aufbäumten. Der kleine Klub aus der Region Latium lieferte einen großen Kampf und ging zwischenzeitlich mit 0:2 und 1:3 in Führung, musste sich aber den Relikten des AC Milan und dem zweiten seltsamen Handelfmeter in der Nachspielzeit geschlagen geben. Der folgende Artikel von Stefano Pizzutelli ist auf italienisch hier erschienen und ich möchte ihn euch nicht vorenthalten. Es geht um Fansein, Leidenschaft, Ungerechtigkeit, die Sicherheit, niemals bei den Großen mit am Tisch sitzen zu dürfen und seine Mannschaft genau dafür zu lieben. Ich dachte, ich war im San Siro; ich dachte, ich hätte nach weniger als einer Spielminute Paganinis Tor bejubelt; ich dachte, ich hätte einen verrückten Holzfäller dabei beobachtet, wie er von der Mittellinie aus abzieht und trifft; ich dachte, ich hätte einen Torwart gesehen, der bei seinem Saisondebüt einfach alles hält, sogar den Elfmeter von einem, der sonst nie verschießt; ich dachte, ich sehe einen unerträglichen Rumpelfuß, der sich auf demselben Rasen herumtreibt wie vor ihm Baresi und Costacurta, Thiago Silva und Nesta, wie er unseren Chicco auf die Spur Richtung Tor schickte; ich dachte, ich hätte das übliche Theater in der 90. gesehen mit einem Elfmeter, den sie für uns nichtmal im Traum gepfiffen hätten. Ich war wirklich überzeugt davon, dass ich im San Siro war, aber dann habe ich mir gestern Abend die Aufzeichnung des Spiels angeschaut und auch wenn ab und zu Gesänge zu hören waren, die an unsere erinnern, habe ich verstanden, dass wir nicht im Stadion waren. Der Aufnahmeleiter, von Sky, Mediaset Premium, Infront oder was auch immer, hat alles auf den Schirm gebracht, Brocchi mit dem Gesicht eines leidenden Hamsters, das angstvolle Gesicht eines der zweitausend eingeladenen Kinder aus den Fußballschulen, ein kurzer Schwenk über ein von Botox verunstaltetes Gesicht, Gallianis Sohn terrorisiert von der Angst, sich das Geld zum Leben wie ein normaler Mensch verdienen zu müssen. Also eigentlich alles, alles außer uns. Wir 500, wir da oben, im dritten Rang grün, dem Geisterblock. Aber wer hat dann den Torjubel in der ersten Minute verursacht? Wem gegenüber hat Dionisi nach dem Tor die Trinkgeste gemacht? Wer hat nach dem x-ten sinnlosen Elfmeter gegen uns „italienische Liga Hurensöhne“ geschrien? Wem haben nach Abpfiff die ausgelaugten und ausgeraubten – wie gegen Chievo, wie gegen die Roma, wie eigentlich immer – Spieler applaudiert? Wir existieren nicht, uns darf es gar nicht geben. Denn wir sind seltsam, unkonventionell, unvorhersehbar, nicht einzuordnen. Wir haben das San Siro in Begleitung von 500 Ordnern verlassen und mit Polizisten, Carabinieri, Reiterstaffel und Guardia di Finanza in anderen Uniformen nochmal 500, die dann vergessen haben, dass wir zehn Minuten später sowieso gemeinsam mit den Milanisti in der Schlange auf dem überfüllten U-Bahnhof stehen würden. Wir sind seltsam: Wir haben die Japaner in der Metro springen lassen zum Sprechchor „Wer nicht mithüpft ist aus Peking“. Sammarco, nicht irgendein hergelaufener Penner sondern fast 300 Spiele in der Serie A, verlässt das Stadion nicht in einer goldlackierten Limousine, sondern fährt mit uns U-Bahn, mit seinem schwarzen Rucksack und seinen hochgekrempelten Khakihosen, und quatscht einfach mit uns, erschöpft und niedergeschlagen aber mit einem Lächeln, wie wir alle. Am Mailänder Hauptbahnhof gehen Ajeti und Kragl nicht in die Sala FrecciaPlatinum-Lounge, um sich von drei Thailänderinnen mit nepalesischem Kampfer massieren zu lassen, sondern sie essen im Stehen beim Burger King wie irgendwelche teutonischen Touris. Bardi isst, nach dem Spiel, dass eine Karriere verändern kann, ein Stück Pizza auf dem Bahnsteig und lächelt uns an, die wir ihm auf die Schultern klopfen. Wir sind nicht der Fußball der leeren Stadien, der tätowierten Diven mit Bodyguards und persönlichen Nagelpflegern, der voreingestellten Tabellenstände, wo die Letzten immer die Letzten sein werden und die Ersten unnereichbar. In ernsthaften Ländern kann ein Leicester die Meisterschaft gewinnen; hier würden sie sich um den sechsten Platz balgen; in ernsthaften Ländern bekommt das in der Vorsaison schlechtere Team im Pokal Heimrecht, nicht das bessere; in ernsthaften Ländern sind die Stadien, wie unseres immer, brechend voll und keine furchtbare Reihe aus dreckigen und leeren Sitzschalen. Genau, unser Geisterblock ist mehr englischer Fußball, vielleicht, nicht der von Infront verschobener Spiele. Wir haben noch die ursprüngliche Echtheit eines Tecchienesen mit Sabber vorm Mund, der einem Mädel ohne Zukunft seine Meinung über ihren Hintern hinterherschreit. „Chiappa Chisse, Frà!“ Seltsam, seltsam, unkonventionell, unvorhersehbar, nicht einzuordnen. Scheiße sind wir seltsam, gefällt uns aber. Und, wie immer, Forza Frosinone!