Nebel

Dabeisein ist alles – Hertha vs. Barça 1:1

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Froh wie ein Eichhörnchen in der Vorweihnachtszeit verließ ich den Ticket-Shop in den damals brandneuen „Potsdamer Platz Arkaden“, geschafft, Karte für Hertha – Barcelona in der Tasche. Die Alte Dame um Rehmer, Preetz und Sixten Veit gegen die holländische Nationalmannschaft im Barça-Dress. Noch vor wenigen Jahren besuchten teilweise keine tausend Unentwegte die damals noch unüberdachte Schüssel und nun gab sich die europäische Elite die Ehre. Ostkurve, here I come! Zur Feier des Tages war ich extra ein paar U-Bahnen früher angereist und trotzdem schob sich schon eine ansehnliche blau-weiße Raupe aus dem Bahnhof, stimmte unter der Brücke die üblichen Sprechchöre an, um sich dann auf den Olympischen Platz zu ergießen. Bier. Bratwurst. Bier. Schwarzhändler ausdribbeln, den Ordner (damals hießen die noch so) zwecks Leibesvisitation ein bisschen auf die Schultern klopfen lassen und die Stufen hoch in die Ostkurve. Der erste Blick auf das das tief liegende Spielfeld verfehlt normalerweise nie seine Wirkung, auch wenn der neblige Novemberabend eher an gerade durchgestandene Zweitligazeiten erinnerte. „Ach, das gibt sich schon wieder.“ Nicht wirklich. Die soeben eingeschaltete Flutlichtanlage heizte die krachkalte Berliner Winterluft soweit an, dass der weiße Schleier zwischen mir und dem Spielfeld immer dichter wurde, das in die Schüssel strömende Publikum tat sein übriges. Eine halbe Stunde vor Abpfiff verschwand das Tor im sich ausbreitenden Weiß und nur die neongelbe Eckfahne konnte man als kleinen Farbschimmer noch erkennen. Ab und an tauchte noch ein Spieler aus dem Wolkenmeer auf. „Ja so ist das jetzt aber Mist. Das können die doch nicht anpfeifen.“ Konnte man. Unten auf dem Platz konnte man offensichtlich ein paar Meter weit sehen, uns Bewohnern des Oberrangs war derlei leider nicht vergönnt. Aber wie so oft bei der Hertha muss man nicht zwingend etwas sehen, um Spaß zu haben, im Gegenteil. Denn von den gesamten 90 Minuten sahen ich und meine Blockkollegen genau einen Teil einer Ecke. Irgendjemand schoss einen Ball in die allausfüllende Watte. Ansonsten mussten wir uns auf unser Gehör verlassen, aber als gute Fußballfans ließen wir es uns natürlich nicht nehmen, die Pfiffe des grottenschlechten Schiedsrichters zu kommentieren. „Blinde Sau!“, „Das war nie im Leben Foul!“, „Abseits? Der ist doch bescheuert!“, „Schieber! Schieber!“ und was das Handbuch des Fußballpöblers sonst so hergibt. Manchmal schlossen wir uns dem Raunen aus anderen Sektoren an. Mehr spielabhängiger Support war nicht drin. Ab und zu zückte jemand sein Handy, um von Freunden daheim am Fernseher oder in glücklicheren Sektoren irgendetwas zum Spielverlauf aufzuschnappen, ansonsten lauschte man andächtig dem Stadionsprecher. Das alles fühlte sich so an wie die seligen 80er Jahre am Transistorradio, nur dass hier zwischen einer Durchsage und der nächsten mindestens eine Viertelstunde verging. Aber davon den Spaß verderben lassen? „Janz klar den Ball jespielt. Dit sieht doch en Blinda!“, „Von dit Barça is aba heute nich ville zu sehn, wa?“, „Der sieht dit Tor nich!“ Das Spiel endete 1:1, der Stadionsprecher hatte uns nicht veralbert, wie wir – wieder daheim – dem Fernsehen entnehmen durften. De Boer, Reiziger, Kluivert, Figo und einem gewissen Pep Guardiola Einhalt geboten von einer Hertha auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. In einem Spiel, von dem mir für immer in Erinnerung bleiben sollte, wie der Nebel malerisch über das Dach der Haupttribüne ins Stadion floss. Kurvenfans interessiert das Geschehen auf dem Platz ja eh nicht, die feiern ja nur sich selbst.

„Zugegeben, unser Heimspiel gegen Barca war fussballerisch keine Partie für die Geschichtsbücher, dennoch wird es unvergesslich bleiben. Bis heute könnte ich behaupten, dass wir gegen die Katalanen mit Stars wie Figo oder Patrick Kluivert Weltklasse waren, niemand könnte das Gegenteil beweisen – denn es hat doch kein Mensch wirklich gesehen. Der Nebel stand im Stadion wie der Wasserdampf in einer Waschküche. Die Regel, dass nur angepfiffen werden darf, wenn man von einem Tor aus das andere sehen kann, war ausser Kraft gesetzt. Ich stand am Mittelkreis und versuchte, im Dickicht eines der beiden Gehäuse auszumachen. Keine Chance! Meine Mitspieler schlugen Flanken auf gut Glück, die Bälle schossen im Strafraum aus dem Dunst auf mich zu. “ Michael Preetz