Fiat 500

Autofahren in Italien

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In Italien kann man entgegen verbreiteter Vorurteile durchaus Auto fahren, Millionen von Italienern machen es jeden Tag vor. Da zu Fuß gehen als ungewollte Erinnerung an ärmere Zeiten gilt und entsprechend verpönt ist, fährt der durchschnittliche Italiener auch kleinste Strecken grundsätzlich nur motorisiert, Bürgersteige sind auch entweder gar nicht erst vorhanden oder gelten als Motorroller-Parkplatz. Wundert euch also nicht, wenn ihr beim Spaziergang entweder sehr seltsam angeschaut werdet oder gar nicht angeschaut und dafür an die Hauswand gedrückt. Autofahren in Italien ist aber auch für Deutsche erlernbar, wenn man ein paar einfache Regeln beherzigt. Denn teilweise wird auch in der Straßenverkehrsordnung zwischen den Zeilen gelesen und häufig improvisiert. Alles eine Frage der richtigen Einstellung!

Wie bei fast allen Beschäftigungen teilt sich das Land auch beim Autofahren in zwei Hälften, den Norden und den Süden. Die meisten Stereotypen über nicht angeschnallte Italiener, die bei Rot über die Ampel brettern, sich zu fünft auf eine dreispurige Straße quetschen, mit zwei Händen gestikulieren und mit der Stirn dauernd hupen beziehen sich auf den Süden. In den Süden Italiens wagt man sich, wenn man muss – am besten mit einem guten Geländewagen (nicht neu!) und unter Verzicht auf alles, was man in der Fahrschule gelernt hat. Verkehrsregeln werden meist erst vor Ort verhandelt, so dass eine gewisse Kommunikationsfreudigkeit ganz hilfreich ist. Lautes Hupen hat meist auch nicht die deutsche Bedeutung des „Platz da, Arschloch“ sondern dient meist nur der Signalisierung des „Ich bin hier, nur eine kleine Erinnerung, falls du mich nicht gesehen hast“, aber womöglich gilt es gar nicht dir, sondern der miniberockten Dorfgrazie vor dem Bäcker. Hupen ist gut für die Seele, macht Spaß und sorgt für den vom Süditaliener gewohnten Geräuschpegel, seit ja auch Fiat das landestypische Klappern und Rasseln weitgehend unter Kontrolle gebracht hat. Die Ausschilderung ist häufig eher unkonventionell, Ortsschilder finden sich – wenn überhaupt – durchaus auch mal in der Mitte des Dorfs, aber dafür gibt’s ja Navi. Man kann natürlich auch an der Dorfkneipe halten, viele neue Freunde machen und sich den Weg erklären lassen – nicht empfehlenswert, wenn man am gleichen Tag noch irgendwohin will. Eine gewisse Gelassenheit hilft beim entspannteren Ankommen, Fahrzeiten sollte man großzügig kalkulieren – Stress macht sich der Süditaliener nicht, besonders nicht beim Autofahren. Besonders in Städten sollte man zudem schnell lernen, die häufig in Scharen auftretenden Vespas zu ignorieren – deren Fahrer sind todesmutig aber sehr geübt im Ausweichen. Also Fenster runterkurbeln, eine gute Italienische CD ins Autoradio und „go with the flow“.

Der Norden verhält sich weitgehend mitteleuropäisch mit ein paar mediterranen Einsprengseln, An roten Ampeln wird gehalten, für Falschparken gibt es – häufig sehr persönlich formulierte – Strafzettel, Geschwindigkeitsbegrenzungen werden per Radar überwacht und meist auch die Fahrspuren eingehalten. Allerdings gibt es auch hier ein paar Besonderheiten, die der ordentliche deutsche Autofahrer zum Wohle der geistigen Gesundheit kennen sollte. Zunächst einmal Autobahnen, auf der Autobahn benutzt der Italiener soweit möglich nur die Mittelspur, egal mit welcher Geschwindigkeit. Überholt werden sollte trotzdem nur links, weil zu erwarten ist, dass der langsamere Italiener aus purer Freundlichkeit dem herannahenden Wagen nach rechts Platz macht – auch wenn man dort schon auf gleicher Höhe ist. Lieber also links vorbei! Sowieso kennen die meisten Italiener nur zwei Geschwindigkeiten, ganz schnell und ganz langsam. An eine der beiden sollte man sich anpassen, weil das Fahren mit den vorgeschriebenen 130 km/h nur dazu führt, dass man andauernd ausgebremst und gleichzeitig links mit 180 Sachen überholt wird. Nicht entspannend! Im Umfeld von Großstädten wie Mailand kommt man regelmäßig durch Mautstellen, achtet darauf, dass ihr euch beizeiten entsprechend der Vorwegweiser richtig einordnet und nicht etwa in den gelben Spuren für Telepass oder blau für Viacard landet – da wieder herauszukommen sorgt kurz vor der Schranke beim ungeübten Italienreisenden regelmäßig für Herzinfarkte und Zurücksetzen wird als „Wenden auf der Autobahn“ geahndet, ist also auch nicht empfehlenswert.

In ländlicheren Gegenden ist das Kurvenschneiden beliebt, haltet euch also bei Touren durchs Hügel- oder Bergland extrem rechts, weil in der Kurve praktisch immer jemand auf eurer Spur entgegenkommt und sei es auch nur der über die Mittellinie hinausragende Kopf eines Vespafahrers in Schräglage. Mit fortschreitender Abendstunde steigt auch der durchschnittliche Alkoholpegel der Reisenden, was manchmal zu äußerst spannenden Auseinandersetzungen über den Kurvenverlauf führt. Die Polizei finde ich – im Vergleich zu ihren österreichischen Artgenossen – vergleichsweise harmlos. Die Aussicht auf eine längere Auseinandersetzung mit der Landessprache nicht mächtigen Urlaubern sorgt offensichtlich dafür, Autos mit deutschen Kennzeichen lieber nicht anzuhalten. Ich habe jedenfalls in mehr als 7 Jahren nur einmal Kontakt mit den Carabinieri gehabt, da bin ich aber auch um vier Uhr morgens mit heruntergekurbelten Fenstern und lauter Musik in der Mitte der Straße und mit 80 km/h durch den Ort geflogen. Vorgeschobene Fremdsprachenuntüchtigkeit (ich konnte ja wegen Alkoholfahne den Mund nicht aufmachen, riss also nur die Augen auf und zuckte mit den Schultern) sorgte aber dafür, dass die feierabendwilligen Ordnungskräfte mich alsbald augenrollend weiterwinkten. Man sollte es aber vermutlich nicht drauf anlegen.

Generell ist der italienische Verkehr durch mehr Rücksichtnahme und weniger Rechthaberei gekennzeichnet, wenn man sich einmal darauf eingestellt hat, fährt es sich eigentlich ganz entspannt. An einer grünen Ampel sollte man zur Sicherheit lieber doch nochmal schauen, ob nicht noch jemand kommt und auf der Vorfahrtsstraße empfiehlt es sich, auch ein Auge auf die Nebenstraße zu werfen, ob die von dort kommenden die Vorfahrtsregelung genauso interpretieren oder womöglich eine jahrzehntelang tradierte Abweichung bevorzugen. Wenn sich der Verkehr mal staut, und das tut er praktisch immer, wird man gern und bereitwillig auf die Hauptstraße reingelassen – man muss diesen Willen aber auch deutlich kundtun! Blinken und warten reicht da nicht, man muss die Motorhaube schon mal einen halben Meter in den fließenden Verkehr halten und sich bei den scharf notbremsenden Hauptstraßenfahrern freundlich für ihr Entgegenkommen bedanken. Das gilt übrigens auch für Zebrastreifen: Während der Italiener durchaus anhält, darf man als Fußgänger nicht einfach dastehen und darauf warten, sondern muss schonmal mit einem todesmutigen Schritt seinen Wunsch, die Straße zu überqueren, deutlich machen. Klappt eigentlich fast immer. Ansonsten kann man auch seine weibliche und möglichst blonde Begleitung vorschicken, das bringt den eben noch fließenden Verkehr mit absoluter Sicherheit zum stehen.

Eine Besonderheit sind noch Baustellen. Wundert euch nicht, wenn vor Straßenbaustellen eine ganze Reihe von Geschwindigkeitsbegrenzungsschildern stehen, die üblicherweise mahnen, mit Tempo 30, 20, 10 und schließlich 5 zu fahren. Alle diese weisen nur darauf hin, dass es sich um eine Baustelle handelt oder irgendwann mal handelte, niemand erwartet, dass man tatsächlich langsamer fährt und schon gar nicht mit der anempfohlenen Geschwindigkeit. Da auf italienischen Straßenbaustellen aber praktisch nie jemand arbeitet, gefährdet man auch niemanden, wenn man unbeirrt durchbrettert. Wenn die Baustelle besetzt ist, sorgen sowieso nochmal zwei verkehrsregelnde Bauarbeiter mit roten und grünen Lollipops für einen Kompletthalt – außerhalb dieser Zeiten: „Augen zu und durch!“ Eine Besonderheit sind nächtliche Autobahnmarkierungen mit brennenden Fackeln oder Öltöpfchen – wenn man nicht gerade drüberfährt, sieht das immer ganz spektakulär aus.

Ich werde hier noch weitere Beobachtungen hinzufügen aber generell gilt für Autofahren auf dem Stiefel eigentlich nur folgendes: Nehmt euch genug Zeit, um ohne Hetze zum Ziel zu kommen, legt gute Musik ein (italienisches Plapperradio ist unerträglich), stellt die Lehne zurück und lasst euch treiben. Im Zweifelsfall dürft ihr auf die Aufmerksamkeit und Nettigkeit italienischer Autofahrer bauen, die fremden Kennzeichen gegenüber auch deutlich nachsichtiger sind als bei eigenen Landsleuten. Stures Beharren auf Vorfahrt und andere Rechthabereien führen hier noch schneller zur Kollision als in Deutschland. Passt ein bissel auf bei Geschwindigkeitsbegrenzungen aber meist wird man vor einer Radarfalle sowieso von dutzenden entgegenkommenden Autofahrern gewarnt – bedankt euch dafür mit Handheben und warnt im Gegenzug auch, wenn ihr Geschwindigkeitsmessungen seht. Und wenn ihr jetzt einen kleinen Kratzer oder einen zerbrochenen Spiegel nicht als Weltuntergang betrachtet, dann steht einem schönen Trip ins Land, wo die Zitronen blühen eigentlich nichts entgegen.

Weitere allgemeingültige Informationen zum Überleben in Italien gibt’s in diesem Video von Bruno Bozzetto (euch vielleicht noch bekannt als Schöpfer von „Herr Rossi sucht das Glück“):