Andrea Romano Manicomio Football Club.

Andrea Romano: „Manicomio Football Club“

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Andrea Romano "Manicomio Football Club."

Andrea Romano „Manicomio Football Club.“

Ich freue mich ja bekanntlich über jedes Buch aus den Kurven, jede Menge Bücher zum Support schaffen es, die auf den Rängen gelebten Emotionen nachvollziehbar zu machen. Emotionen, mit denen wir uns hier alle ganz einfach identifizieren können. Bücher zum Fußball im engeren Sinne hingegen haben mich nur ganz selten gepackt, die finde ich in der Regel eher mäßig spannend. Sei es, dass wenn ich das Spiel gesehen habe, ich selbst viel buntere Erinnerungen habe. Sei es, dass wenn ich das Spiel nicht kenne oder es mich nicht interessiert, ich mich auch im Nachgang nicht begeistern kann. Heute will ich aber gern die Ausnahme präsentieren, ein Fußballbuch, das mich nicht nur positiv überrascht hat, sondern dass ich auch in einem Zug durchlesen musste. Unmöglich, es beiseite zu legen.

Der "Manicomio Football Club", etwa "FC Irrenanstalt", ist eine Mannschaft aus Verrückten, aus wenig mehrheitsfähigen Persönlichkeiten. Ein Team aus Spielern, die in die Geschichte eingegangen sind, nicht nur wegen ihrer Fernschüsse, spektakulärer Fallrückzieher, Blutgrätschen oder stählerner Lungen. Andrea Romano stellt die Torhüter Grobbellaar und Schumacher auf, den Abwehrverbund bilden Tony Adams, Goikoetxea, Taribo West, Pasquale Bruno und Paolo Montero. Die vier im Mittelfeld heißen Paul Gascoigne, Roy Keane, George Best und Stefan Effenberg. Und für – unter anderem – die Tore sind Cantona, Edmundo, Giorgio Chinaglia und Gianfranco Zigoni zuständig. Und wer sollte ein solches Team trainieren, wenn nicht Raymond Domenech? Ist das Konzept jetzt so ungefähr klar?

Natürlich beißt sich ein solches Team gehörig mit der Idee des modernen Fußballs. Unser heutiger Fußball ist dermaßen stromlinienförmig durchorganisiert, bis ins kleinste Detail ausgetüftelt und 24 Stunden am Tag von den Röntgenstrahlen der Massenmedien durchleuchtet, dass es keinen Platz mehr gibt für die "Verrückten". Die "Verrückte" dann auch nur sind, wenn du dir von einem Fußballspieler in jedem Lebensbereich absolute Unfehlbarkeit und Perfektion erwartest. Also alles das, was du selbst nicht bist. Bescheuerte Vorstellung natürlich. Der Fußball, der richtige, ist hingegen die Simulation des Lebens auf einem grasgrünen Rechteck. Schade, dass das heutzutage alles einer hysterischen Doppelmoral zum Opfer gefallen ist und vor dem Hintergrund der ewigen Gleichförmigkeit des modernen Fußballers reichen schon ein Tattoo oder gefärbte Haare auf der ersten Seite, um Zeitungen zu verkaufen.

Ich rede also von einem der ganz wenigen Fußballbücher, die mich wirklich bewegt haben. Vermutlich, weil ich selbst mit einem Sport aufgewachsen bin, in dem es noch "Typen" zuhauf gab, den Fußball der Effenberg, Basler, Lienen, Breitner, Frosch und wie sie nicht alle heißen. Und mir fehlen diese Spieler, die tatsächlich noch etwas zu sagen hatten, die irgendwie welche "von uns" waren, die noch nicht vom Pressebüro und der Public Relations-Abteilung gleichgeschaltet waren. Mir fehlen die, von denen du dir alles erwarten konntest, wenn ihnen jemand ein Mikro vor die Nase hielt, weit jenseits von Standardformeln wie "Schade, dass wir das Spiel verloren haben. Beim nächsten Mal müssen wir die Ärmel hochkrempeln und nochmal alles geben". Mir fehlen die, die sich zur Beruhigung in der Kabine erstmal einen Whiskey gegeben haben, bevor sie den Spielertunnel beschritten. Mir fehlen die Durchgeknallten, die "wie wir".

Aber vor allem handelt es sich hier um ein extrem gut geschriebenes Buch. Ich liebe die Art, wie der Autor mit der Zeit arbeitet, wie er es schafft, die erzählte Zeit zu verlangsamen, bis sie bald stehen bleibt, um in den Moment einzudringen, in das Hirn des Spielers, in einen Schweißtropfen. Die Art, wie er nachvollziehbar macht, wie das Blut vor dem entscheidenden Elfmeter durch die Schläfen hämmert, wie das gerade gewässerte Grün riecht, der Staub der Laufbahn. Dann lässt er die Zeit wieder losrasen und springen, vorwärts und wieder zurück, schafft Pausen, hält inne, beschleunigt… um es dem Leser so zu ermöglichen ganz nah an den Spieler, den Menschen, heranzurücken. Mir ging das jedenfalls so. Er schafft es, Dynamiken und psychologische Grundzüge zu erklären, ohne auch nur für eine Minute langweilig zu werden oder in die abgedroschene Küchenpsychologie abzudriften. Und vor allem richtet und bewertet er nie. Gascoignes Unsicherheit zum Beispiel, Goikoetxeas Stolz oder die verspielte Phantasie Edmundos.

Es ist ein Buch, dass dir dabei Hilft, dir eine Meinung zu bilden. Du. Ohne, dass der Autor dich dabei in irgendeine Richtung drängt. Mehr kann man nicht erwarten. Natürlich sind nicht alle Kapitel gleichermaßen perfekt, ganz wenige Male hat Andrea Romano vielleicht übertrieben mit seinem genialen Einfall, mit dem Ablauf der Zeit zu spielen. Aber das wird niemals unangenehm, nie langweilig und vor allem – dies ist vielleicht der beeindruckendste Aspekt – schafft er es, die wichtigsten Anekdoten und Episoden aufzugreifen, um aus ihnen etwas wirklich neues zusammenzusetzen, auch wenn die Begebenheiten vielleicht sogar bekannt sind.

Ich weiß nicht, ob man das merkt, aber ich bin wirklich begeistert von dem Buch. Eine Empfehlung für alle, die ein Herz für leicht entgleiste Spieler haben. Leider bis jetzt nur auf italienisch.

Fußballer, die eine Schraube locker haben, geführt von durchgedrehten Trainern. Sechzehn Geschichten von mittelmäßigen Spielern und Champions, die durch ihre "Kopfstöße" unsterblich wurden. So wie Paul Cascoigne, der dem jungen Rino Gattuso in die Töppen pinkelte, als der gerade bei den Rangers angeheuert hatte. Oder Taribo West, der überall verkündete, mit Gott zu sprechen. Und dann noch der baskische Gigant Andoni Goikoetxea, der heute noch in einer Vitrine den Schuh aufbewahrt, mit dem er Maradonas Knöchel in drei Teile zerlegte. Um, nicht vom Killerfoul Toni Schumachers an Patrick Battiston zu reden, der dafür zum meistgehassten Deutschen aller Zeiten gewählt wurde. Dann der unvergessliche Eric Cantona, einen, den sie in Manchester "Dieu" nannten und der einem Fan von Crystal Palace einen sauberen Roundhouse Kick angedeihen ließ. Roy Keane, Spitzname "Captain Psycho", der während des Stadtderbies von Manchester mit einer wütenden Grätsche die Karriere von Haaland beendete. Eine aus dem Irrenhaus entsprungene Mannschaft, in der Genialität und Zügellosigkeit, Talent und (Selbst-)Zerstörungstrieb Hand in Hand gehen. Im Gegenteil, oft genug nährt das eine das andere.